Produktion zurück in die Stadt. Ein Plädoyer

Wie selbstverständlich wird die moderne Funktionstrennung in Wohn- und Gewerbequartiere akzeptiert, die den Nachkriegsstädtebau geprägt hat. Dieter Läpple, lange Zeit Leiter des Instituts für Stadt- und Regionalökonomie an der Uni Hamburg, setzt sich für ein Umdenken ein – solche Schwarz-Weiß-Modelle führten zu einem Stadtkonzept, das in Zeiten der digitalen Produktion unzeitgemäß sei. In seinem Plädoyer für die produktive Stadt hat er auch die Räume für die „low skill qualifications“ im Blick, die beim Kampf um die städtischen Flächen schnell zu kurz kommen

Text: Läpple, Dieter, Hamburg

    Apokalypse der Stadt als Freizeittempel – in dem Film „Megalomania“ von Factory Fifteen besteht die Großstadt nurmehr aus leerer Infrastruktur; Wohnungen hängen wie nutzlose Trauben am London Eye.
    Foto: Jonathan Gales

    Apokalypse der Stadt als Freizeittempel – in dem Film „Megalomania“ von Factory Fifteen besteht die Großstadt nurmehr aus leerer Infrastruktur; Wohnungen hängen wie nutzlose Trauben am London Eye.

    Foto: Jonathan Gales

    YMBA-Microfac­tory verbindet neue und alte Produktion vertikal miteinander. Idee einer Fabrik in der Bowery Straße, New York
    Schnitt: Hand Dong und Harry Wei. Aus: Nina Rap­paport, „Vertical Urban Factory“, Actar Barcelona 2015

    YMBA-Microfac­tory verbindet neue und alte Produktion vertikal miteinander. Idee einer Fabrik in der Bowery Straße, New York

    Schnitt: Hand Dong und Harry Wei. Aus: Nina Rap­paport, „Vertical Urban Factory“, Actar Barcelona 2015

    Nina Rappaports Konzept einer nachhaltigen Vertical Urban Factory
    Diagramm: Francisco Waltersdorfer. Aus: Nina Rap­paport, „Vertical Urban Factory“, Actar Barcelona 2015

    Nina Rappaports Konzept einer nachhaltigen Vertical Urban Factory

    Diagramm: Francisco Waltersdorfer. Aus: Nina Rap­paport, „Vertical Urban Factory“, Actar Barcelona 2015

    Schnitt Le Dôme, Caen. Vertikale Produktion in FabLabs
    Schnitt: Architekturbüro Bruther

    Schnitt Le Dôme, Caen. Vertikale Produktion in FabLabs

    Schnitt: Architekturbüro Bruther

Produktion zurück in die Stadt. Ein Plädoyer

Wie selbstverständlich wird die moderne Funktionstrennung in Wohn- und Gewerbequartiere akzeptiert, die den Nachkriegsstädtebau geprägt hat. Dieter Läpple, lange Zeit Leiter des Instituts für Stadt- und Regionalökonomie an der Uni Hamburg, setzt sich für ein Umdenken ein – solche Schwarz-Weiß-Modelle führten zu einem Stadtkonzept, das in Zeiten der digitalen Produktion unzeitgemäß sei. In seinem Plädoyer für die produktive Stadt hat er auch die Räume für die „low skill qualifications“ im Blick, die beim Kampf um die städtischen Flächen schnell zu kurz kommen

Text: Läpple, Dieter, Hamburg

Wohnen, wohnen, wohnen – das kurzatmige Credo deutscher Stadtpolitik

Die Verfallsgeschichten, die lange Zeit den Diskurs über die Stadt dominiert haben, sind längst abgelöst von einer neuen Lust auf Stadt. Die Menschen zieht es in die Städte, vor allem in die Metropolen. In Zeiten unsicherer Arbeitsmärkte und entstandardisierter Lebensformen bieten Städte nicht nur ein breites Angebot an Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern auch vielfältige Dienstleistungen und soziale Infrastrukturen vor Ort. Dazu kommt ein starker Zuzug von Einwanderern aus europäischen Ländern in der Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise in der Europäischen Union und ein unübersehbarer  Zustrom von Menschen, die Schutz und Asyl suchen angesichts von Krieg, Bürgerkrieg, Umweltkatastrophen und politischer Verfolgung. All diese Menschen wollen in die Städte, in der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben.
Dieses neue Stadtwachstum ist mit erheblichen Wachstumsschmerzen und neuen Fragmentierungen der Gesellschaft verbunden. Sehr offensichtlich zeigt sich dies auf dem Wohnungsmarkt, wo ein überbordender Nachfragedruck auf ein völlig unzureichendes Angebot stößt. Seit dem Wende-Boom haben die Städte den Wohnungsbau, insbesondere den sozialen Wohnungsbau, stark vernachlässigt. Angesichts einer anhaltenden Suburbanisierung und eines erwarteten Bevölkerungsrückgangs wurde kaum mehr in den Neubau von Wohnungen investiert. Der Bestand an Sozialwohnungen ist drastisch geschrumpft und schrumpft noch weiterhin. Da der Wohnungsmarkt eine geringe Anpassungselastizität hat, also auf Veränderungen sehr verzögert reagiert, kommt es zu teilweise  extrem steigenden Mieten und Verdrängungsprozessen. Vor allem in den innenstadtnahen Altbauquartieren der großen Städte wird ein „Kampf um den Raum“ ausgetragen. Verlierer sind insbesondere Geringverdiener, Transferempfänger, einkommensschwache Haushalte mit Kindern sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Aber auch mittlere Einkommensschichten sind von diesen Verdrängungsprozessen betroffen. Die Rede ist inzwischen von einer „neuen Wohnungsnot“, die die soziale Polarisierung der Stadtgesellschaft verschärft. Kurz: die  Wohnungsfrage wurde nicht nur zu einem sozialen, sondern auch zu einem politischen Problem. Sie ist zurück auf der politischen Agenda. Es wird immer deutlicher: Der Wohnungsbau darf nicht allein dem Markt überlassen werden.  
Aber die Städte tun sich schwer. Trotz des Problemdrucks und der politischen Bedeutung kommt der städtische Wohnungsbau nur mühsam in Gang. Durch mangelnde Vorsorge in der Vergangenheit fehlt den Städten geeignetes Bauland. Die regulatorischen Hürden sind in fast allen Bereichen gestiegen und erschweren das Schaffen von Baurecht und den Bauprozess. Die Baukosten steigen überproportional, und die Bauwirtschaft kämpft mit Fachkräftemangel. Ungeachtet des riesigen Bedarfs an bezahlbaren Wohnungen entstehen  bisher neue Wohnungen vor allem im hochpreisigen Segment der Luxuswohnungen.
Trotz aller verbalen Bekenntnisse zu einem Mehr an funktionaler Nutzungsmischung führt die aktuelle Problemkonstellation in den meisten deutschen Städten zu einer einseitigen Orientierung auf eine quantitativ ausgerichtete Wohnungspolitik. Entgegen allen professionellen Einsichten, dass die neuen urbanen Strukturen nicht mehr bestimmt sein sollten durch funktionale Entmischung, Spezialisierung und Vereinheitlichung, sondern Vielfalt und eine Re-Integration städtischer Funktionen gefragt sind, drohen wieder monofunktionale Siedlungen statt städtischer Quartiere.
Die unerwartete Einwanderungswelle von Hunderttausenden Menschen aus den Krisengebieten des Mittleren Ostens und Afrikas, die in Deutschland Schutz und Asyl suchen, hat sich die Wohnungsfrage in den Städten weiter zugespitzt. Aber auch bei der Flüchtlingsfrage gilt, die Wohnungsfrage – so schwierig sie aktuell sein mag – darf nicht isoliert werden von anderen Funktionsbereichen des städtischen Lebens. Vor allem müssen Wohnen und Arbeiten in vielfältiger Weise verknüpft werden. Denn in einer auf Erwerbsarbeit ausgerichteten Gesellschaft ist die Teilhabe am Arbeitsleben letztlich entscheidend für gelingende Integration. Oder wie es der kanadische Migrationsforscher Randall Hansen formuliert: „Immigration works where Immigrants work.“ Natürlich brauchen die Menschen eine menschenwürdige Behausung und Bildungsangebote zum Sprach­erwerb. Der Problemlage entsprechend wäre es jedoch dringend geboten, mit „Crossover-Strategien“ Wohnungs-, Qualifikations- und Arbeitsmarktfragen zu verknüpfen. Wichtig wäre vor allem, den Menschen „eine Stimme zu geben“ und sie aktiv an der Gestaltung ihres neuen Lebens, insbesondere ihrer Unterbringung und ihrer städtischen Umwelt teilhaben zu lassen. So bietet beispielsweise die betreute Mitarbeit auf Baustellen die direkteste Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Wohnsituation und eine erste Orientierung im Hinblick auf berufliche Perspektiven. Zugleich können solche Projekte der „Hilfe zur Selbsthilfe“ wesentlich zur Entwicklung funktionierender Nachbarschaften beitragen.
Es zeichnet sich jedoch bereits ab, dass offensichtlich die Größe der Aufgabe und die Dringlichkeit des Handelns jede Form von Innovation blockieren und letztlich Maßnahmen favorisiert werden, die langfristige Integrationsperspektiven verbauen. Unter dem Zeitdruck wird für den Bauprozess meist auf private Investoren zurückgegriffen, die in der Regel ihre bereits fertigen Entwürfe realisieren wollen und kaum bereit sind, Flüchtlinge in den Bauprozess einzubeziehen. Das Resultat werden aller Voraussicht nach monofunktionale und sozial homogene „Express-Siedlungen“ sein, also genau das Gegenteil von dem, was für eine sinnvolle Integrationsperspektive erforderlich ist. Nach dem historischen Fehler, den Wohnungsbau über lange Zeit sträflich zu vernachlässigen, droht nun durch kurzatmige Lösungsversuche ein zweiter, vielleicht noch folgenreicherer Fehler. Denn die lange Lebensdauer von Gebäuden und urbanen Infrastrukturen führt zu Pfadabhängigkeiten, die auf lange Sicht schwierig zu ändern sind.
Dabei sind wir inzwischen mit urbanen Arbeitswelten konfrontiert, in denen sich die traditionellen funktionalen, räumlichen und zeitlichen Trennungen der Sphären der Arbeit, des Wohnens und der Freizeit auflösen. Gefragt sind also urbane Strukturen, die diesen neuen Wohn- und Arbeitsformen entsprechen und die – angesichts der starken Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit – eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.
So drängend die Wohnungsfrage ist, alle Lösungsversuche müssen sich im Sinne ihrer Nachhaltigkeit der Herausforderung: Wohnen und mehr“ stellen, d.h. der Einbettung des Wohnens in multifunktionale urbane Kontexte – entgegen dem immer noch geltenden Trennungsgrundsatz zwischen Wohnen und Arbeiten der Baunutzungsverordnung1; entgegen den ökonomischen Interessen der Bauwirtschaft, die bauen möchten, was sie schon immer gebaut haben; und trotz aller Bedenken der Wohnungswirtschaft muss der Erdgeschossbereich grundsätzlich auf die Möglichkeit einer gewerblichen oder gemeinschaftlichen Nutzung ausgerichtet werden. (siehe die Texte von Robert Temel Seite 80 und Arlella Masboungi Seite 84)

Der städtische Arbeitsmarkt und die Polarisierung der Stadtgesellschaft

Neben der existenziellen Bedeutung von Wohnen ist der Arbeitsmarkt nach wie vor die zentrale Arena, in der die Entscheidungen über die Lebenschancen der Menschen fallen. Die Teilhabe am Arbeitsleben ist in unserer Gesellschaft wesentlich für eine gelingende Integration. Und hier zeigt sich auch ein zentrales gesellschaftliches Problem unserer Städte: Durch den Strukturwandel hat sich die Absorptionsfähigkeit städtischer Arbeitsmärkte vor allem im unteren Qualifikationsbereich gravierend verringert. Der Arbeitsmarkt bietet „Verlierern“ des Strukturwandels und Migranten mit geringeren Qualifikationen nur begrenzt Zugang und kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Damit stehen sie potenziell auch auf dem Wohnungsmarkt auf der Verliererseite.
Seit Anfang der 1980er Jahre sind die deutschen Großstädte mit dem Problem einer anhaltenden Arbeitslosigkeit konfrontiert. Insbesondere der hohe Anteil von Dauerarbeitslosigkeit in einigen Stadtquartieren verweist auf tief greifende strukturelle Probleme im Bereich der städtischen Ökonomie und des Arbeitsmarktes. Eine wesentliche Ursache dafür ist der mit der Globalisierung und der Einführung neuer Technologien verbundene Abbau von Arbeitsplätzen in der industriellen Produktion, von dem insbesondere Migranten betroffen waren, die ja als „Gastarbeiter“ für genau diese Arbeitsplätze im Nachkriegsboom angeworben wurden. Dem Verlust von Arbeitsplätzen in den Bereichen der industriellen Fertigung und des verarbeitenden Gewerbes steht zwar ein Wachstum in unterschiedlichen Dienstleistungsbereichen gegenüber. Mit den sozialökonomischen Wandlungsprozessen wurden jedoch nicht nur Jobs vernichtet, sondern es hat sich gleichzeitig das Arbeitskräfteangebot erhöht. Durch die starke Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit und eine ausgeprägte Binnenwanderung kamen mehr und vielfach besser qualifizierte Menschen zusätzlich auf den städtischen Arbeitsmarkt. Dies führte zu einer folgenreichen Entkopplung von Beschäftigungsentwicklung und Arbeitslosigkeit. Der Arbeitskräftebedarf für die neuen Jobs wurde immer weniger aus dem Arbeitslosenbestand gedeckt, da die neuen städtischen Dienstleistungsökonomien andere, überwiegend höhere Qualifikationsanforderungen haben. Menschen, die in der Industrie ihren Arbeitsplatz verloren haben oder die neu auf den Arbeitsmarkt wollen, aber nicht über die erforderlichen Qualifikationen verfügen – so wie junge Flüchtlinge, aber auch manche Jugendliche aus der zweiten oder dritten Einwanderergeneration – , sind mit der Gefahr konfrontiert,  dauerhaft in die Arbeitslosigkeit abgedrängt zu werden. Für eine Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland ist dies eine fatale Problemkonstellation2.
Unsere Stadtgesellschaft hat sich in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Aus einer relativ homogenen, vom Mittelstand geprägten Gesellschaft, die ethnisch wenig differenziert war, entstand eine zunehmend kosmopolitische Stadtbevölkerung. Wir sind konfrontiert mit äußerst unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus, einer Ausdifferenzierung von Lebensstilen und Qualifikationen sowie einer zunehmenden sozialen Spaltung der Stadt. In einer Zeit, wo wir die Öffnung des Arbeitsmarktes nach unten bräuchten, schließt sich der Arbeitsmarkt nach unten und verliert seine Integrationskraft. Daraus ergibt sich die große Herausforderung, die urbanen Arbeitswelten so weiterzuentwickeln, dass sie einer heterogenen Stadtgesellschaft Integrations- und Aufstiegsperspektiven bieten. Nicht nur die Wohnungs- und die Bildungsfrage müssen auf die politische Agenda, sondern auch die Frage urbaner Arbeitswelten. Der städtische Arbeitsmarkt ist kein Deus ex machina, den die Stadtplanung allenfalls in seinen räumlichen Auswirkungen steuern und kanalisieren muss, vielmehr muss er den Status eines zentrales Gestaltungsfeldes einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung bekommen, insbesondere in einer kosmopolitischen Stadt.

Der Mythos einer postindustriellen Entwicklungsperspektive

Beschleunigt durch die Megatrends der Globalisierung und Digitalisierung vollzog sich eine tiefgreifende Wandlung der ökonomischen Basis der Städte. In der Folge dieses Strukturwandels haben die Städte ihre Rolle als Zentren industrieller Produktion weitgehend verloren. In vielen Städten vollzog sich ein ausgeprägter De-Industrialisierungsprozess, der – wie bereits angedeutet – eine wesentliche Ursache für Ausmaß und Form der in den Städten konzentrierten Massenarbeitslosigkeit ist. Mit der Transformation der traditionellen Industriesysteme, basierend auf Massenproduktionsvorteilen der großen Fabrikanlagen und Großraumbüros, haben sich neue Formen einer wissens- und kulturbasierten Ökonomie herausgebildet, die wesentlich zu einer Neubewertung der Städte beigetragen haben (vgl. Läpple, 2005). Die Entwicklung der Ökonomie der Stadt ist – so scheint es – geprägt von einem allgemeinen Tertiarisierungsprozess, der in der Tradition von Jean Fouratié und Daniel Bell als Prozess der Herausbildung einer Dienstleistungsgesellschaft beschrieben und von vielen Autoren als ein unumkehrbarer säkularer Trend charakterisiert wird. So betonen die beiden Ökonomen Norbert Reuter und Karl Georg Zinn die zentrale Rolle der Tertiarisierung für den Arbeitsmarkt wie folgt: „Die empirischen und theoretischen Befunde deuten darauf hin, dass Arbeitsplätze in nennenswertem Umfang zukünftig nur noch im Dienstleistungssektor zu schaffen sind.“ Und der in Berlin lehrende Harvard- Ökonom Michael Burda fordert einen Abschied von der Vorstellung, „dass das wirtschaftliche Überleben eines Landes eine produzierende Industrie voraussetzt“.
Auch in der Stadtdiskussion dominierten in den letzten Jahrzehnten Theorien mit einem sehr ausgeprägten postindustriellen Bias. Dies gilt beispielsweise für die Global City-Hypothese, die von einer räumlichen Entkopplung von Industrie und Dienstleistungen ausgeht und die Konzentration von strategischen Dienstleistungen in den Global Cities im komplementären Zusammenhang mit einer ausgelagerten und transnational organisierten industriellen Produktion sieht. Auch in dem Konzept der Creative City von Richard Florida haben Industrie und materielle Produktion keine Bedeutung mehr für die kreative Stadt. Die auch in der deutschen Stadtdiskussion sehr verbreitete Hypothese einer postindustriellen Stadt beinhaltet letztlich – explizit oder implizit – die Vorstellung, dass das Verschwinden von Industrie, Manufakturen und Handwerk aus unseren Städten in der Folge einer Kulturalisierung und Digitalisierung der Ökonomie nicht aufzuhalten ist.
Ist es tatsächlich so, dass Industrie und produzierendes Gewerbe keine Zukunft mehr haben in unseren Städten, dass also die Zukunft urbaner Arbeitswelten nur noch in den Dienstleistungen, insbesondere denen der Wissensökonomie und der Kultur- und Kreativwirtschaft auf der einen Seite und den gering entlohnten und meist prekären Beschäftigungen in Bereichen wie Gastronomie, Einzelhandel, Reinigung oder Bewachung auf der anderen Seite zu suchen ist?
Richtig ist, dass sich in den hochentwickelten Ländern wie Deutschland oder den USA ein Wandel von der Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft vollzogen hat, in dem Sinne, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Industrie, insbesondere die Beschäftigung im industriellen Bereich, stark zurück gegangen ist. Nicht haltbar erscheint mir allerdings die These, dass die Industrie ökonomisch ihre Bedeutung verloren habe. Der Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft erfolgte nicht aufgrund einer Ablösung oder einer Substitution der Industrie durch Dienstleistungen, sondern in hohem Maße durch eine Transformation, die zu neuen Verflechtungs- und Bedingungszusammenhängen von Industrie und Dienstleistungen geführt hat. Eine leistungsfähige industrielle Basis wird von vielen Autoren als Voraussetzung für das starke Wachstum der unternehmensorientierten Dienstleistungen gesehen. Das Verhältnis von Industrie und Dienstleistungen wird also durch Komplementarität und nicht durch Substitution gekennzeichnet.
In einer vergleichenden Studie zur urbanen Beschäftigungsdynamik in deutschen Stadtregionen stellen die beiden Arbeitsmarktforscher Dietmar Dathe und Günther Schmid auf Stadtregionsebene ausgeprägte Wirkungszusammenhänge zwischen hochwertigen Dienstleistungen und Industrie („Service-Manufacturing-Links“) fest und kommen zu der Einschätzung, dass die Wirtschafts- bzw. Innovationsstärke eines Standortes die Performanz dieser Industrie- und Dienstleistungszweige befördert.
Dieses Wechselverhältnis von Industrie und Dienstleistungen hat nicht nur Konsequenzen für die ökonomische und innovative Dynamik von Stadtregionen, sondern auch für deren soziale Entwicklung. Hartmut Häußermann hat darauf hingewiesen, dass Städte, deren ökonomische Basis vor allem vom Dienstleistungssektor geprägt ist, eine stärkere Polarisierung der Einkommen und eine stärkere Polarisierung der sozialräumlichen Struktur aufweisen als Städte, die noch ein solides industrielles Fundament haben.
Es bleibt festzustellen: In Deutschland ist die Industrie – glücklicherweise – nicht aus den Städten verschwunden. Gerade in der stark exportorientierten und wissensbasierten Industrie wurde darauf geachtet, eine kritische industrielle Basis in den Städten zu sichern, um innovationsfähig zu bleiben und sich die Produktionskompetenz zu erhalten. Ein Forscherkollektiv, das die Rolle der Industrie in der neuen städtischen Ökonomie untersucht hat, formuliert diesen Zusammenhang wie folgt: „The argument is that manufacturing cannot and should not be de-linked from typically urban ,knowledge-based‘ activities such as design and R&D. Or to put it more strongly, a manufacturing base is a necessary condition to develop and expand R&D and other high-level services“ (vgl. Van Winden u.a.) Mit der Transformation der ökonomischen Basis der Städte bilden sich – zumindest in den erfolgreichen Städten – Innovationsökologien heraus, in denen der materiellen Produktion eine zentrale Bedeutung zukommt.
Ganz anders sah die Entwicklung beispielsweise in den US-amerikanischen Städten aus. Trotz Warnungen vor dem Mythos und den Gefahren einer postindustriellen Ökonomie vollzog sich in den USA ein Strukturwandel, der tatsächlich sehr stark auf eine Substitution der Industrie durch Dienstleistungen ausgerichtet war. Angesichts der zunehmenden Billigkonkurrenz durch Schwellenländer im Bereich der industriellen Produktion setzte man die Hoffnung auf eine „Blaupausen-Ökonomie“. Die Konkurrenzposition sollte gestärkt werden, indem man versuchte, auf der Technologie-Leiter nach oben zu klettern und durch eine Konzentration auf Forschung und Entwicklung das Produktionswissen für eine globalisierte Ökonomie gewissermaßen zu monopolisieren. Die einfache Massenproduktion sollte dagegen den Billiglohnländern überlassen werden.
In einem Rückblick aus heutiger Sicht benennt der amerikanische Politologe Fancis Fukuyama die Probleme dieser postindustriellen Entwicklungsstrategie wie folgt: „Wir dachten, der Globalisierung nur Herr werden zu können, indem wir gar nichts mehr produzieren und lieber Dienstleistungen anbieten.“ Als Folge dieser Entwicklung klafft heute die Einkommensschere in den USA so weit auseinander wie nie zuvor, und die Mittelklasse ist einer Erosion unterworfen. Die Branchen der verarbeitenden Industrie, über die früher immer genügend Leute den Einzug in die Mittelklasse geschafft haben, sind – so Fukuyama – längst in asiatischer Hand. Auch der Nobelpreisträger Paul Krugman thematisiert die destruktiven sozialen Auswirkungen des amerikanischen Entwicklungsmodells. In einem Beitrag für die New York Times spricht er vom „sozialen Kollaps“ der weißen Arbeiterklasse, als Folge mangelnder ökonomischer Perspektiven. Und viele politische Kommentatoren betonen,  die deklassierte weiße Arbeiterklasse sei das Wählerpotenzial Donald Trumps, der in seinen Wahlkämpfen verspricht, durch einen neuen Protektionismus die alten Industrien wieder zurück in die USA zu holen. 
Es erscheint wie eine Ironie der Geschichte: Nachdem Deutschland mit dem Verweis auf den fortgeschrittenen Tertiarisierungsprozess in den USA lange Zeit als Nachzügler im Strukturwandel kritisiert wurde, wird gegenwärtig in den USA eine breite Diskussion über die Möglichkeiten einer Reindustrialisierung geführt. Dabei nimmt Deutschland mit seiner international bisher relativ erfolgreichen Industrie implizit die Rolle eines Vorbilds ein.

Wege aus der postindustriellen Sackgasse

1. „Service-Manufacturing-Links“, „smart factories“ und 3-D-Drucker
In den meisten deutschen Städten gibt es trotz Deindustrialisierung immer noch eine kritische industrielle Basis, die – zumindest in den erfolgreichen Städten – eingebunden ist in sogenannte „Service-Manufacturing-Links“, also ein Verflechtungs- und Wirkungsgefüge zwischen wissensintensiven Industrie- und Dienstleistungsfunktionen. Die Transformation der tradierten, auf Massenproduktion ausgerichteten Industrie in eine neue, stadtverträgliche Netzwerkökonomie ist allerdings noch längst nicht abgeschlossen. Hier bieten sich durch die Weiterentwicklung der Produktionstechnik und vor allem durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien interessante Gestaltungsoptionen für die Stärkung von Produktionsstandorten in den Städten. Entscheidend sind dabei nicht zuletzt die konsequente Reduktion der Emissionsbelastungen und die Einbindung in stadtverträgliche Logistiksysteme. Aber auch die effizientere Nutzung von Gewerbe- und Industrieflächen durch neue flächensparende städtebauliche und architektonische Konzepte, die die Stapelung von Funktionen ermöglichen, ist eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt der Industrie im städtischen Raum. Gefordert ist eine neue städtische Industriearchitektur, die nicht nur eine Integration von Produktion und Dienstleistungen in flächensparender Weise ermöglicht, sondern diese neuen industriellen Anlagen auch intelligent in den Stadtraum einbindet und die Produktion in der Stadt sichtbar macht.
Es geht jedoch nicht nur um die Transformation und den Erhalt der bestehenden industriellen Produktion. Heute lassen sich dank neuer Technologie auch wieder neue Fabriken mitten in der Stadt ansiedeln. Beispielhaft ist hierfür die neu gebaute Produktionsstätte der Firma Wittenstein in Fellbach direkt neben einer Passivhaussiedlung und in der Nähe einer S-Bahnstation. Dieses „Schaufensterprojekt“ der „Industrie 4.0“ (eine Anwendungsform des „Internets der Dinge“) soll zeigen – so die Selbstdarstellung der Firma Wittenstein –, wie „eine mitdenkende, vernetzte Produktion der Zukunft einmal aussehen und vor allen Dingen funktionieren wird“. Diese neue Fabrik ist jedoch zugleich ein Modellprojekt einer neuen Form stadtverträglicher Produktion, das deutlich macht, dass urbane Standorte auch für die Industrie Wettbewerbsvorteile bieten: Zugang zu einem Pool hochqualifizierter Fachkräfte, räumliche Nähe zu Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie Kooperationspartnern und die Verfügbarkeit entwickelter logistischer Systeme. Dieses Modellprojekt zeigt, dass die Rückkehr der Produktion in die Stadt eine realistische Option ist, allerdings verdeutlicht es auch, dass dazu die industrielle Produktion neu erfunden werden muss. „Manufacturing will not so much ,return‘, then, as be reinvented“ – formulieren auch Van Agtmael und Bakker in einer neuen Studie über „smart manufacturing“.
Die Rückkehr der Produktion in die Stadt wird möglicherweise auch erleichtert durch Veränderungen in der globalen Ökonomie und ein sich veränderndes Konsumentenverhalten. Galten Globalisierung und neue Technologien lange Zeit als unaufhaltsame Kräfte des Strukturwandels, die verbunden waren mit einer Verlagerung von Industriearbeitsplätzen ins Ausland, so scheint sich gegenwärtig ein neues „Möglichkeitsfenster“ („window of opportunity“) für alternative Handlungsansätze zu öffnen. Der Konkurrenzvorteil von Billiglohnländern wird immer brüchiger, und die Billigproduzenten richten ihre Ökonomien stärker auf Binnenentwicklung aus. Die Globalisierung der Ökonomie verliert an Dynamik. Es ist inzwischen die Rede vom „Peak Trade”, also der These, dass der Welthandel seinen historischen Gipfel überschritten habe. Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar spricht in diesem Zusammenhang von einer „Zeitenwende“. Gleichzeitig entwickelt sich angesichts der skandalösen Arbeitsverhältnisse und der umweltbelastenden Produktionsmethoden der globalen Billigproduktion eine zunehmende Nachfrage nach fair und umweltgerecht produzierten Produkten. Immer mehr Leute wollen lokale Produkte. Sie wollen wissen, wer ihre Produkte wie und mit welchen Materialien produziert. Sie sind auf der Suche nach Qualität und individueller spezieller Ästhetik. Dies führt zu neuen Nischenmärkten beispielsweise bei Textilien, Schuhen oder Nahrungsmitteln.  
Wie auch immer diese Entwicklungen einzuschätzen sind,  so ist doch deutlich, dass durch das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Wirkkräfte und Einflussfaktoren sich gegenwärtig Entwicklungen andeuten oder bereits abzeichnen, die neue Optionen für die Städte eröffnen könnten. Eine der spektakulärsten Möglichkeiten eröffnen offensichtlich die industriellen 3-D-Drucker, also die neuen „additiven Fertigungsmethoden“ auf digitaler Basis. Die Anwendungen scheinen kaum begrenzt: passgenaue Hörgeräte, Zahnkronen, Prothesen, Maschinenteile, Automobilersatzteile aus Plastik, Aluminium, Stahl, Titan, Glas oder Keramik. Selbst der „Druck“ von Häusern wird inzwischen getestet. Die Erwartungen und Spekulationen sind groß. So wird insbesondere die Rückverlagerung der globalisierten Produktion an die Orte des Konsums prognostiziert. Die Firma Adidas, die ihre Sportschuhe seit Jahren in Asien produzieren lässt, will Teile der Produktion zurück nach Deutschland holen durch den Bau
einer „Speedfactory“, die aus einer Kombination aus „Industrie 4.0“ und der 3-D-Drucker-Technologie besteht. Genau genommen ist es keine Rückverlagerung der bestehenden Massenproduktion, sondern die Neuerfindung eines Produktionssystems, durch das kleine Stückzahlen zeitgenau nach Bedarf weniger kostenintensiv produziert werden können. In Zukunft soll diese kundenspezifische Produktion dahin gehen, wo der Verbraucher mit seinen individuellen Wünschen ist.
Parallel zu diesen High-Tech-Strategien, wo „Handwerk durch Ingenieurskunst“ ersetzt wird, sehen wir aber auch eine Renaissance des Handwerks, zum Beispiel in städtischen Manufakturen, die ihre Produktion (u.a. auch Schuhe) auf eine Kundschaft ausrichten, die nachhaltig produzierte und dauerhafte Produkte kaufen möchte.
Es erscheint mir sinnvoll, sich nicht nur von den „neuen Ökomomien“ faszinieren zu lassen, so interessant die Entwicklungen auch sein mögen. In unseren urbanen Arbeitswelten finden sich neben wissenschafts- und kulturbasierten Bereichen auch vielfältige alte, zum Teil persistente, zum Teil erodierende oder in hybrider Überlagerung sich erneuernde Arbeits- und Produktionsformen, die eine zentrale Rolle spielen könnten bei der Schaffung und Stabilisierung niedrigschwelliger Arbeitsperspektiven.
Die folgenden Ausführungen gelten zwei sich inhaltlich überlagernden Argumentationen, dem deutschen Diskurs über „lokale Ökonomien“ und den amerikanischen über „urban manufacturing“. In beiden Argumentationslinien geht es – mit unterschiedlichen Gewichtungen und Ausrichtungen – um die Frage der Stärkung lokal eingebetteter Ökonomien und einer Erhöhung der Diversität der städtischen Ökonomie durch eine Reintegration von Produktionsfunktionen.  Gemeinsames Ziel ist es, die soziale Struktur der Städte zu stabilisieren und durch eine Stärkung lokaler Kreisläufe Stadtökonomien robuster zu machen gegen die Turbulenzen des Weltmarktes und des Finanzsystems.
2. Lokal eingebettete Ökonomien – Hoffnungsträger für die Quartiere?
Die persistente Arbeitslosigkeit und ihre Konzentration in benachteiligten Stadtteilen haben dazu geführt, dass über „lokale Ökonomie“ neu nachgedacht wird. Wenn Arbeitslosigkeit und Armut sich in bestimmten Stadträumen so hartnäckig behaupten, liegt es nahe – auch unter Bedingungen einer global ausgerichteten Ökonomie – zu fragen, ob und wie über die Förderung des lokalen Gewerbes die Beschäftigungs- und Lebensperspektiven der Menschen im Stadtteil verbessert und damit der sozialen Spaltung der Stadtgesellschaft entgegengewirkt werden kann. Die Stadtteil- und Quartiersbetriebe der lokalen Ökonomie bieten wohnungsnahe Arbeits-, Ausbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration und Sozialisation vor Ort. Mit ihren überwiegend auf den Lebensalltag ausgerichteten Produktions-, Dienstleistungs- und Wohlfahrtsangeboten prägen sie die Versorgungsqualität, Nutzungsvielfalt und urbane Kultur von Stadtteilen.
Der Bereich der lokalen Ökonomie umfasst das breite Spektrum „wohnungsnaher“ Klein- und Kleinstbetriebe des produzierenden und reparierenden Handwerks, des Einzelhandels, des Gesundheitswesens, der Gastronomie sowie andere Bereiche der sozialen, haushalts- und unternehmensorientierten Dienstleistungen. Die Bandbreite dieser Betriebe reicht also von tradiertem Handwerk und Betrieben der Migrantenökonomie über Alternativbetriebe bis hin zum Alleinunternehmer der „New Economy“.
Mit dem Begriff der „lokalen Ökonomie“ werden somit sehr unterschiedliche sozialökonomische Phänomene bezeichnet, deren Abgrenzung gegenüber „nicht lokalen“ Bereichen der Stadtökonomie kaum möglich ist. Es wäre also weniger missverständlich, statt von einer – wie immer abzugrenzenden – „lokalen Ökonomie“ von einer lokal verankerten oder lokal eingebetteten Ökonomie zu sprechen. (Läpple/Walter 2003 u. Läpple 2013)Für die lokal eingebettete Ökonomie ist der Stadtteil kein neutraler Standort, sondern er bildet ein Wirkungsfeld, das mit vielfältigen Synergien oder auch möglichen Entwicklungsblockaden verbunden ist. So ist in manchen benachteiligten Stadtteilen das Potenzial für die Entwicklung einer lokal verankerten Ökonomie schon so weit ausgedünnt und ist der Druck einer verfestigten Arbeitslosigkeit so groß, dass nur noch die Perspektive der Förderung einer staatlich alimentierten sozialen Ökonomie (z.B. über die Verknüpfung von Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen) möglich ist. Entscheidend ist dann jedoch, beschäftigungspolitische Brücken zum „Ersten Arbeitsmarkt“ und vor allem Übergänge aus dem Quartier in die umliegenden Stadtteile zu bauen. Mit solchen Brücken-Strategien muss versucht werden zu verhindern, dass die benachteiligten Stadtteile noch mehr isoliert werden und sich bestehende ökonomische Segmentierungen und soziale Ausgrenzungen lokal verfestigen. Im Wesentlichen geht es darum, Übergänge zu ermöglichen und zu erleichtern: aus der Schule in den Beruf, aus geförderten Arbeitsverhältnissen in den ersten Arbeitsmarkt, aus den begrenzten Bezügen der Nachbarschaft in den größeren Einzugsbereich der Stadt und Region.
Es gibt keine fertige Vision, die den richtigen Weg für eine Stärkung lokal eingebetteter Ökonomien weisen könnte. Wichtig ist: eine Sensibilität für die Möglichkeiten lokaler Entwicklungsstrategien, ein Aufspüren und eine gute Einschätzung der lokalen Potenziale sowie intelligente Vernetzungen. Es kommt darauf an, Projekte zu entwickeln, die Anregungen geben zum Anders-Machen, die Lernprozesse stimulieren und die die lokale sozialökonomische Vielfalt und die Handlungsoptionen erhöhen. Entscheidend ist jedoch ein klares politisches Commitment der Stadt, für derartige Zukunftsinvestitionen die nötigen Ressourcen bereitzustellen. Der Bereich der lokal verankerten Ökonomien darf nicht nur dem Markt überlassen werden. Es bedarf einer fokussierten Förderung, die sich auf die sozialen und kulturellen Kontexte der verschiedenen Arbeitswelten der lokal eingebetteten Ökonomien einlässt. Zugleich ist eine Verzahnung von Politikfeldern, durch die Verknüpfung von stadtentwicklungs-, arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Handlungsansätzen in der Form sogenannter Crossover-Strategien gefragt
Zur Verstetigung der Förderung bedarf es im Stadtteil verankerter Governance-Strukturen mit engagierten „Kümmerern“, die möglichst aufsuchende Beratung und Betreuung „aus einer Hand“ anbieten.
Eine Schlüsselfrage ist und bleibt die Bereitstellung bezahlbarer Gewerberäume im Stadtteil. Dies kann in den Erdgeschossbereichen in Form von Ladenlokalen, in Gewerbehöfen oder traditionellen Werkstätten erfolgen. Modellhaft kann hier auf den im Rahmen der IBA Hamburg entwickelten „Weltgewerbehof“ verwiesen werden (siehe Seite 66, A.d.R.). Dieser Gewerbehof für die lokale Ökonomie ist eine innovative Interpretation des traditionellen Konzeptes eines Gewerbehofs für einen „Ankunfts-Stadtteil“ mit einer kosmopolitischen Bewohnerschaft. Er ist eine gelungene Form städtischer Nutzungsmischung, die Möglichkeiten eröffnet, Arbeit und stadtverträgliche Produktion zurück in den Stadtteil zu bringen. Mit seinen günstigen Mieten bietet dieses Projekt Existenzgründern und bestehenden Klein- und Kleinstbetrieben die Chance, in ihrem lokalen Umfeld eine neue Lebensperspektive aufzubauen. Und er bietet der spezifischen Kultur der Selbständigkeit von Migranten eine produktive Entfaltungsmöglichkeit. Gleichzeitig stärkt er die Versorgungsqualität des Stadtteils.
Diese anspruchsvollen Aufgaben einer Förderung von Stadtteil und Quartiersbetrieben in benachteiligten Stadtteilen erfordern Ressourcen. Diese sind als Zukunftsinvestitionen zu betrachten, die auf mittlere Sicht eine „Stadt-Dividende“ erbringen im Sinne einer Stärkung des sozialen Zusammenhangs und einer ökonomischen Revitalisierung.
3. „Urban manufacturing“  und „Maker Movement – Beiträge zur
„nächsten Ökonomie“ der Stadt
In den amerikanischen Städten, die von den skizzierten Problemen einer postindustriellen Ökonomie in potenzierter Weise betroffen sind, wurde die ökonomische und soziale Bedeutung der Industrie und der materiellen Produktion wiederentdeckt. Seit einigen Jahren gibt es eine breite Diskussion über Möglichkeiten und Perspektiven „urbaner Produktion“ oder „urban manufacturing. Dieses neue Politikfeld ist eingebettet in die Diskussion über die Entwicklung der „next economy“ der Städte: einer Ökonomie, die nicht mehr getrieben sein soll von Konsum und Schulden, sondern fokussiert auf Produktion und getrieben durch Innovationen. Eine Ökonomie, die vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten für unterschiedliche Qualifikationsniveaus bieten und damit auch wieder Aufstiegsmöglichkeiten in die Mittelklasse eröffnen soll.
Als Beispiele für erfolgreiche „urbane Produktion“ gelten die städtischen Netzwerke der Mode- und Bekleidungsbranchen in New York, der Biotech-Unternehmen in Boston oder der Nahrungsmittelwirtschaft in Los Angeles. Diese neuen Formen der urbanen Produktion sind nicht zu vergleichen mit den „Schornsteinindustrien“ der Vergangenheit oder den Fabriken des Fordismus. Sie bestehen aus einem Mix aus Klein- und Mittelbetrieben, die mit ihrer kundenspezifischen, vielfach artisanalen Produktion auf lokale Nachfrage ausgerichtet sind.
Auf ein wichtiges Entwicklungsfeld der urbanen Produktion hat Ron Shiffman hingewiesen: die Rolle der urbanen Manufakturen als „stille Partner“ der Kreativwirtschaft. So benötigt beispielsweise die Kulturwirtschaft des Theaters oder der Musicals Kulissen und Kostüme. Fernsehstudios beschäftigen für das hochauflösende Fernsehen (HDTV) riesige Handwerksateliers, in denen die Ausstattungen für die Fernsehproduktion in Präzisionsarbeit erstellt werden. Die Produktdesigner brauchen handwerklich qualifizierte Produzenten für die Herstellung von Prototypen und für die eigentliche materielle Realisierung ihrer Entwürfe.
Weitere wichtige Stimuli und Potenziale für die Entwicklung urbaner Manufakturen ergeben sich aus der ökologischen Wende und den Versuchen, eine postfossile Gesellschaft aufzubauen. Insbesondere aus der Möglichkeit, die Energieproduktion unter Einsatz von „Smart Grids“ zu dezentralisieren und enger mit den Orten der Energiekonsumtion zu verbinden.
Außerordentlich interessant ist die FabLab-Bewegung, eine nichtprofitorientierte Makerhood-Bewegung, die sich der 3-D-Drucker-Technologie bedient. In einer Zeit, in der durch den Siegeszug der Digitalisierung sich alles in Virtualität aufzulösen scheint, ermöglicht die digital gesteuerte Technik des 3-D-Druckens die Rückkehr der materiellen Produktion ins tägliche Leben. Die Fabrication Laboratories sind vernetzte Kleinwerkstätten, die aus computergesteuerten Laserschneider, Fräsmaschinen, 3-D-Drucker etc. bestehen. Diese Mischung aus Computer und Minifabrik spuckt fertige Produkte nach individuellen Entwürfen aus und soll in Zukunft eine Dezentralisierung der Produktion an die Orte des Konsums ermöglichen. Das Motto dieser Open Source- und Makerhood-Bewegung ist: „Der Stadtteil ist unsere Fabrik.“
Wie auch immer diese euphorischen Visionen einzuschätzen sind, entscheidend sind eine neue Sensibilität und ein Interesse für materielle Produktion, verbunden mit einer erstaunlichen Begeisterung für Materialität und für das Machen, nicht nur bei Intellektuellen und einer Internet-Boheme, sondern auch bei Stadtteilgruppen und Jugendlichen. Es könnte eine Bewegung entstehen, die – in Verbindung mit anderen Wandlungsprozessen – tatsächlich Produktion wieder zurück in die Stadt bringen könnte.

Ausblick

Die moderne Industrie und die urbanen Manufakturen bieten ein breites Spektrum an Qualifikationen und sind nicht nur stadtverträglich, sondern stadtaffin. Es lohnt sich über neue Verknüpfungen und Kooperationen von Dienstleistungen, Industrie, Kreativwirtschaft, urbanen Manufakturen, FabLabs, lokalen und migrantischen Ökonomien nachzudenken. In unserer „Online-Gesellschaft“ scheint die Materialität der Dinge immer noch an Bedeutung – vor allem aber an Beachtung – zu verlieren. Diesem Mythos muss mit Entschiedenheit begegnet werden. Materielle Produktion, auch in ihrer industriellen Form, bleibt eine notwendige Basis der Stadt und der vielgestaltigen Stoffwechselprozesse mit der Natur. Somit auch eine wesentliche Voraussetzung für die Zukunftsaufgabe der Entwicklung einer post-fossilen Ökonomie.
In unseren Städten sind wir immer noch mit der problematischen Tendenz einer funktionalen Ausdünnung städtischer Räume konfrontiert. Nicht zuletzt als Folge einer Stadterneuerungspolitik, die vor allem auf störungsfreies Wohnen und flüssigen Verkehr ausgerichtet war, wurden immer mehr Mittel- und Kleinbetriebe des Handwerks, des verarbeitenden Gewerbes, des traditionellen Handels oder der Migrantenökonomie aus dem städtischen Geflecht gedrängt. Durch diese Entwicklung wurden viele Stadträume reduziert auf monofunktionales Wohnen, Konsum und Unterhaltung. Gefordert ist ein entschiedener Abschied von der „Entweder-Oder-Welt“ der Nachkriegsmoderne. Wir müssen uns auf die schwierigen Herausforderungen der komplexen „Sowohl-als-auch-Wirklichkeiten“ unserer Städte einlassen und sie in ihrer Vielfalt und Diversität stärken und ihre Widersprüchlichkeit zulassen.

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