Peter Neitzke

1938–2015

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Foto: Markus Hablizel

Foto: Markus Hablizel


Peter Neitzke

1938–2015

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Sein letztes Buch, eine Art Lebensmanifest, galt dem Verschwinden. Dem Abtauchen aus einer omnipräsenten und überwachenden Gesellschaft, der Peter Neitzke, Architekt, Publizist und Bauwelt-Fundamente-Herausgeber, hier mit den Mitteln des Romans entgegentritt. Für Neitzke ist das Verschwinden allerdings weit mehr als bloß eine individuelle Befreiungsstrategie. Es beschreibt zuallererst die gesellschaftliche Wirklichkeit all jener, die tagtäglich mit ihrer Arbeit die Stadt produzieren und deren Metabolismus am Leben erhalten, ohne selbst noch eine Stimme zu haben. Diese unsichtbare Stadt „hinter“ der Stadt sichtbar zu machen, dafür hat er sich in seiner Rolle als Publizist immer eingesetzt.
Peter Neitzke war das Gegenteil von unsichtbar. Er war präsent und streitbar. Seit  seinem Architekturstudium an der TU Berlin, das er 1966 abschloss, hat er sich politisch links engagiert. Er hat damals in verschiedenen Architekturbüros aber auch wissenschaftlich gearbeitet und war das, was man einen engagierten, rhetorisch beschlagenen Kritiker nennen kann. Im Berliner Architekturstreit der 90er Jahre – da habe ich ihn kennengelernt – hat er vehement Stellung bezogen; der Simplizität der Berliner Lochfassaden hat er eine Nähe zur völkisch argumentierenden Technikfeindlichkeit der Heimatarchitektur der 30er Jahre unterstellt.  
Schon in den 70er Jahren arbeitete er als Lektor für Architektur und Städtebau bei verschiedenen Verlagen und dann auch bei den Bauwelt-Fundamenten – zuerst als Mitarbeiter von Ulrich Conrads, dann zusammen mit ihm als Herausgeber. Neitzke hat, neben dem architekturhistorischen Rückblick, immer wieder zeitaktuelle Schriften herausgebracht wie den eben jetzt realisierten Band über „The commons“ – das Thema der Stadt als gemeinschaftlich verfügbare Ressource war ihm enorm wichtig.
Er hat schließlich, kurz vor seinem Tod, den bereits erwähnten, zweiten Roman „Morelli verschwindet“ fertiggestellt, der jetzt im Hablizel-Verlag erschienen ist. In mancher Hinsicht ist die Hauptfigur Frantz Morelli ein Alter Ego, einer, der sich neben der praktischen Arbeit als Architekt mit Texten beschäftigt.  Morelli soll für einen ihm unbekannten Musiker dessen Biographie schreiben und bekommt dafür einen Vorschuss. Er will sich aber zu nichts zwingen lassen. Statt zu schreiben, verschwindet er aus der Frankfurter – vielleicht auch Zürcher – Banken- und Großbürowelt, um als Projektleiter bei einem großen Architekturbüro mit dem schönen Namen 3P2M in Dubai anzuheuern. Klar ist, was ihn antreibt: Er will die ganze Wirklichkeit verstehen, und das ist für ihn die städtische Umwelt, die keiner modernen Masterplanung mehr gehorcht, sondern allein dem strategischen Investment des globalen Kapitals unterworfen ist.  Just in dem Augenblick als die Immobilienblase platzt, landet Morelli in Dubai, und statt die Bauarbeiter anzuleiten, fotografiert er Tote, vom Gerüst Gestürzte. Mehr bleibt ihm nicht zu tun, dafür wird er verprügelt.
An dieser Stelle berühren sich Roman und Stadtgeschichte. Zusammen mit seiner Partnerin Elisabeth Blum hat er 2009 bei den Bauwelt-Fundamenten „Dubai – Stadt aus dem Nichts“ herausgegeben. Im Vorwort schreiben die beiden: die politische und ökonomische Idee hinter
Dubais neuen Stadtclustern beruhe „auf einem manifesten Desinteresse an den komplexen
Formen des gesellschaftlichen Lebens und entsprechenden öffentlichen Räumen“.
Der erstaunliche Schluss, den Neitzke dann für seinen Morelli bereithält, führt nach Europa, in eine selbstgewählte Enklave an der Ostsee. Dort hat er sich einquartiert in einen alten Schuppen am Meer, in den er sich eine hölzerne architektonisch-musikalische Wunderkammer hineingezimmert hat, in der ein Flügel steht. Die drei auf drei Meter große Kiste erinnert nicht zufällig an Corbusiers Denklabor in Südfrankreich, dem Cabanon am Cap Martin. Wenn Morelli beim Nachdenken über seine eigene Geschichte damit kokettiert, er habe keine Grundsätze mehr, so gilt dies als Absage an eine Welt, deren Entwicklungslogik man selbst mit konsequenter Kritik nicht mehr beikommen kann. Wenn Morelli aber seine hölzerne Wunderkammer verlässt, um
am Rande aller gebauten Zivilisation aufs Meer zu blicken, bleibt ihm eben dies: die Schärfe des weiten Blicks. Peter Neitzke hatte diesen scharfen Blick fürs Ganze. Er ist am 15. März in Zürich gestorben.

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