Hut auf – Hut ab

57 Männer und 8 Frauen diskutierten in Düsseldorf über Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt

Text: Rumpf, Peter, Berlin


Hut auf – Hut ab

57 Männer und 8 Frauen diskutierten in Düsseldorf über Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt

Text: Rumpf, Peter, Berlin

Ausschließlich von Ingenieuren sei in den ersten 50 Nachkriegsjahren Städtebau gemacht worden, erinnerte Harald Bodenschatz, Soziologe und Stadtplaner, in einer Diskussion über das schwierige Verhältnis von Architekt und Städtebauer. „Erst dann gab es die große Debatte, wer den Hut aufhat.“ Das war Ende Januar im Berliner DAZ, ausführlich dokumentiert in der Stadtbauwelt (Heft 12.2015).
Die Debatte ist so lebendig wie nie, was auch die diesjährige Konferenz des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst der TU Dortmund Ende März in Düsseldorf bewies. Hier war es Helmut Holzapfel, TU Kassel, der die Bekleidungsfrage stellte – und sie auch gleich beantwortete: der Architekt selbstverständlich! Was aber in der Praxis so selbstverständlich nicht ist. Die anwesenden Baubürgermeister und Stadtplanungsdezernenten kennen die Probleme der konkurrierenden, am Entstehen der Stadt beteiligten Akteure: neben den schon Genannten auch Politiker, Investoren, Stadtkämmerer, Controller, Feuerwehr, Bauaufsichtsamt, Denkmalpflege; und übermächtig, mit der Straßenverkehrsordnung als Bibel in der Hand, die Verkehrsplaner, „wenn sie überhaupt mit am Tisch sitzen“, wie Hans Stimmann anmerkte. Sie würden, so seine Erfahrung, Millionen verbauen, doch Wohnungen seien für sie lediglich das Umfeld. Deshalb die Forderung von Wolfgang Sonne, einem der beiden Gastgeber in Düsseldorf, die Verkehrsplaner in die Stadt planung zu integrieren.
Wie überhaupt viel von Integration und Kooperation die Rede war in den Rheinterrassen. „Aber wer integriert wen?“ (Helmut Holzapfel). Oder anders gefragt: Gibt es den Generalisten noch? Ist es der Architekt? Und wenn nicht, muss er es wieder werden? Darüber herrschte weite Übereinstimmung – vor allem bei den Hochschullehrern im Plenum. Dies müsse als Ziel schon in der Ausbildung formuliert werden, wo heute doch die Spezialisten die Mehrheit an den Lehrstühlen stellen. Mindestens ein Städtebauentwurf gehöre in den Lehrplan – als Pflicht. Allein schon, damit die angehenden Architekten lernen, im Kontext zu entwerfen, statt sich mehr und mehr zu Schöpfern immer autistischerer Monolithe zu entwickeln. Dabei hilft – so das ceterum censeo des anderen Gastgebers, Christoph Mäckler – die Kenntnis der Stadtbausteine: Haus, Block, Straße, Platz, als historische Elemente zur europäischen Stadt gehörend bzw. wieder werdend.
Peter Zlonicky, der elder statesman unter den Stadtplanern, fordert für die Ausbildung noch viel mehr: 1. einen Handwerkskasten, 2. das Studium der Baugeschichte sowie der Sozial- und Umweltwissenschaften, 3. das Lesen-Lernen der Stadt von innen heraus, 4. das Lernen im Projekt und – nicht zuletzt – 5. den furor artis, die Leidenschaft für Kunst. Schön und gut, aber ist der Stundenplan der Studenten nicht heute schon viel zu vollgestopft, wie Anne Schmedding von der Bundesstiftung Baukultur gegenhält? Und ergänzend dazu der Geschäftsführer DASL NRW, Klaus Fehlemann: Was ist mit denen, die bereits in der Praxis tätig sind, in den Stadtplanungsämtenr sitzen, was ist mit deren Fortbildung?
Die Themen Architekten versus Stadtplaner, Landschaftsplaner, und Verkehrsplaner, Bildung statt Ausbildung, die europäische Stadt und die vielen Formen der Zwischenstadt, „die Verantwortung für den öffentlichen Raum, unabhängig von der Nutzung“ (Mäckler) überhaupt, dessen Erscheinungsbild, kurz: die Schönheit und Lebensfähigkeit, all dies wird wohl beim nächsten Treffen in einem Jahr für Diskussionsstoff sorgen. Nicht zuletzt weil es die „Kölner Erklärung“ vom Mai 2014 gibt, wie sie Mäckler, Sonne, Zlonicky und anderen Gleichgesinnte formuliert haben, und die Gegenerklärung „100% Stadt“ (Bauwelt 42.2014) von Hochschullehrern. Bleibt die Frage nach dem Hutträger: Oder sollte sie in einem funktionierenden Teamwork keine Rolle spielen?

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