Grenzen auflösen

PPAG und Nieto Sobejano zeigen außergewöhnliche Ausstellungen bei Aedes in Berlin

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

    Raum-Klang-Installation von Nieto Sobejano
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Raum-Klang-Installation von Nieto Sobejano

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    „Elastische Wohnung“ im Maßstab 1:1 von PPAG
    Foto: Wolfgang Thaler

    „Elastische Wohnung“ im Maßstab 1:1 von PPAG

    Foto: Wolfgang Thaler

Grenzen auflösen

PPAG und Nieto Sobejano zeigen außergewöhnliche Ausstellungen bei Aedes in Berlin

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

So kann man auch Architektur ausstellen! Großartige Rauminszenierungen sind die beiden Ausstellungen, die derzeit parallel im Architekturforum Aedes in Berlin gezeigt werden, ansonsten aber nichts miteinander zu tun haben. „Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter“ ist das 1:1- Modell einer „elastischen“ Wohnung, wie PPAG Architekten aus Wien einen Wohnungstyp nennen, der sich verschiedenen Bedürfnissen anpassen kann. „Tabula“ ist eine Klang-Raum-Installation mit Modellen des Arvo-Pärt-Zentrums von Nieto Sobejano Architekten, Madrid/Berlin, im estnischen Laulasmaa in der Nähe von Tallinn.
Schummriges Halbdunkel erwartet den Besucher im hinteren Teil der Galerie. Erst mit dem Erklingen der Komposition „Tabula Rasa“ des estnischen Komponisten Arvo Pärt (Jahrgang 1935) wird der Raum nach und nach erleuchtet. Auf einem organisch geformten Holzpodest, angelehnt an die Grundform des Zentrums, tauchen Modelle in unterschiedlichen Maßstäben auf: Umgebungsmodell, Massenmodell, Grundrissmodell, Modelle von Perforationen, Dachmodell, eine Kapelle, ein Turm. Kein Plan oder irgend­eine Beschriftung helfen beim Zuordnen oder Zusammensetzen der Teile. Und doch fügen sie sich bereitwillig, auch über die unterschiedlichen Maßstäbe hinweg, zu einem Ganzen.
Man hört Arvo Pärts Musik, diese Musik, die einen in den Zustand des In-die-Weite-Schwebens versetzen kann, und imaginiert einen Ort in einem Kiefernwald, kein hermetisches Bauwerk, vielmehr ein Gebäude, in dem Räume, begrenzt nur durch Glas- oder Holzwände, zwischen Bäumen fließen – und stellt sich dort wiederum Arvo Pärts Musik vor. Ein Ort, an dem die Architektur der Musik die Bühne bereitet. Das war es auch, was die Jury gesehen und überzeugt hat im Entwurf von Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano beim Wettbewerb im Jahr 2014 (Bauwelt 26.2014). Überprüfen können wird man es im Herbst 2018, wenn das Zentrum im Rahmen der Feiern zum 100-jährigen Bestehen Estlands eröffnet.
Ganz anders, aber genauso stark in der räumlichen Wirkung: die Ausstellung von PPAG Architekten im vorderen Teil der Galerie. Dort ist eine Wohnung eingebaut, teilweise möbliert und bestückt mit Plänen, Modellen und Filmen zu verschiedenen Projekten von Anna Popelka und Georg Poduschka. Es geht in der Hauptsache um ein vermeintlich profaneres Thema, Wohnungsbau eben. Was aber PPAG – ebenso wie Nieto Sobejano beim Arvo-Pärt-Zentrum – vermögen, ist Grenzen aufzulösen. Hier sind es die im Wohnungsbau noch immer eng gesteckten Grenzen zwischen Nutzungsbereichen, zwischen Bewohnerkonstellationen, zwischen den einzelnen Einheiten.
In der „elastischen“ Wohnung gruppieren sich fünf bis neun Räume dreiseitig um einen zentralen Wohnraum. Die Zimmer sind klein, für drei ist die Nutzung festgelegt: Küche, Bad und Abstellraum. Die anderen sind neutral, lassen sich als Schlafzimmer, Arbeitszimmer, als Erweiterung des Wohnraums oder, zusammengelegt, als größeres Zimmer nutzen. So können die im Laufe eines Familienlebens sich ändernden Bedürfnisse innerhalb ein und derselben Wohnung erfüllt werden. Auch städtebaulich erlaubt diese Versuchsanordnung Flexibilität. Die Einheiten kann man auf viele Arten kombinieren, je nach stadträumlicher Situation. Durch offene Treppen werden je vier Wohnungen übereinander und die Stapel miteinander gekoppelt.
Schade, dass dieses für das Berliner Wohnungsbauunternehmen degewo entwickelte Projekt erst einmal unrealisiert bleibt. Der Senat hat es ohne Angaben von Gründen gestoppt.
Fakten
Architekten PPAG Architects
aus Bauwelt 26.2017
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