Exotisch, opulent, massiv

Eine Ausstellung im Stedelijk Museum widmet sich der Formenwelt der Amsterdamer Schule

Text: Adam, Hubertus, Zürich

    Blick in die Ausstellung „Wohnen in der Amsterdamer Schule“ im Stedelijk Museum.
    Foto: Gert-Jan van Rooij

    Blick in die Ausstellung „Wohnen in der Amsterdamer Schule“ im Stedelijk Museum.

    Foto: Gert-Jan van Rooij

    Cover der Zeitschrift „Wendingen“ aus den Jahren 1918 bis 1932
    Foto: Erik & Petra Hesmerg

    Cover der Zeitschrift „Wendingen“ aus den Jahren 1918 bis 1932

    Foto: Erik & Petra Hesmerg

Exotisch, opulent, massiv

Eine Ausstellung im Stedelijk Museum widmet sich der Formenwelt der Amsterdamer Schule

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Am 1. Mai 1916 eröffnete nahe der Amsterdamer Centraal Station das Scheepvaarthuis. Der Sitz von sechs großen Reedereien, vor einigen Jahren zu einem Hotel umgebaut, ist ein Gesamtkunstwerk ersten Ranges. Die expressiv gegliederte Fassade ist mit einer Unzahl von Skulpturen versehen, die das Handelsimperium des niederländischen Kolonialreichs thematisieren, im Inneren beeindrucken die Treppenhallen, die Bleiglasfenster, die luxuriös eingerichteten Besprechungsräume und die bizarr-skulpturalen Leuchten. Joan van der Mey war der leitende Architekt, der seine Kollegen Michel de Klerk und Pieter Lodewijk Kramer und eine Reihe von Bildhauern und Kunsthandwerkern beizog.

Erfindung eines Rezensenten

Die Resonanz auf die romantische Phantasmagorie des Scheepvaarthuis war enorm, und der Architektenkollege Jan Gratama erfand in einer Rezension den Begriff Amsterdamse School – Amsterdamer Schule. Wie bei vielen anderen architektonischen „Schulen“ handelte es sich nicht um einen wirklichen Zusammenschluss; die Architekten, die sich unter dem Begriff subsumieren lassen, verfassten kein gemeinsames Manifest und bauten auch nicht nur in Amsterdam. Architekturhistorisch steht die Amsterdamer Schule zwischen der „Nieuwe Kunst“, der niederländischen Spielart des Jugendstils, und der De Stijl-Bewegung, mit der sich der Wandel zum Funktionalismus vollzog, wobei es durchaus Mischformen und zeitliche Überlappungen gab.

Stadtbildprägend

Die Formenwelt der Amsterdamer Schule entwickelte sich ungefähr ab 1910, das Scheepvaart­huis ist also nicht frühestes Beispiel, aber als Gemeinschaftsleistung doch Schlüsselwerk, sozusagen gebautes Manifest. Während die Bauwirtschaft in den kriegführenden Ländern ringsum zum Erliegen gekommen war, konnten in den neutralen Niederlanden in der Kriegs- und Nachkriegszeit große Bauprojekte umgesetzt werden, was den Architekten der Amsterdamer Schule gerade im Bereich des genossenschaftlichen Wohnungsbaus reichlich Aufträge bescherte. Die maßgeblich von de Klerk entworfenen Arbeiterwohnkomplexe für die Genossenschaft „Eigen Haard“ im Norden sowie für „De Dageraad“ im Süden der Stadt zählen zu den herausragenden Leistungen, doch auch die von Kramer meist zusammen mit Hildo Krop entworfenen mehr als 200 Brücken beweisen, wie stadtbildprägend die Amsterdamer Schule wurde.
Das hundertjährige Jubiläum des Scheepvaart­­huis ist der Anlass für eine große Ausstellung des Stedelijk Museums, die sich unter dem Titel „Wonen in de Amsterdamse School“ den Interieurs der Amsterdamer Schule widmet. Die Einrichtungsgegenstände standen bislang im Schatten der Architektur. Doch konnte das Museum mit einem 2006 initiierten Forschungsprojekt eine kaum geahnte Vielfalt von Objekten erschließen, die sich zum Teil in den Bauten selbst, aber zumeist in öffentlichen und privaten Sammlungen, Auktionshäusern oder Galerien befinden. Diese bilden den Fundus für die umfangreiche Schau, bei der die Möbel im Zentrum stehen, die aber auch in die Grafik, die Bildhauerei, die freie Kunst, das Objektdesign und selbstverständlich in die Architektur ausgreift.
Der Einstieg erfolgt mit einem Raum, der von einem pyramidenförmigen Arrangement von Uhren beherrscht wird. Uhren sind die zahlenmäßig am stärksten vertretene Objektgruppe des Forschungsprojekts, was damit zu tun haben mag, dass 1909 in den Niederlanden die einheitliche Zeit eingeführt worden war. Die Möbel und größeren Einrichtungsgegenstände werden auf Podesten präsentiert, während wandfüllende Reproduktionen historischer Fotos den Hintergrund bilden. Die Ausstellungsgestalter vermeiden damit nicht nur den harten Kontrast mit der weißen Wand, sondern deuten auch die frühere Ensemblewirkung der notgedrungen aus dem Kontext gerissenen und somit vereinzelten Exponate an.

Wechselseitiger kultureller Transfer

Überraschend ist die Vielzahl von Möbeln, die die Architekten der Amsterdamer Schule entworfen haben; gemeinsam ist ihnen eine Legierung aus Exotismus, formaler Opulenz und Massivität. Zu den spannenden Entdeckungen gehört der Architekt und Designer Liem Bwan Tjie, der aus Niederländisch-Ostindien stammte, bei Protagonisten der Amsterdamer Schule arbeitete und deren Formensprache schließlich in seine Heimat exportierte – ein interessantes Beispiel für einen wechselseitigen kulturellen Transfer.
Zu den Bauten, die die Ausstellung dokumentiert, zählen neben dem Scheepvaarthuis auch das höhlenartig-bizarre, von Jaap Gidding ausgestattete Tuschinski-Theater (1921) und das organisch in die Landschaft ausgreifende Landhaus t’Reigersnest (1920) der Architekten Vorkink und Wormser in Oostvoorne. Das Kaufhaus De Bijenkorf in Den Haag (1925) von Piet Kramer und der Niederländische Pavillon von J.F. Staal auf der Pariser Art-déco-Ausstellung im gleichen Jahr waren vielleicht die letzten großen Gesamtkunstwerke der Amsterdamer Schule; Michel de Klerk, der Spiritus Rector der Bewegung, war schon 1923 gestorben. Dass die übrigen Protagonisten in den Folgejahren zu einer sachlicheren Formensprache fanden, belegt nicht zuletzt der stilistische Wandel der grandiosen Zeitschrift „Wendingen“, die zwischen 1918 und 1931 erschien und gleichsam das inoffizielle Sprachrohr der Amsterdamer Schule darstellte.

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