Ernüchterung im Technikwunderland

Text: Albers, Hans-Hermann, Berlin; Hartenstein, Felix, Berlin; Kleilein, Doris, Berlin

    Einzelarbeit in der Firmen-zentrale von Airbnb in San Francisco
    Foto: Jeremy Bittermann

    Einzelarbeit in der Firmen-zentrale von Airbnb in San Francisco
    Foto: Jeremy Bittermann

Ernüchterung im Technikwunderland

Text: Albers, Hans-Hermann, Berlin; Hartenstein, Felix, Berlin; Kleilein, Doris, Berlin

Das Silicon Valley: die glorifizierte Technikschmiede im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder kann die Firmen aufzählen, die unser Leben in rasender Geschwindigkeit verändern. Doch kaum jemand hat vor Augen, wie sich das Gebiet entlang der San Francisco Bay stadträumlich darstellt. Derweil sind die Vertreter der Digitalökonomie dabei, weltweit Städte für ihre Produktpalette zu gewinnen und nach ihren Vorstellungen zu formen – mit weitreichenden Folgen für unser Zusammenleben.
Vergangenes Jahr führte eine Forschungsreise die Gastredakteure dieser Stadtbauwelt, Hans-Hermann Albers und Felix Hartenstein, nach San Francisco. Sie fuhren raus zu den Firmencampussen von Apple, Facebook und Google – und waren ernüchtert. Die bauliche Banalität des Silicon Valley steht in auffallendem Widerspruch zu den zukunftsweisenden Produkten und Anwendungen der Technologiegiganten. Was hätte man erwartet? Vielleicht das reale Abbild von techno-futuristischen Visionen, so wie Charlies Schokoladenfabrik in Hightech? Stattdessen: amerikanisches Suburbia. Einfamilienhaussiedlungen, Highways, Gewerbeparks. Die Firmensitze offenbaren sich als weitläufige Parkplätze, gesäumt von unscheinbaren Bürokomplexen. Hier soll Zukunft entstehen?
Auch in San Francisco bemerkt man rasch die Anzeichen dafür, dass der Technologie-Boom nicht nur Gewinner hervorbringt. Obdachlose campieren vor Start-up-Zentralen, die Wohnungspreise in der Region sind
astronomisch hoch. Der Kontrast zwischen beschämender Armut und fantastischem Reichtum wirkt bizarr und verstörend. Etwas stimmt nicht in der Beziehung zwischen den Tech-Firmen und der Stadt.

Extremfall Silicon Valley

Wir eröffnen das Heft mit einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „Silicon Valley Urbanism“, begleitet von eigens an­gefertigten Infografiken des Berliner Büros studio amore. Im Anschluss beleuchtet Henry Grabar eines der vordringlichsten Probleme in der Metropolregion San Francisco, die ausufernde Wohnungskrise. Oliver Wainwrightberichtet vom Alltag in den kuratierten Arbeitslandschaften von Face­-
book und Co. und liefert eine Innenansicht der IT-Campusse, die wir im Projektteil ab Seite 42 in Steckbriefen vorstellen. Volker Welter setzt sich mit dem Apple Park auseinander und stellt Parallelen zu den Stadt-Utopien der NASA aus den siebziger Jahren fest.
Die Formen des Plattform-Urbanismus, der die Eigenlogik der Digitalunternehmen auf die Stadt überträgt, skizziert Dietmar Offenhuber und weist damit über das Silicon Valley hinaus. Josette Melchor wiederum zeigt auf, wie in San Francisco Aktivisten und Künstler auf die sozialen Verwerfungen reagieren und bestehende Narrative hinterfragen. Melanie Humannbeschäftigt sich mit dem Einsatz von Mapping-Projekten und ihrer Rolle in der Protestbewegung gegen Wohnungsräumungen.
Wenngleich die Intensität der kalifornischen Entwicklungen einen Extremfall darstellt, sind verwandte Tendenzen auch bei uns zu beobachten; etwa in Berlin, einem Zentrum des Start-up-Booms in Europa. Steigende Mieten und Gentrifizierung treffen hier auf finanziell gut ausgestattete Jungunternehmer und global agierende Tech-Firmen: eine Herausforderung für private, öffentliche und wirtschaftliche Akteure, die in allen raumplanerischen Disziplinen dringlich debattiert werden sollte.

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