Die Tiefe der Oberfläche

Das Kölner MAKK zeigt Markus Brunettis idealtypische Fassaden von Kirchen und Klöstern

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Die Tiefe der Oberfläche

Das Kölner MAKK zeigt Markus Brunettis idealtypische Fassaden von Kirchen und Klöstern

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Am Anfang stand der Kölner Dom. Ein drei Meter hoher Druck, der 2012 auf der Photokina für Aufsehen sorgte. Nicht unbedingt wegen des Motivs – die Westansicht des Doms sieht man in Köln ja häufiger – sondern wegen der fast surreal anmutenden Perfektion, die Markus Brunettis Fotografie ausstrahlte. Keine Menschen, keine Tauben, kein Müll, keine Schatten, keine stürzenden Linien. Dafür eine nie gesehene Detailschärfe, die das Bild wie einen mit spitzer Feder gezeichneten Aufriss lesbar macht.
Zu dem Zeitpunkt war Brunetti schon sieben Jahre lang mit einem LKW durch Europa gereist. An Bord sein Arbeitsplatz, sein Schlafplatz, eine kleine Küche und seine Partnerin, die Fotogra-fin Betty Schöner. Der Kölner Dom war nur eine von vielen Kathedralen, Kirchen und Klöstern deren Hauptansichten Brunetti auf seiner Tour im Bild festgehalten hat. Fotografieren – das allein beschreibt seine Arbeitsweise nicht ausreichend. Der Prozess, in dem seine Werke entstehen, ist weitaus komplexer, technisch wie handwerklich so aufwendig, dass Wochen und Monate bis zur Fertigstellung vergehen.
Brunetti, dessen Bilder formal an das Werk von Bernd und Hilla Becher erinnern mögen, arbeitet jedoch vollkommen anders. Nicht mit einer analogen Großbildkamera, sondern, als Vertreter der jüngeren Fotografengeneration, ausschließlich digital. Dabei zerlegt er jede Ansicht in viele hundert, je nach Größe auch in über tausend einzel-ne Fotos, die er alle von der selben Position aus aufnimmt. Er benutzt kein Gerüst, keinen Kran, keine Drohne, sondern arbeitet vom Boden aus. Wie die Pixel eines einzelnen Fotos setzt er in handwerklicher Arbeit am Computer die einzelnen Aufnahmen maßstäblich korrekt zusammen.
Ein Programm, das ihn dabei unterstützen würde, gibt es nicht. Dieses zeitintensive Vorgehen erzeugt jene Perfektion, die den Zauber der Ansichten ausmacht. Und es entstehen Bilder, die durch ihre Präzision in fast unheimlichem Aus-maß plastisch wirken: Jeder Wasserspeier ist zu sehen, jeder in Stein gehauene Gesichtsausdruck zu erkennen, jede Fuge und jeder Grashalm.
Menschen, Tiere und – wie im Fall des Kölner Doms – Gerüste an den Türmen kann Brunetti eliminieren. Nicht indem er retuschiert, sondern indem er ersetzt: durch eine Teilaufnahme, die eben jenes unerwünschte Objekt nicht zeigt.
Dafür muss Brunetti oft monatelang warten und die Orte viele Male besuchen, bis die Bedingungen seiner Idealvorstellung entsprechen. So auch das Wetter – dieser matt-graue Himmel, der eine undramatische und schattenfreie Szenerie wie ein Blatt Papier erzeugt. Eine ganze Woche dauert es dann noch, ein einziges Bild zu drucken. Natürlich sitzt Brunetti dabei neben dem Gerät und kontrolliert jede einzelne Zeile, die auf das Büttenpapier aufgebracht wird.
Markus Brunetti hat keinerlei System, nach dem er seine Reiseroute plant, keine Hierarchie, nach der er die Kirchen und Klöster auswählt. Es sind weit über hundert geworden, die er in Spanien, Italien, Portugal, Frankreich und Deutschland fotografiert hat, große wie das Ulmer Münster, kleine wie die Basilica Cattedrale di San Ciriaco in Ancona, populäre wie die Dresdner Frauenkirche und skurrile wie die blaue Paróquia de Santa Marinha in Cortegaça. Das MAKK in Köln zeigt nun 29 seiner Bilder.
Und Brunetti reist weiter, fertig ist er noch nicht.
Fakten
Architekten Brunetti, Markus, Inkofen
aus Bauwelt 38.2014
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