Ärger im Paradies

Auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn

Text: Winterhager, Uta, Bonn

    Michael Beutlers bunte Ballenernte neben Peichls ikonenhaften Dachaufbauten.
    Foto: Mark Brandenburgh, © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

    Michael Beutlers bunte Ballenernte neben Peichls ikonenhaften Dachaufbauten.

    Foto: Mark Brandenburgh, © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Ärger im Paradies

Auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Sie singt mich an. Irgendein nettes Lied, das ich nicht kenne und sie schaut mir dabei direkt in die Augen, meint also wirklich mich. Ich kann nicht einfach weggehen, sondern muss die peinliche Situation aushalten, aber sie auch. Und dann ist es schon vorbei. Sie lächelt und erklärt, dass sie Teil der Ausstellung sei. Mit „This you“ möchte Tino Sehgal den Besuchern ein Geschenk machen, das überraschend, intuitiv, irritierend und – wenn man es zulässt – vielleicht auch poetisch ist. „Ärger im Paradies“, dieser Titel ist ein geflügeltes Wort und verheißt einen handfesten Skandal. Doch so schlimm wird es wohl nicht werden, denn die Kunst heute
genießt wesentlich mehr Freiheiten als ehemals Adam und Eva.
Vor dem Museum steht ein hölzernes Bushaltestellenhäuschen. Kurz mag man sich fragen, ob das nicht schon immer da gestanden hat, aber nein, so sehen die doch heute und hier gar nicht mehr aus. Michael Sailsdorfer hat fünf dieser kleinen Buden gerettet, als sie in seiner Heimatgemeinde ersetzt wurden. Er hat sie möbliert, zu Einraumhäuschen umgebaut und platziert sie unter dem Titel „Wohnen mit Verkehrsanbindung“ nun wieder in ihrem ursprünglichen Kontext am Straßenrand. Und noch etwas ist anders auf dem Museumsvorplatz. Eine Zypressenformation scheint Stellung bezogen zu haben, um das Museum zu entern. Woche für Woche, unbemerkt nachts, werden sie vorrücken und, so ist es zu erwarten, ein wenig Ärger im Paradies machen. Maria Loboda hat neben dieser Arbeit, deren Titel „This Work ist Dedicated to an Emporer“ die vermutete Angriffslust bestätigt, noch eine weitere im Foyer des Museums platziert. Ein großes Bouquet frischer Schnittblumen, sorgsam arrangiert. Ein kurzlebiges Luxusgut und bezaubernder Anblick. Doch dieser Schein trügt nur solange, bis der Wandtext die wahren Konnotationen der Blumen verrät, sie zu Synonymen für Krieg, Eifersucht und Arroganz macht. Und der schöne Strauß zu einem „Guide to Insults and Misantrophy“ wird.
Auf dem Dach der Bundeskunsthalle finden sich die Werke von zehn weiteren Künstlern. Da gibt es die scharfkantige Mauerkrone mit dem vierzeiligen englischen Titel von Olaf Nicolai, der man besser nicht zu nahe kommen sollte, und nur wenige Schritte davon entfernt riesige runde Ballen aus bunten Sangria-Strohhalmen. Seine „Ballenernte“ hat Michael Beutler schon in mehreren Städten gezeigt, zum Teil auch partizipatorisch angelegt und mit einem Erntedankfest abgeschlossen. Bösartig neben freundlich also. Und noch ein schwieriges Nebeneinander findet man hier. Petrit Halilaj pflanzte magische Bohnen aus seiner Heimat Kosovo und lässt sie den Sommer über an einem kegelförmigen Rankgerüst neben Peichls ikonenhaften Dachaufbauten zu einem Liebesnest wachsen. Daneben sind zahlreiche tote Bäume in die Rasenfläche gesetzt, traurige, verkohlte Mahnmale, die Vajiko Chachkhiani als Zeitzeugen vom Krieg in Georgien berichten lässt. „The Missing Landscape“ tut weh, denn dieses Paradies ist wirklich verloren. Ina Weber spielt mit dem Kaputten, lädt ein zu einer Partie Minigolf. Die Hindernisse sind 12 kleine Architekturen, ein Plattenbau, ein Tempietto, ein Bunker, eine Strandbar. Readymades, irgendwo in der Stadt gefunden, als „Trümmerbahnen-Minigolf“ inszeniert. Es ist ein seltsames Nebeneinander verschiedener Kunstwelten, verschiedener Paradiese, die verlocken, verwirren, verletzen oder schon lange verloren sind.
Dem Intendanten Rein Wolfs scheint es zu gefallen, die architektonische Haltung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, die aus heutiger Sicht ein wunderbares Symbol für die Bonner Republik ist, mit ihren Inhalten zu konterkarieren, zu hinterfragen und auf sehr zeitgemäße Weise neu zu inszenieren. 14 Varianten von „Ärger im Paradies“ stören und imitieren die postmoderne Perfektion, 14 Mal muss diese als Träger kritischer oder zynischer Botschaften herhalten, als Spielwiese und Kulisse.

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