Ist die Lehre der Stadt an den Hochschulen noch zeitgemäß?

An vielen Universitäten gibt es den Wunsch nach einer möglichst spezifischen Ausrichtung der Lehrbereiche. Diese Spezialisierungen mögen auch damit zusammenhängen, dass der Kern der Lehre von Urban Design und Städte­bau nicht mehr Konsens ist.

Text: Geipel, Kaye, Berliln; Klingbeil, Kirsten, Berlin

    „100.000 neue Wohnungen für Köln“ – studentische Arbeit für „Civic Design“, Entwurf von Darya Kalaur­kina und Giulia Zwiers am Fachbereich Architek­-tur der Hochschule Düs­sel­dorf PBSA. Studioleiter waren Andre Kempe und Oliver Thill.
    Foto: Darya Kalaurkina und Giulia Zwiers

    „100.000 neue Wohnungen für Köln“ – studentische Arbeit für „Civic Design“, Entwurf von Darya Kalaur­kina und Giulia Zwiers am Fachbereich Architek­-tur der Hochschule Düs­sel­dorf PBSA. Studioleiter waren Andre Kempe und Oliver Thill.

    Foto: Darya Kalaurkina und Giulia Zwiers

    Markus Neppl Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ist seit 2012 Studiendekan der Fakultät für Architektur. Er gründete 1990 zusammen mit Peter Berner, Oliver Hall und Kees Christiaanse das Büro Astoc Architects and Planners in Köln.
    Foto: Jasmin Schuller

    Markus Neppl Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ist seit 2012 Studiendekan der Fakultät für Architektur. Er gründete 1990 zusammen mit Peter Berner, Oliver Hall und Kees Christiaanse das Büro Astoc Architects and Planners in Köln.

    Foto: Jasmin Schuller

    Auszüge aus einer Studienarbeit zum Gerold-Areal in Zürich-West

    Auszüge aus einer Studienarbeit zum Gerold-Areal in Zürich-West

    Entwurf von Sarah Menzer (Grafiken), Fachgebiet Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie

    Entwurf von Sarah Menzer (Grafiken), Fachgebiet Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie

    Philine Meckbach ist Masterstudentin an der Universität Kassel. Im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung ist sie eine von fünf Studierenden in der Seminarreihe „Forschendes Lernen“, die sich derzeit mit den Themen „20 Jahre Bologna“ sowie „50 Jahre Planungslehre in Deutschland“ befasst.
    Foto: Jasmin Schuller

    Philine Meckbach ist Masterstudentin an der Universität Kassel. Im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung ist sie eine von fünf Studierenden in der Seminarreihe „Forschendes Lernen“, die sich derzeit mit den Themen „20 Jahre Bologna“ sowie „50 Jahre Planungslehre in Deutschland“ befasst.

    Foto: Jasmin Schuller

    Martina Baum Architektin und Stadtplanerin. Seit 2014 ist sie Direktorin des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart, wo sie als Professorin Stadtplanung und Entwerfen lehrt. 2008 gründete sie das Studio Urbane Strategien, das heute seinen Sitz in Stuttgart hat.
    Foto: Jasmin Schuller

    Martina Baum Architektin und Stadtplanerin. Seit 2014 ist sie Direktorin des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart, wo sie als Professorin Stadtplanung und Entwerfen lehrt. 2008 gründete sie das Studio Urbane Strategien, das heute seinen Sitz in Stuttgart hat.

    Foto: Jasmin Schuller

    Auszüge aus der Masterarbeit „Grand Paris“ von Jonas Stamm (Grafiken)

    Auszüge aus der Masterarbeit „Grand Paris“ von Jonas Stamm (Grafiken)

    Lehrstuhl Stadtplanung und Entwerfen der Universität Stuttgart

    Lehrstuhl Stadtplanung und Entwerfen der Universität Stuttgart

    Kaye Geipel von der Bauwelt-Redaktion
    Foto: Jasmin Schuller

    Kaye Geipel von der Bauwelt-Redaktion

    Foto: Jasmin Schuller

    Rudolf Scheuvens Professor für Örtliche Raumplanung und Stadtentwicklungsplanung, ist seit 2013 Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien. Er ist Mitbegründer des Wiener Büros Raumposition Scheuvens I Allmeier I Ziegler OG.
    Foto: Jasmin Schuller

    Rudolf Scheuvens Professor für Örtliche Raumplanung und Stadtentwicklungsplanung, ist seit 2013 Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien. Er ist Mitbegründer des Wiener Büros Raumposition Scheuvens I Allmeier I Ziegler OG.

    Foto: Jasmin Schuller

    Auszüge aus der Masterarbeit „Die urbane (Re)Integration Wiener Spitäler“ von Magdalena Maierhofer (Grafiken), ...

    Auszüge aus der Masterarbeit „Die urbane (Re)Integration Wiener Spitäler“ von Magdalena Maierhofer (Grafiken), ...

    ... future.lab der Fa­kultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien.

    ... future.lab der Fa­kultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien.

    Kirsten Klingbeil von der Bauwelt-Redaktion
    Foto: Jasmin Schuller

    Kirsten Klingbeil von der Bauwelt-Redaktion

    Foto: Jasmin Schuller

    Christa Reicher Architektin und Stadtplanerin, ist seit 2018 Professorin für Städtebau und Entwerfen und Direktorin des Städtebau-Instituts an der RWTH Aachen. In Aachen gründete sie 2007 zusammen mit Joachim Haase das Büro RHA Reicher Haase Assoziierte GmbH.
    Foto: Jasmin Schuller

    Christa Reicher Architektin und Stadtplanerin, ist seit 2018 Professorin für Städtebau und Entwerfen und Direktorin des Städtebau-Instituts an der RWTH Aachen. In Aachen gründete sie 2007 zusammen mit Joachim Haase das Büro RHA Reicher Haase Assoziierte GmbH.

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    Auszüge aus einem städtebaulichen Konzept für die Erneuerung des Stadtteils Plekhanov in Tiflis

    Auszüge aus einem städtebaulichen Konzept für die Erneuerung des Stadtteils Plekhanov in Tiflis

    Entwurf von Marie Enders (Grafiken), Reallabor Tiflis der RWTH Aachen in Kooperation mit der TU Berlin.

    Entwurf von Marie Enders (Grafiken), Reallabor Tiflis der RWTH Aachen in Kooperation mit der TU Berlin.

    Juan Pablo Molestina Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Peter Behrens School of Arts (HSD) in Düsseldorf, ist seit 2011 dort auch Dekan. 2007 gründete er das Büro Molestina Architekten mit Sitz in Köln und Madrid.
    Foto: Jasmin Schuller

    Juan Pablo Molestina Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Peter Behrens School of Arts (HSD) in Düsseldorf, ist seit 2011 dort auch Dekan. 2007 gründete er das Büro Molestina Architekten mit Sitz in Köln und Madrid.

    Foto: Jasmin Schuller

Ist die Lehre der Stadt an den Hochschulen noch zeitgemäß?

An vielen Universitäten gibt es den Wunsch nach einer möglichst spezifischen Ausrichtung der Lehrbereiche. Diese Spezialisierungen mögen auch damit zusammenhängen, dass der Kern der Lehre von Urban Design und Städte­bau nicht mehr Konsens ist.

Text: Geipel, Kaye, Berliln; Klingbeil, Kirsten, Berlin

Kaye Geipel Die Lehre von Urban Design, Städtebau und Stadtplanung an den Hochschulen ist heute konfrontiert mit dem enormen Transformationsbedarf der Städte. Die Stichpunkte sind bekannt: zunehmende Komplexität der Urbanisierung, Digitalisierung, eklatanter Wohnungsmangel, Top-Down- versus Bottom-Up-Produktion der Stadt, Bewohnerproteste gegen Verdichtung, überforderte Verwaltungen und der Ruf nach einer Beschränkung auf die Kernkompetenzen der Planung. Ist die Lehre auf diese Transformationsprozesse von Stadt und Land aus Ihrer Sicht vorbereitet? Sind die Lehrformate und -inhalte noch zeitgemäß?
Markus Neppl Dass sich vieles um uns herum grundlegend verändert, wissen wir nicht erst seit heute. Uns beschäftigen ja mehrere Ebenen gleichzeitig. Erstens: Gesellschaftliche Umbrüche, die wir derzeit in politischen Diskussionen spüren, führen zu populistischen Strategien, zu Ängsten im Umgang mit gesellschaftlicher Heterogenität, die auf der politischen Ebene weiter geschürt werden. Zweitens: Die Ebene der Digitalisierung entwickelt sich derzeit in einer formativen Phase und zieht räumliche Konsequenzen nach sich, deren Strukturen wir noch gar nicht richtig greifen können. Drittens befinden wir uns in einer Phase eines unglaublichen Wachstums – ein Faktor, der aktuell vieles an weiteren Diskussionen zudeckt. Hinter diesen Wachstumsprozessen laufen aber Veränderungsprozesse, die wir vielleicht erst in zehn Jahren richtig verstehen. Wir haben gerade am KIT in Karlsruhe eine Forschungsarbeit gemacht, wie sich Leitbilder im Städtischen ausgewirkt oder nicht ausgewirkt haben1. Solche grundlegenden Fragen des gesellschaftlichen Wandels müssen die Universitäten viel stärker in den Fokus nehmen.
Pablo Molestina Es gibt inzwischen die verbreitete Haltung, ein Paradigmenwechsel in der „Produktion von Stadt“ müsse endlich her. Das neoliberale Kooperationsmodell zwischen Politik, Stadtverwaltung und Kapital, nach dem die Stadt heute immer noch „produziert wird“, führt zu identitätslosen Quartieren mit wenig inte­gra­tivem Potenzial. Diese Situation stellt eine Chance für die Hochschulen dar, um neue Gesamtperspektiven zu entwickeln. Andere Planungsfelder, etwa die Volkswirtschaftslehre, haben aus dem Crash des neoliberalen Modells 2007, als über Nacht die großen Akteure des Wirtschaftsgeschehens Pleite gegangen sind, Konsequenzen gezogen und neue Lehr- und Steuerungsins­trumente für die Volkwirtschaft entwickelt. Wir müssen heute leider feststellen, dass sich im Städtebau wenig verändert hat, dass die gleichen Kräfte die Entwicklung der Städte immer noch dominieren. Die Stadtplanungskultur und die Lehre haben noch nicht ausreichend auf die Pleite des neoliberalen Entwicklungsmodells rea­giert. Das muss sich ändern.
Christa Reicher Wir haben heute einen grundlegenden Paradigmenwechsel im gesellschaftlichen System und auch in der Raumproduktion. Stadtplanung und Städtebau sind viel komplexer geworden und lassen sich nicht mehr in den Schubladen verorten, wie wir sie noch vor 50 Jahren hatten. Mein Eindruck ist allerdings, dass das Ausbildungssystem auf der einen Seite und der Anspruch, den wir auf der anderen Seite inzwischen an das System und die Realität haben, weit auseinanderklaffen.
Wir verwenden beispielsweise noch Vokabeln wie die „Landesplanung“. Gibt es das denn überhaupt noch, Landesplanung? Wir verwenden heute bestimmte Begriffe, die nicht mehr in der Lage sind, gesellschaftliche Relevanz und entsprechendes Know-how zu generieren. Wir müssten viel stärker auf die Anforderungen reagieren, die die Gesellschaft und unsere gebaute Umwelt verlangen, und dürften nicht so lange an antiquierten Systemen festhalten. Mich erstaunt jedenfalls, dass wir uns in einem so innovativen System wie den Hochschulen, wo es um die Ausbildung von jungen Menschen und der nachfolgenden Generation geht, so stark an tradierten Zielen und Disziplinen festhalten und ein so schwerfälliges, statisches System haben. Veränderungsprozesse müssten viel stärker in den Mittelpunkt rücken.
Philine Meckbach Ich glaube, dass es Herausforderungen gibt, die wir mit den Lehrplänen – ich kann da natürlich nur von der Uni Kassel sprechen – eigentlich nicht bewältigen können, weil sie viel zu sehr alten Modellen verhaftet sind. Im Bereich „Digitalisierung“ bewegt sich bei uns überhaupt nichts, was uns als Studierende natürlich umtreibt. Wie soll sich das entwickeln, wenn wir überhaupt nicht die Lehrenden dafür haben? Und dass sich in der Ausbildung neue, fortschrittliche und vor allem nachhaltige Lehrinhalte ausbilden, die auch zusammen mit den Studierenden gestaltet werden müssen – das halte ich auch für eine zentrale Aufgabe.
Martina Baum Ich sehe allerdings einen sehr großen Vorteil, den wir in Deutschland an den Universitäten haben: das ist die große Freiheit, unsere Lehre und Forschung absolut selbst zu gestalten. Diese Freiheit und die dazugehörige Integrität der einzelnen Professuren sind eine ganz ausgezeichnete Ausgangsbasis, um auf Veränderungen im System zu reagieren. Wir haben ja alle die inhaltliche Zuschreibung unserer Professuren im Kopf und überlegen, wie die entsprechenden Inhalte aussehen können. Und es zeigt sich ja schon an den einzelnen Fachbereichen, dass jeder so eine Hülle ganz unterschiedlich füllt. Das ist eine große Qualität, die es möglich macht, neue Koalitionen zu schließen, auf künftige Themen einzugehen und andere Lehrmodelle auszuprobieren.
Neppl Für mich besteht zumindest an den Architekturfakultäten das Problem, dass eigentlich jeder macht, was er will. Die jüngeren Kollegen benennen gleich zu Beginn, wenn sie anfangen zu lehren, ihr Fachgebiet um und sagen, wir wollen eigentlich gar keine Inhalte lehren im Sinne eines Curriculums; wir machen unsere Projekte, und viel mehr braucht man nicht. Das führt letztendlich zu einem großen Schlingern, weil keiner genau weiß, wo der Andere tatsächlich hinwill.
Zersplitterung der Disziplinen
Geipel Wie reagieren denn die Fachbereiche auf diese Unsicherheit?
Neppl Die Fakultäten spiegeln letztendlich wider, welche Personen mit welchen Profilen da zusammenkommen und wie sich diese mit ihren Funktionen auseinandersetzen. Das ist, glaube ich, die größte Herausforderung an einer Fakultät, zu sagen: Wir verständigen uns auf eine Idee, wie wir den ganzen Herausforderungen begegnen wollen. Wir haben bei uns in Karlsruhe 20 Professuren, und wir investieren mittlerweile im Kollegium sehr viel Zeit auf die Diskussion darüber, dass wir nicht nur nebeneinanderher arbeiten, sondern wir uns auch abstimmen wollen. Das ist ein zäher Prozess, da treffen Generationen auf­einander, und es fällt zum Teil wahnsinnig schwer, programmatische Aussagen zur Lehre zu machen. Die einen finden das gut, die anderen gar nicht gut. Das Schlimmste, was passieren kann, ist aber, dass eine völlig graue konturlose Mischung rauskommt – und jeder macht, was er will.
Geipel Auf der einen Seite also eine Aufweitung der Disziplinen in der Lehre, die auf neue gesellschaftliche Bedürfnisse reagieren, aber auch eine Zersplitterung der Lehre bedeuten kann – und auf der anderen Seite der Versuch, auch über die einzelnen Institutsgrenzen hinweg so etwas wie ein gemeinsames Profil hinzukriegen. Wie löst man dieses Dilemma?
Baum Ich bin ja an einer Fakultät für Architektur und Stadtplanung, und ich bin sehr dankbar dafür, dass es hier keine jeweils getrennte Ausbildung in einem Bachelor- und Masterstudiengang gibt. Es ist wie ein großes Dach, unter dem die Studierenden die Möglichkeit und auch Freiheit haben, ihren Weg zu definieren und zu finden.
Molestina Wir haben gerade einen neuen Studiengang „Civic Design“ ins Leben gerufen, der programmatischer Natur ist, es ist ein Architekturstudiengang, Master of Science in Architecture. Er führt zu der Bezeichnung „Architekt“, aber die Studierenden lernen hier beständig an der Grenze zwischen städtebaulichen und architektonischen Maßstäben zu arbeiten. Das Programm ist so aufgebaut, dass das Rhein-Ruhr-Agglomerationsgebiet als Untersuchungsgebiet im Zen­trum der Lehre steht.
Reicher An der RWTH Aachen gibt es jetzt die Empfehlung, dass die Lehre vor allem zwei Ideen untergeordnet sein muss: Interdisziplinarität und Internationalisierung. Für diese Programme gibt es dann den entsprechenden Support, und dabei es geht natürlich auch immer um Geld. Interessant finde ich an dieser Idee, dass es an einer sehr technologiebetonten Universität jetzt ein Aufmischen von kleineren und größeren Einheiten gibt. Man überlegt: Wie kann ich denn beispielsweise mit einer anderen Fakultät, etwa Medizin oder mit einem externen Forschungsschwerpunkt wie zum Beispiel „Metropolitan Cities“, kooperieren? Ich glaube, dass wir nur weiterkommen, wenn wir nicht nur unsere eigenen Fakultäten im Blick haben, sondern auch sehen: Was finden wir an Andockmöglichkeiten mit anderen Disziplinen der Universität?
Containerdenken in der Planung
Geipel Ist denn die Praxis der städtebaulichen Planung auf solch ein interdisziplinäres Arbeiten vorbereitet? Wenn von außen auf die Situation in Deutschland geblickt wird, dann gibt es doch eine große Verwunderung im Hinblick auf Vorgänge, die man als „Containerdenken“ der administrativen Praxis bezeichnen könnte: Jeder bleibt in seiner Disziplin. Es gibt den schönen Ausdruck „Abschichtungsprinzip der Planung“ – das heißt, erst kommt die Innenarchitektur, dann die Architektur der Hochbauer, dann kommt die Arbeit der Städtebauer, gefolgt von der Stadtplanung und der Regional- und Landesplanung. Diese Spezialisierung nützt vor allem der Industrie, sie ist ein kapitalistisches Ordnungsprinzip. Ob sie auch der Qualität der Stadtentwicklung nützt, ist die große Frage.
Neppl Absolut, das sehe ich genauso! In meinen ersten Berufsjahren in den Niederlanden konnte ich immer sagen: Ich bin Urbanist und Architekt. Es gibt dort diese seltsamen Grenzen nicht. Das fängt schon bei unserem Berufsstand an. Wir haben sehr merkwürdige Diskussionen mit der Architektenkammer über die Stadtplaner- und Architektenzulassungsordnung. Die Kammern sind stark drauf bedacht, die beiden Gruppen zu definieren, mit Auflagen zu versehen und auch auseinanderzuhalten. Das versteht eigentlich keiner, der sich damit beschäftigt, aber es ist gän­gige Praxis. Und auf der Ebene der Verwaltung geht das weiter. Die sind mehr oder weniger in diesen Sparten organisiert, und sie achten schon sehr darauf, dass ihre Interessen, ihre Sparten spezifisch formuliert werden. Das begegnet uns überall in der Praxis, und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Im Studium, zumindest in den Masterstudiengängen, gilt das noch nicht so, jeder ist selbst verantwortlich, wie er sich durchnavigiert. Aber in der Praxis ist diese Separierung in der Tat stark verwurzelt.
Rudolf Scheuvens Wenn man sagt, in Deutschland ist alles enorm gefestigt, dann gilt das hoch zwei für Österreich. Wir kennen den Berufsstand der Stadtplanung überhaupt nicht in Österreich. Die Stadtplanung liegt im Aufgabenfeld der Architekten. Und es gibt auch keine Bestrebungen, hieran etwas ändern zu wollen. Es würde das Aufgabenfeld der Architekten ja vielleicht beschneiden, wenn es einen weiteren Berufsstand geben würde. Das Gleiche spiegelt sich in der Hochschule wider. Dort sind Architektur und Raumplanung zwar unter einem Dach, aber die Welten sind leider getrennt: zwei Studienkommissionen und zwei unterschiedliche Systeme, deren Module nicht kompatibel sind.
Die Frage ist da: Wie kann man in solch separierten Systemen eine gemeinsame Qualifikationsebene aufbauen, gerade auch im Hinblick auf die zukünftige Arbeit der Studierenden im Arbeitsfeld der Stadtplanung? Wie können wir neue Kooperationen entwickeln? Das ist kein einfaches Geschäft, und ich bin da derselben Ansicht wie Christa Reicher: Man braucht Ressourcen, aber nicht unbedingt mehr Geld. Die Frage ist: Wie findet man Kooperationspartner, die Lust haben, an übergreifenden Themen zu arbeiten? Wir kooperieren in Wien mit Informatikern und mit Bauingenieuren zu Fragen der Mobilität oder mit Medizinern im Bereich Health Care und der Entwicklung der Gesundheitsinfrastruktur. Wie aber lassen sich aus solchen Kooperationen langfristig neue Perspektiven auch für die Lehre entwickeln? Bräuchten wir für solche Kooperationen nicht eine ganz andere Struktur von Universität?
Reicher Bei einer vergleichenden Untersuchung von innovativen Planungsformaten habe ich festgestellt, dass die Dinge nur dann gut funktionieren können, wenn auch die Verwaltung reformiert worden ist. Projektbezogenes Arbeiten ist nur dann erfolgreich, wenn man über die Grenzen von Ressourcen hinweg zusammenarbeitet und die Personen an einem Tisch zusammenbringt, die die Probleme dann auch lösen können. Genauso ist es in der Hochschule auch. Da gibt es die, die sagen: Wir sind die Kerndisziplin, und ihr seid die Städtebauer, die einen sitzen an dem einen Rand, und die Raumplaner sitzen an dem anderen Rand. Dabei könnte der Städtebau sehr gut die Brücke zwischen den verschiedenen Maßstäben und den unterschiedlichen Herangehensweisen schlagen.
Kirsten Klingbeil Neue Kooperationen werden initiiert, aber sie brechen sich am gefügten System der Realität?
Scheuvens Das genau ist mein Argument: Wir benötigen den Raum für neue disziplinübergreifende Kooperationen. Leider ist dieser Raum in den gefestigten Bachelor- und Masterprogrammen nur bedingt vorhanden. Wir haben aber in Wien in Architektur und Raumplanung pro Jahr ungefähr 1000, künftig mit Einführung von Zugangsbeschränkung 825 Neuanfänger. Eine gewaltige Zahl, die uns hinsichtlich der Personal- und Raumressourcen vor große Herausforderungen stellt. Man kann sich vorstellen, was das bedeutet, in solch einer riesigen Maschine zu lehren und zu lernen. Immerhin, es gibt in einem solchen System immer auch Nischen, wo sich etwas Neues entwickelt. Solche Nischen und Freiräume müssen wir sichern und weiterentwickeln. Die Hochschule muss ein Ort kritischer Diskurse bleiben, muss Räume für Neues und Experimentelles eröffnen und entsprechende disziplinübergreifende Strukturen schaffen.
„Stadt für alle“ – noch aktuell?
Geipel Wurde über die Fragen nach Effektivität und notwendiger Differenzierung der Lehre das gemeinsame Ziel aus den Augen verloren? Vor vier Jahren haben wir in der Stadtbauwelt (Bauwelt 12.2015) die Debatte zur europäischen Stadt geführt, mit der These, dass im Kern dieser Idee der europäischen Stadt immer noch die gemeinsame Überzeugung steht, den sozialen Zusammenhang in eine räumliche Form zu übersetzen. Ist das heute noch das handlungsleitende Ziel? Oder müssen wir angesichts des enormen Wachstums vieler Städte mit der wohnungspolitischen Vorgabe „Masse, Masse, Masse“, die sich ja auch in den Projektaufgaben an den Universitäten niederschlägt, das Leitbild einer „Stadt für alle“ beerdigen?
Neppl Ich glaube, das wäre fatal. Denn es gibt natürlich Alternativen, die wir uns hier in Europa nicht vorstellen wollen. Was in den Megametropolen passiert, was in Lateinamerika passiert – da gibt es eine massive Ausgrenzung, es gibt Gated-Stadtteile, die verfolgen in keiner Art und Weise dieses Bild einer Stadt für alle, einer offenen Stadt. Ich finde, wenn man mit Kollegen darüber diskutiert, gibt es bei diesem Punkt keinen großen Widerspruch. Wir sind, wie das ganze Berufsbild auch, sehr stark abhängig von dem, was gerade öffentlich diskutiert wird. Das ist auch euer Job in den Medien, solche Fragen immer wieder neu in den Ring zu werfen, das ist klar. Wenn man bei dieser Frage aber etwas tiefer bohrt, was kommt dann? Auf der Oberfläche ist das ziemlich eindeutig: Jeder will grün, Mobi­lität, urban, produktiv. Aber wenn wir fragen: Wie setzen wir solche Vorstellungen um und worauf konzentrieren wir uns? Dann gibt es doch große Unterschiede.
Scheuvens Das Wachstum, das wir in manchen Städten heute haben, ist aber wirklich auch massiv! Köln hat eine konservative Prognose von plus 100.000 beziehungsweise 120.000 Einwohnern, das ist eine Größenordnung, die auch für eine Millionenstadt zu einer enormen Herausforderung wird. Vor allem was die Bewältigung dieses Wachstums und was die Instrumente betrifft, das Wachstum zu gestalten. Da driftet dann alles wieder auseinander. Der starke Wachstumsdruck hat zu entfesselten Wohnungsmärkten geführt, in denen immer mehr Menschen kaum noch einen Zugang zu leistbaren Wohnungen finden. Stuttgart hat jetzt eine IBA ausgerufen, um Impulse im Wohnungsbau zu setzen. Ein wichtiges Thema, da sind wir uns alle einig. Aber wir müssen uns auch mit Fragen wie etwa der Erneuerung unserer Infrastruktur befassen, die sich vielerorts in einem erstaunlich schlechten Zustand befindet. Und mit Fragen der Entwicklung der Gesundheitsinfrastruktur, von Krankenhäusern und von Schulen. Da gibt es wirkliche Defizite in unseren Städten, die zu echten Handlungsunfähigkeiten führen.
Molestina Für mich besteht die Kernaufgabe des Städtebaus darin, diese „Stadt für alle“ weiterzuentwickeln im Sinne des europäischen Modells. Aldo Rossi und die Stadt als klassenloses Artefakt: Das ist das entscheidende operative Bild für architektonisches Handeln der Stadt, eine eminent europäische Idee, die wir unbedingt aufrechterhalten müssen. Wir müssen die Frage nach den Instrumenten beantworten, die wir brauchen, um das zu bewirken. Das ist die zentrale Frage. Was macht es mit dem Stadtbild von Köln, wenn wir 100.000 neue Wohnungen in den städtischen Raum bringen? Oder mit Düsseldorf, da werden 75.000 Wohnungen bis 2023 prognostiziert. Verständliche Antworten auf diese Frage zu entwickeln, das können aus meiner Sicht zuerst mal nur die Architekten, auch wenn das mit Sicherheit von einem Stück Naivität begleitet sein wird. Wir Architekten müssen als Partner der Politik diesem Diskurs über Stadtentwicklung dezidiert beitreten.
Wer baut die Stadt?
Geipel Sind die Architekten in der Lage, das zu leisten? Wenn man sich die neuen Wohnquartiere ansieht, die da allenthalben aus dem Boden schießen, dann haben diese mit der Idee einer gemischten Stadt kaum noch etwas zu tun. Den neuen Quartieren fehlen die Zentren, der Kern – überhaupt die Idee, wie das Ganze zusammenhält.
Baum Man muss unterscheiden, auf welchen Ebenen man hier diskutiert. Denn wie läuft das in der Praxis? Wir machen integrierte Vorschläge, und dann kommt der Entwickler und sagt, der Markt möchte aber etwas Anderes. Da stößt man schon an enorme Grenzen. Eine andere Grenze sehe ich darin, dass man sich als Bürger an der Gestaltung und dem Alltag einer Stadt auch beteiligen muss und sich nicht nur als Konsument verstehen kann. Ich denke, es liegen viele gute Ideen auf dem Tisch, die wir in der Lehre anwendungsorientiert vermitteln und die man dann gesellschaftlich diskutieren muss. Dabei wäre mehr Bereitschaft nötig, auch Alternativen umzusetzen. Sonst landet man immer wieder beim Blockrand als offensichtliche Allheilmethode unserer Probleme.
Molestina Wer baut heute eigentlich die Stadt? Ich will auf die Wortwahl aufmerksam machen, die wir heute verwenden und die deutlich macht, wer die Macht hat bei der Entwicklung der Stadt. Wir sagen heute ganz selbstverständlich: „Die Projektentwickler und die Investoren bauen die Stadt.“ Kaum jemand spricht davon, dass die Stadtverwaltungen und die Stadtplanungsämter die Städte planen. Sie verwalten eher. Es fehlt also heute, was in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gang und gäbe war: Dass die Städte sich auch zugestehen, die Gestaltung der Stadt beeinflussen zu können. Ich finde, wir sind heute viel zu schnell dabei, die Autorenschaft des Kapitals hinzunehmen. Dabei ist doch eines klar: Von dieser Seite aus wird es nie eine Untersuchung über die Qualität unterschiedlicher Quartiers- oder Verkehrsmodelle oder nachhaltiger Strukturen geben, weil das ein Risiko bedeutet. Man muss sich aber klarmachen, dass dieser wichtige Risikoaspekt in der öffentlichen Hand liegt, und man muss dem dann auch Raum und Mittel einräumen.
Baum Dann sind wir wieder bei der Rollenfrage: Wer hat die Macht bei der Entwicklung der Stadt?
Scheuvens Damit rutschen wir in eine ganz schwierige Diskussion. Mich ärgert, wenn immer über die „bösen Investoren“ geschimpft wird. Ein Investor an sich ist weder gut noch böse. Er investiert. Wenn niemand investieren würde in der Stadt, würde auch nichts weitergehen. Die Frage ist daher: Wie lenkt man die Dinge? Und die zweite Frage lautet: Wie kann ich Alternativen aufbauen zu Investitionsmodellen, beispielswei­-se beim Wohnungsbau? Wir haben in Wien den glücklichen Umstand, dass wir die Entwicklung auf einen sehr gut funktionierenden geförderten Wohnungsbau aufbauen können. Und trotzdem tut sich da gerade sehr viel über kleinere Initiativen, die neue Modelle diskutieren, neue Trägerformen, neue Investitionslogiken mit in die Realisierung hereinholen. Und diese Impulse, die da in der Praxis entstehen, die müssen wir auch an die Hochschulen zurückspielen und von dort aus weitertreiben. Also die kleinen Keime in den Blick nehmen, die nicht das System von heute auf morgen ändern, aber die einen Beitrag dazu leisten, dass wir Korrekturen vornehmen können an dem System. Auch hier zeigt sich die Bedeutung einer disziplin- und institutionenübergreifenden Zusammenarbeit.
Reicher Diese Diskussion macht deutlich, dass unser Anliegen in der Lehre auch eine gesellschaftliche Entwicklungsarbeit umfasst in dem Sinne, dass wir gute Bilder für die Zukunftsstadt nicht nur entwerfen, sondern auch vermitteln müssen. Als Planer sind wir aufgerufen, die Veränderung zu gestalten. Doch dann sehen wir heute, dass dort, wo es um Verdichtung und Wachstum geht, ganz schnell großer Widerstand von vielen Seiten entsteht. Diejenigen, die von Veränderung betroffen sind, sehen im Neuen fast immer das Schlechtere gegenüber dem Ist-Zustand. Daraus resultiert für uns eine Aufgabe, die weit hinausgeht über die Diskussion eines Leitbilds – sei es die Produktive Stadt oder die Bürgerstadt. Diese Aufgabe handelt vom „guten Raumzustand“ vor Ort, vom Aushandeln einer Balance zwischen den Gebieten, die eh schon bis zum Limit verdichtet sind, und den anderen Gebieten, die sich, auch vor dem Hintergrund der ökologischen Rahmenbedingungen, verändern können und auch müssen. Diese Balance zwischen unterschiedlichen Aggregatzuständen sollten wir mit engagierten, positiven Bildern von Zukunft verbinden und zeigen, wohin die Reise geht. Und ich muss sagen: Da sind mir die Bilder, die wir heute anbieten, manchmal zu antiquiert.
Geipel Wie könnten denn diese glaubwürdigen Bilder aussehen? Ich erinnere mich, das ist einige Jahre her, an eine Diskussion über die Zukunft von Freiham, einem großen Entwicklungsgebiet in München. Da wurde noch vor den einzelnen Wettbewerben über das Gesamtkonzept diskutiert. Um das Ganze der Bevölkerung schmackhaft zu machen, hatte man eine erfolgreiche Agentur aus Wien beauftragt, Bilder für diese Stadterweiterung zu entwerfen. Das Interessante an diesen Visualisierungen war aber – mir blieb damals der Mund offen stehen –, dass dabei ständig von Urbanität geredet wurde, aber auf den Bildern gab es nirgendwo Stadt zu sehen. Es gab einfach keine Gebäude. Es gab viel Grün, viele Terrassen, es gab viele Leute, und das Ganze war mit großem Geschick so gemacht, dass es sehr urban wirkte. Wie sehen denn Zukunftsbilder aus, die zeigen, wohin die Reise geht?
Neppl Meine Sicht ist da ein Stück pessimistischer. Viele Städte stehen unter enormem Wachstumsdruck, können aber nicht die geforderten Zahlen in integrierten Lagen entwickeln. In Hamburg, aber auch München, gehen sie deshalb wieder an die Stadtränder, müssen mit hohen Dichten Quartiere bauen, was eigentlich niemand will. Wenn Sie die Politiker oder die Stadtverwaltung, die Stadtplaner oder die, die die Projekte machen, fragen – eigentlich möchte das keiner machen! Wo kann eine Stadt wirklich integriert und urban wachsen? Das ist eine Frage, die ich im Moment nicht beantworten kann. Die Flächen oder die Projekte, die wir aktuell umsetzen, werden das so nicht sein.
Ich beobachte gerade, dass sich das Ansehen unseres Berufs in der Öffentlichkeit gewaltig ändert. In den 70er und 80er Jahren hatten wir ein gutes Image. Im öffentlichen Ansehen waren das viele gute Menschen, die Stadtplanung machten. Mittlerweile sind wir ganz woanders gelandet. Wir sind eher die bösen Buben. Und angesichts der Realität klafft da eine große Glaubwürdigkeitslücke. Wenn man sich die Wahlversprechen ansieht, dann steht doch auf allen Wahlplakaten: Wir engagieren uns für mehr Wohnraum, bessere Wohnkonzepte, mehr Urbanität! Aber ich kenne kein einziges der großen Projekte in Deutschland, wo man sagen könnte, diese wunderbaren Urbanitätsbilder werden erreicht.
Urbanitätsversprechen der Lehre
Klingbeil Angesichts dieser Größenordnungen und unseres Themas „Stadt lehren“ frage ich: Was gibt man dann den Studierenden mit? Welche Leitsätze, welche Aufgabe, welche Ideen kriegen sie für diese vielfältige Problematik der Stadt an die Hand?
Reicher Neulich wurde an uns herangetragen, wir sollten uns an der Uni doch mal wieder mit einer neuen Stadtgründung beschäftigen, auf einem Areal südlich von Düsseldorf, und ich habe mir dann überlegt: Ist das wirklich die passende Aufgabe für unsere Situation im 21. Jahrhundert, eine neu zu gründende Stadt zu entwerfen?
Klingbeil Für Studierende hört sich das doch prima an. Endlich mal wieder!
Reicher Als ich die Idee in den Raum geworfen habe, gab es tatsächlich ganz viele Studierende, die sagten: Das wollen wir machen. Ich denke, das Positive ist, dass wir uns heute wieder in die Zukunft orientieren und uns Gedanken machen: Wie könnten denn zum Beispiel Szenarien für ein lebenswertes Dortmund 2040 aussehen? Also beispielsweise Konzepte entwickeln, die den Autoverkehr ganz aus der Stadt herausnehmen und zur Vorgabe haben, dass sich die Stadt autonom aus ihrem unmittelbaren Umfeld heraus ernährt. Das sind Aufgaben, die kann man im Sinne von visionärer Zukunftsidee schon stellen, und man merkt dann auch schnell, dass solche Überlegungen die Studierenden für ihren Übergang ins Berufsleben motivieren.
Klingbeil Dass wir uns heute wieder intensiv mit Zukunftsideen der Stadtentwicklung auseinandersetzen, hätte vor zehn Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten. Was gehört für Sie in die Mitte der Lehre von Urban Design? Schon die unterschiedlichen Bezeichnungen Ihrer Fachbereiche, in denen mal von Urban Design und von Städtebau, mal von Architektur und Stadtplanung die Rede ist, deuten auf ein weites Spektrum. Ist die entscheidende Klammer, die alles zusammenhält, die Tätigkeit des Entwerfens? Und was muss die Lehre des städtebaulichen Entwerfens beinhalten?
Scheuvens Immer wenn der Begriff des „Entwurfs“ ins Spiel kommt, muss ich etwas schmunzeln, weil jeder in seinem Bereich das Entwerfen anders definiert. Wir schreiben gerade in Wien die Städtebau-Professur aus. Ganz wichtig ist uns hier die Entwurfskompetenz, die wir als Brücke zwischen der Architektur und der Raum­planung, als Brücke zwischen den räumlich gestalterischen und den instrumentellen und prozessualen Aspekten sehen. Die Entwurfskompetenz muss über rein stadtgestalterische Anliegen hinausgehen. Entwerfen übernimmt dabei die Rolle einer Positionsbestimmung.
Wie kann ein solcher Vorgang mit der zeitlichen Komponente in Verbindung gebracht werden, mit der Gestaltung von dynamischen Veränderungsprozessen? Wir trimmen die Leute darauf, in Containern zu bleiben, und dann wird am Schluss eine Prüfung gemacht und abgehakt. Nötig wären aber andere Formate, wo das Entwerfen der Kern sein kann, in den viele andere Disziplinen hereinspielen. Systemtheorie und Städtebau müssen zusammengedacht werden. Stadt ist kein Produkt, das man so eben auf die Wiese stellt und sagt, jetzt ist es fertig. Deshalb habe ich auch immer meine Schwierigkeiten mit Urbanitätsversprechen, die allein aus städtebaulichen Entwürfen heraus formuliert werden. Architekten verkennen dabei gern, dass es enorm viele Partner und Angebote braucht, damit schließlich Urbanität herauskommt.
Viel Entwurf, zu wenig Konzept?
Baum Ich verwende den Begriff „Städtebau“ selbst sehr gern, weil er für mich genau diese Schnittstelle einer Mittlerin zwischen Architektur und Stadtplanung beschreibt. Er macht auch deutlich, dass wir über alle Maßstäbe hinweg denken. Für mich ist das Entwerfen eines unserer Alleinstellungsmerkmale, es ist eine Methode, die uns klar von den anderen Disziplinen unterscheidet, die alle auch an der Entwicklung von Stadt beteiligt sind. Aber wir können durch das Entwerfen sowohl Zukunftsbilder im Raum als auch Prozesse entwickeln, und das ist absolut entscheidend. Stadt entwickeln, ohne Stadt zu entwerfen – das geht nicht.
Reicher Für mich geht es ganz stark darum, konzeptionelles Denken zu lehren. Das kann eine Raumstrategie sein oder die Definition eines Stadtbausteins, das kann ein Raumbild sein oder ein klassischer städtebaulicher Entwurf. Aber es braucht auf jeden Fall diese konzeptionelle Komponente. Darüber habe ich auch mit meinen Kollegen von der Raumplanung heftige Diskussionen geführt, die für sich gesagt haben, im Zentrum einer Masterarbeit liegt die Analyse und nicht die Konzeption. Die Analyse ist das, was ich brauche, um ein Fundament für die Konzeption zu haben. Und das konzeptionelle Denken ist die Basis für den städtebaulichen Entwurf.
Neppl In Karlsruhe ist es für uns eigentlich selbstverständlich, dass die Studierenden vom ersten Semester an in Projekten, Entwürfen und verschiedenen Maßstäben unterrichtet werden. Das Problem stellt sich eher anders herum. Die Studenten sind häufig, wenn es um komplexe Aufgabenstellungen geht, viel zu schnell dabei, es konkret aufs Papier zu bringen. Ohne Frage gehört der städtebauliche Entwurf in den Mittelpunkt. Mittlerweile merke ich aber, wenn wir die Studierenden in Situationen bringen, wo sie sich nicht auskennen, dann sind sie gar nicht in der Lage, sofort einen Entwurf zu machen.
Sie müssen zuerst das ganze Drumherum verstehen, sie müssen sich in die verschiedenen Aufgaben hineindenken und mit verschiedenen Akteuren zusammentreffen. Dafür sind Projektaufgaben in kleinen Städten super, weil es da passieren kann, dass auch der Bürgermeister mal mit am Tisch sitzt. Uns fällt also in der Architekturfakultät auch die Rolle zu, zu zeigen, dass es eben nicht immer sofort und schnell um den großen räumlichen Entwurf gehen muss, sondern dass es noch eine ganze Menge Dinge drumherum gibt. Aber in der Tat: Am Schluss steht bei Urban Design der Entwurf.
Geipel Wie sehen Sie das in Ihrem Studium an der Uni Kassel, Frau Meckbach? Was sind
Ihre Erwartungen? Geht es mehr in Richtung „Entwerfen“ oder geht es mehr in Richtung „konzeptuelles Denken“?
Meckbach Ich wollte bereits widersprechen. Ich finde es, wie von Herrn Neppl erwähnt, als nachteilig, dass der Städtebau sehr entwurfslastig ist. Für mich werden in diesen Entwurfsprozessen zu wenige Fragen an den Raum gestellt. Es dominiert das Gestalterische, und das Konzeptuelle kommt zu kurz. Ich kann es kaum noch ertragen, wenn am Ende des Semesters ein Rendering nach dem anderen an die Wand gehängt wird – Bilder, die man alle nicht mehr nachvollziehen kann, weil man keinen Hintergrund dazu geliefert bekommt. Das Konzeptuelle müsste die Basis sein für den Städtebau, und das führt dann sicherlich auch zu guten Entwürfen.
Geipel Sie arbeiten momentan in Kassel an einem selbständig von Studierenden organisierten Seminar „Forschendes Lernen“, und Sie beschäftigen sich mit der Aufarbeitung von „50 Jahren Stadtplanungsideologien in Deutschland“. Welche Erfahrungen machen Sie da?
Meckbach Das Lehrformat „Forschendes Lernen“ gibt es seit 2013, und es befähigt Studierende mit wissenschaftlichen Methoden zu experimentieren. Wir versuchen in diesem Jahr, den Städtebau der letzten 50 Jahre zu reflektieren, und es wird im Oktober ein Symposium zur Planungslehre geben. Bei der Arbeit wurde deutlich, dass auch bei uns am Fachbereich zu wenig diskutiert wird: Was war „Best Practice“ in den letzten 50 Jahren, was brauchen wir und was brauchen wir nicht mehr? Diese Erfahrungen sollten auf die Lehre übertragen werden. Allerdings kann das „Forschende Lernen“ nur einen Teil abdecken, es ist ein Modul, in dem wir die Möglichkeit haben, solche Fragen zu reflektieren.
Baum Jedem Entwurf liegt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Ort zugrunde, sonst kommt man gar nicht zu einem Entwurf. Ich glaube, das wird auch jeder gute Architekt so unterschreiben. Und es bedarf der ortsbezogenen Analyse, auch der Synthese dieser Analyse, um zu Entwurfsgedanken zu kommen. Es werden dabei nicht überall „urbane Quartiere“ entstehen. Je nach Ort geht es um andere Typologien. Dabei geht es nicht in jedem Fall um lebendige Erdgeschosszonen, genauso wichtig sind gut ausgebildete Freiräume und Orte und Möglichkeit der Begegnung auch dort, wo wenig passiert.
Geipel Also ein starkes Plädoyer für ein projektgebundenes städtebauliches Entwurfsverständnis in der Lehre. Was Sie, Frau Meckbach, gerade angesprochen haben, weist noch in eine andere Richtung. Sie vermissen eine Evaluierung der zurückliegenden Erfahrungen der Stadtplanung. Ließe sich ein solch historisch-kritisches Verständnis besser in den städtebaulichen Entwurf integrieren?
Meckbach Ich denke, dieses Über-den-Tellerrand-Schauen wünschen sich viele Studierende. Wenn wir aber am Anfang verschiedene Konzepte vergleichen und dabei noch transdisziplinär arbeiten wollen, dann bedeutet das, dass wir mehr Zeit brauchen. Man kann keine umfangreichen Evaluierungen und Analysen in acht Wochen abarbeiten. Ich weiß, dass die Bedingungen draußen in der freien Marktwirtschaft noch weitaus härter sind. Aber für das Studium sehe ich es als zentrale Aufgabe, die Synergien, mit anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten, auch nutzen zu können und beim Durcharbeiten der Konzepte auch mal scheitern zu können.
Molestina Ich stimme zu: Man muss einen kritischen Blick und historischen Tiefgang entwickeln. Aber das kann nur parallel zum Entwurf erfolgen. Ich behaupte nicht, dass es der einzige denkbare Weg ist. Aber die relativ kurze Zeit für die Ausarbeitung der Entwürfe entspricht, wie erwähnt, eben auch den realen Bedingungen.
Realitätsnah Forschen
Geipel Welche Rolle spielt bei diesem Lernprozess die universitäre Forschung? Wir haben bei der Vorbereitung dieser Ausgabe festgestellt, dass es längst einen Bewusstseinswandel gegeben hat. Wenn an den Architektur- und Städtebaufakultäten realitätsnah geforscht wurde, dann hat man das vor einigen Jahren noch mit skeptischen Augen verfolgt, vor allem von der Praxis her. Stichwort: Konkurrenz und so weiter. Inzwischen scheint es fast üblich zu sein, dass Stadtverwaltungen sich an „ihre“ Universitäten wenden: Wir haben gerade das und das Pro­blem – könnt ihr nicht eine entsprechende Forschung, eine entsprechende Entwurfsaufgabe ausgeben? Wie stehen Sie zu solch einer „angewandten Forschung“?
Neppl Ich finde, dass die Universität einen enormen Vorteil hat, weil ihr bei solchen Aufgaben die Rolle zufällt, anders zu denken als die Büros, die beauftragt sind, oder als die Stadtverwaltungen, die immer auch in einem politischen Kontext unterwegs sind. Ich finde, das wird in Deutschland ganz gut gehandhabt. Kurzer Exkurs: Unsere Universität in Karlsruhe ist von Weinbrenner und Tulla mit dem klaren Auftrag gegründet worden, Konzepte für die Weiterentwicklung der Stadt zu entwickeln. Das ist immer noch bemerkenswert, auch wenn das inzwischen in Vergessenheit geraten ist. Die ursprüngliche Idee war, dass eine Stadt gesagt hat: Wir gönnen uns eine Uni, und die Uni kriegt diesen Auftrag!
Ich finde diese Idee auch heute noch interessant, zu sagen, wir brauchen den akademischen Raum, um gewisse Dinge auszuprobieren, zu hinterfragen, zu reflektieren, zu diskutieren. Wir haben es in Karlsruhe zum Stadtjubiläum so gemacht. Wir haben zusammen mit der Stadt fast vier Jahre lang ein räumliches Leitbild entwickelt.1 Das war nur deshalb möglich, weil wir als Universität relativ unverdächtig waren, den Auftrag haben zu wollen. Wir konnten in Kooperation mit Büros aus der Praxis und mit der Öffentlichkeit relativ unabhängig agieren. Wir konnten auch viele Akteure der Stadt in der Uni an den Tisch holen und sagen: Lasst uns über gewisse Probleme offen reden. Klar ist, bei einem solchen Projekt darf das Pendel nicht zu stark in eine Richtung ausschlagen, dann kommen die Berufsverbände, und es gibt ein Riesentheater. Aber ich glaube, bis zu einer gewissen Grenze sind solche Projekte sinnvoller als die völlig eigenständige Forschung im angelsächsischen Sinn.
Klingbeil Das gilt dann auch für andere ko­operative Projektformate, an denen die Unis beteiligt sind?
Neppl Vor zehn Jahren noch war Forschung in der Architekturfakultät eher etwas im Bereich Bauphysik oder ausgefallene Konstruktionen. Das hat sich stark verändert, natürlich auch durch den Druck, der an vielen Universitäten auf die Fakultäten zugekommen ist hinsichtlich Drittmittel und internationaler Sichtbarkeit. Im Bereich städtebauliche Entwicklung und Urban Design gibt es inzwischen überzeugende Projekte, die die Unis machen, zum Beispiel in der Frage der Partizipation und Beteiligung vieler Akteure. Es gibt mittlerweile die Reallabore, die ich wirklich gut finde, weil die tatsächlich auch über entsprechende Mittel verfügen, um etwas auszuprobieren. Ich halte das für eine positive Entwicklung, die ausbaufähig ist.
Scheuvens Ich habe einerseits ein Problem damit, wenn die Hochschulen in puncto Forschung missbraucht werden, weil es billiger ist, Studenten daran arbeiten zu lassen als die Aufträge an Büros zu geben oder dazu einen Wettbewerb auszuschreiben. Andererseits kann es für beide Seiten unglaublich wertvoll sein, wenn solche Aufgaben aus einer stark treibenden Neugierde heraus entwickelt werden.
Baum Wir praktizieren in Stuttgart transdisziplinäre Forschung. An solchen Projekten sind nicht nur unterschiedliche Fachdisziplinen dabei, sondern auch die Zivilgesellschaft, die Städte mit den Stadtverwaltungen, Unternehmen. Und diese Forschungsprojekte sind dann auch unmittelbar mit der Lehre verknüpft.2
Reicher Beim Thema „Urban Research“ an den Hochschulen muss man eine Reihe von Fragen auseinanderhalten. Erstens kann es nie um einfache Auftragsarbeiten gehen. Universitäten brauchen einen geschützten Raum, sie brauchen Freiheit, sie müssen unbefangen die Fragen stellen können: „Was wäre wenn...?“, ohne dass es ein Korrektiv aus der Politik, aus der Praxis gibt. Zweitens stelle ich fest, dass sich Forschung in den letzten Jahren gravierend verändert hat. Das, was wir jetzt unter anwendungsbezogener Forschung, Reallabor und so weiter verstehen, das war früher etwas verpönt. Es war das, was die Fachhochschulen gemacht haben, es war keine klassische Wissensgenerierung im Sinne von Grundlagenforschung.
Ich bin froh, dass wir jetzt mehr so eine Art Kreislaufdenken haben: Wir nutzen das, was wir in der Forschung machen, speisen es in die Lehre ein, und von dort kommt es dann auch wieder zurück. Und ich halte es für sehr sinnvoll, dass viele jetzt ausgeschriebene Forschungsprojekte genau diese Rückkopplung wollen und die Verankerung in der Praxis auch einfordern. „Urban Research“ ergibt auf diese Weise viel mehr Sinn, als das noch vor zehn Jahren der Fall war. Wir brauchen keine Schubladenergebnisse, sondern wir brauchen ein Weiterkommen beim Spiegeln und Gestalten der gesellschaftlichen Veränderungen im Raum.
In einem Boot
Klingbeil Und wie bringt man die vielen Akteure, die bei solchen komplexen Lehrprojekten ja dann um einen Tisch sitzen, unter einen Hut? Da hätten wir gerne noch eine Anregung.
Molestina Ich würde mir wünschen, dass die Leute, die mit uns als Lehrenden zu tun haben, das Gefühl haben, dass sie etwas verändern können. Und dass sie berechtigt sind, diese Veränderungen auch in die Hand zu nehmen.
Neppl Mein Wunsch wäre, dass sich in den Fakultäten die Vorstellung durchsetzt, dass man in einem Boot sitzt. Das hört sich jetzt furchtbar banal an, aber wer sich die zersplitterten Diskussionen vor Augen führt, die wir angesichts der vielen Herausforderungen der Stadtentwicklung heute führen, hält das für keine Selbstverständlichkeit. Dass man also sagt, wir sind gemeinsam verantwortlich für das, was sich in den Städten verändert. Und wir stellen uns dem auch gemeinschaftlich. Das bedeutet dann auch, dass nicht jeder, im Sinne einer Meisterklasse, den kompletten Kosmos unterrichtet. Damit es dazu kommt, braucht es sehr viel Beschäftigung miteinander, nicht nur an der Hochschule, sondern auch in den verschiedenen Berufsfeldern, in den Verbänden und in den Städten selbst.
Fakten
Architekten Baum, Martina, Stuttgart; Meckbach, Philine, Kassel; Molestina, Juan Pablo, Köln; Neppl, Markus, Köln, Reicher, Christa, Aachen; Scheuvens, Rudolf, Wien
aus Bauwelt 6.2019
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