Elements of Architecture

Ein Schmöker? Ein Sammelsurium? Oder die Bibel? Das von Rem Koolhaas herausgegebene Buch „Elements of Architecture“ ist alles zugleich.

Text: Landes, Josepha, Berlin


Elements of Architecture

Ein Schmöker? Ein Sammelsurium? Oder die Bibel? Das von Rem Koolhaas herausgegebene Buch „Elements of Architecture“ ist alles zugleich.

Text: Landes, Josepha, Berlin

Eintausendeinhundertsechsundsechzig hauchdünne Seiten ergeben einen Buchrücken von, sage und schreibe, acht Zentimetern, von Zweizentimeterpappen zusammengehalten ein Gewicht von dreitausendvierhundertvier­zig Gramm – wenn das mal keinen Anspruch hat! Wenigstens doch aber ein Katechismus, möchte man meinen, zumal mit dem alles umfassenden Titel „Architekturelemente“ ausgestattet. Aber es handelt eben nicht von DEN Architekturelementen, so das Autorenteam von OMA, sondern ist ein freies Herausgreifen einzelner dieser Elemente, deren Bedeutungen, Form oder Funktion sich über die Jahrhunderte hinweg zum Teil drastisch geändert haben. Die jeweils circa hundert, eini­ge zweihundert Seiten umfassenden Kapitel widmen sich Fußboden, Decke, Dach, Tür, Wand, Treppe, Toilette, Fenster, Fassade, Balkon, Korridor, Feuerstelle, Rampe, Rolltreppe und Aufzug. Darin findet sich ein Potpourri von Bildern, kurzen und längeren Texten zum jeweiligen Thema, die, mit Zitaten und farblichen Hervorhebungen versehen, eine gründliche nebst einer verknappten Lesart ermöglichen.
Koolhaas ist bemüht, dieses Großwerk ganz klein daherkommen zu lassen – es sei in all seiner Monumentalität noch immer so lückenhaft, dass es vielmehr ein Versuch scheint, das um­-gekehrte Verhältnis von Werk und Meister zu verdeutlichen. Um diese Überforderung des Architekten durch die Architektur beziehungsweise herausgegriffene Elemente, die gemeinsam Architektur werden können, zu illustrieren, wählt er geschickt das Format des Sammelsuriums.
Gestaltet von der vielmals ausgezeichneten Designerin Irma Boom und en detail recherchiert von Harvard-Absolventen, vereint das Werk so namhafte Co-Autoren und Interview-Partner wie die in Yale lehrende Architektin Keller Easterling mit einem Essay zum „Fußboden“, den Treppenforscher Friedrich Mielke – natürlich über „Treppen“ – und den Architekt Werner Sobek, dem ein Platz in der Mitte des Buches anheimfällt: in der Einleitung. Ein Koolhaas beginnt nämlich nicht von vorn! Jedenfalls nicht dieses Buch. Es ist ein der Hierarchisierung der Kapitel entgegenwirkender Kniff, das Buch in der Mitte beginnen zu lassen und auch dort den Leitfaden „Wie man dieses Buch überlebt“ einzubringen – wären da nicht die Gewohnheiten des Lesers, von vorne zu starten, gepaart mit dem Versagen der eigens erfundenen Kerbe im Buchrücken, die ein „Na-türliches Öffnens des Buches in seiner Mitte“ bezwecken soll: Das Buch fällt um, beim Versuch, der Anweisung Folge zu leisten.
Die von Koolhaas gewohnte graphisch hemdsärmlige Vermittlung und Verknüpfung von Inhal­-ten entbehrt gewiss der Logik nicht: Sie folgt der Idee, dass alles Erdachte und Gebaute sich in ein Netz einknüpfen lässt und nichts weiter als Bestandteil eines fortwährenden Prozesses ist. Die lose Bestückung der einzelnen Kapitel mit mehr oder weniger tiefgehenden Gedanken zu Projekten, die für das jeweils im Fokus stehen­de Architekturelement relevant sind, oder zu herausragenden Ausformungen dieses Elements rechtfertigt überhaupt erst die isolierte Betrachtung der Elemente voneinander. Überleitungen zwischen den Abschnitten würden, in gleicher Weise dekliniert, den Buchrücken um gewiss mindestens weitere acht Zentimeter aufstocken. Warum aber bei Taschen aus der Box mit Einzelheften, als welche „elements of architecture“ zur Biennale 2014 bei Marsilio erschienen war, dieser Brocken wurde, erschließt sich nicht.
Die Booklet-Form dürfte die sympathischere Variante sein. Als Monumentalwerk, zumal scheinbar wenig angepasst, steht „Elements of Archi­tecture“ in gewisser Weise, auch wenn die Verfasser diesen Anspruch wohlweißlich von sich weisen, neben Vitruv, Alberti, Neufert, ist aber anders als diese auf keinem Feld wirklich herausragend. Das Buch ist ein solcher Rundumschlag durch Architekturgeschichte, Konstruktion und Entwurfslehre, dass es, so spannend jede ein­-zelne Randnotiz auch ist, unweigerlich einen leichtanmaßenden Beigeschmack trägt. Es ist ein assoziatives Gedankenspiel, das sich OMA leisten können. Es scheint die Devise „Alles kann, nichts muss“ zu gelten: Die Wahl der Motive und Geschichten, mit denen die Elemente widergegeben werden, mutet zum Teil willkürlich an – was in Buchform erst auffällt, in einem Katalog weniger problematisch ist. Das Buch lässt nach dem Mies’schen „Weniger ist mehr“ sehnen, einer redaktionellen Hand, die eben nicht die Wirrnisse der Welt reproduziert, sondern sie wenn auch nicht ordnet, so doch wenigstens sauber präpariert. Dieser Schritt hätte der Überführung der Inhalte vom Katalog zum Buch gutgetan.
Nichtsdestotrotz, wer starke Knie hat oder gern am Tisch liest, für den ist „Elements of Architecture“ wert der Abwägung. Wer diese Elemente zudem auf schmökernde Art und Weise neu einordnen, zuordnen und verknüpfen möchte, für den dürfte das Buch eine Bereicherung sein. Als solches eignet es sich hervorragend, umwährend der nächsten Feiertage den weiten Wald aus allerlei Architekturdingen zu durchstreifen.
Fakten
Autor / Herausgeber Hg. von Rem Koolhaas
Verlag Taschen Verlag, Köln 2018
Zum Verlag
aus Bauwelt 1.2019
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