Zeitreise Kanzleramt

Sie sind mit gleicher Sprache wieder da: Axel Schultes und Charlotte Frank werden die Erweiterung des Bundeskanzleramts bauen. Wie geht es aber im Parlamentsviertel am östlichen Ende des „Band des Bundes“ weiter? Dort knirscht es noch immer.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Kanzleramtschef Helge Braun, Charlotte Frank, BBR-Prä­sidentin Petra Wesse­ler und Axel Schultes vor dem Mo­dell der Machbarkeits­studie im Presse­saal des Bundeskanzleramts.
Foto: getty images/Tobias Schwarz

Kanzleramtschef Helge Braun, Charlotte Frank, BBR-Prä­sidentin Petra Wesse­ler und Axel Schultes vor dem Mo­dell der Machbarkeits­studie im Presse­saal des Bundeskanzleramts.

Foto: getty images/Tobias Schwarz


Zeitreise Kanzleramt

Sie sind mit gleicher Sprache wieder da: Axel Schultes und Charlotte Frank werden die Erweiterung des Bundeskanzleramts bauen. Wie geht es aber im Parlamentsviertel am östlichen Ende des „Band des Bundes“ weiter? Dort knirscht es noch immer.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

„Unsere Juristen haben das geprüft“. Petra Wesseler, Präsidentin des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, stellt klar, dass rechtlich al­les eindeutig und korrekt ist. 1992 hatten die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank den weltweit offenen städtebaulichen Ideenwettbewerb „Sitz von Parlament und Regierung im Spreebogen“ mit über 800 Einreichungen und in der Folge 1994 auch den Realisierungswettbewerb Bundeskanzleramt für sich entschieden. Den zweiten Wettbewerb aber erst nach Überarbeitung und abschließender Entscheidung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl im Juni 1995, der sich von seinen Beratern, u.a. Gustav Peichl, überzeugen ließ. Auf den Modellen und Zeichnungen von Schultes und Frank war stets das westliche, halbrunde und an seinen unterschiedlich langen Enden schräg angeschnittene Volumen als Abschluss vom „Band des Bundes“ zu sehen, das den Kanzlergarten umgreift. Es gehört urheberrechtlich zum Entwurf, 1994 schon deutlich stärker ausgeprägt und nach innen zum Garten sich abtreppend.
So sitzen am 15. Januar im großen Pressesaal des Kanzleramts neben Petra Wesseler und dem gemütlichen Kanzleramtschef Helge Braun wieder die Architekten von damals: Axel Schultes (inzwischen 75 und nicht mehr mit hoch geschlagenem Hemdkragen) und seine Büropartnerin Charlotte Frank. Sie verkünden den Beginn der Planungen des Erweiterungsbaus vom Kanzleramt genau dort in diesem Halbrund auf dem Moabiter Werder. Gezeigt wird eine Machbarkeitsstudie mit Modell im Maßstab 1:200, die schon ziemlich konkret ausschaut. Bestimmte Grundmotive von Schultesʼ Architektursprache sind unverkennbar. Déjà-vu könnte man meinen, doch er stellt bei der Präsentation klar: Diesmal gibt es kein Kanzler-Leitungsgebäude und damit keine Extravaganzen, nur eine „Verwaltungsergänzung“, also viele Büros, dazu ein zweites Mitarbeiterrestaurant, eine Kita, einen Veranstaltungssaal, eine Gärtnerei – und eine Kanzlerwohnung mit Blick ins Grüne, denn bisher befindet sich im Leitungsgebäude nur eine kleine Ergänzung des Kanzler-Arbeitszimmers ins Private.
Die Erweiterung sieht allerdings keine Büros mehr vor, die haushohen Wintergärten zugeordnet sind, wie es bei den bestehenden Verwaltungsflügeln des Kanzleramts der Fall ist. Die Arbeitsräume der 400 zusätzlichen Mitarbeiter öffnen sich zum zentralen Garten hin und sind auf sechs Geschossen als lange Bänder vorgesehen. Auch eine Hubschrauberlandeplattform gehört zum Programm. Sie befand sich bisher auf dem Rasen des Kanzlergartens und muss nun entsprechend der heutigen flugtechnischen Richtlinien in die Höhe gestemmt werden. Nur hier will sich Schultes wagemutig in Szene setzen, denn das Rund der Landefläche kragt weit aus und wird sicherlich eine Herausforderung für die Statik darstellen.
Petra Wesseler zeigt die nächsten Schritte auf: Neun Jahre wird es wohl dauern, bis die Beamten einziehen werden. Die Fachplaner gibt es noch nicht, auch keinen Statiker. Die ausstehenden Abstimmungen und Vorplanungen mit den Sicherheitsbehörden und den vielen anderen Berliner Stellen sollen allein vier Jahre beanspruchen. Charlotte Frank nennt Gesamtplanungs und -baukosten von 460 Millionen Euro, also grob gerechnet mehr als eine Million für jeden neuen Arbeitsplatz. Das Kanzleramt kostete bei Fertigstellung vor 18 Jahren 465 Millionen DM. Frank betont ausdrücklich, dass in den nächsten Jahren die Kosten steigen können. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung lässt ebenfalls mitteilen, dass zusätzliche Kosten „im Zuge des Risikos nicht vorhersehbarer Ereignisse im Bauablauf entstehen können“ – man ist vorsichtig geworden.
Auf der Pressekonferenz nutzt Axel Schultes die Gelegenheit, noch einmal die Bedeutung des öffentlichen Forums als Herzstück seines „Band des Bundes“ im Parlamentsviertel in Erinnerung zu rufen. Dieses „Bürgerforum“ wurde als zentrale stadträumliche Skulptur zwischen dem Ehrenhof des Kanzleramts und seinem Gegenüber, dem Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags von Stephan Braunfels, nicht weiterverfolgt. Man habe ihn mit diesem zentralen Teil seines städtebaulichen Entwurfs damals allein gelassen und das Konzept – wie er 2001 meinte – aus „buchhalterischen Erwägungen“ verworfen. Der Bundestag wollte kein städtisches, räumlich gefasstes Forum und begnügte sich mit einem Nichts aus Bäumen, Granitplatten und niedrigen Wasserspielen.
Am anderen Ende vom „Band des Bundes“, dem östlichen Abschluss hin zum Schiffbauer Damm, knirscht es noch immer. Braunfels baute für den Bundestag in Verlängerung des Paul-Löbe-Hauses auch das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Im Erweiterungsbau dieses Hauses nach Osten sind kurz vor Fertigstellung Bauschäden an der Bodenplatte aufgetreten, die zusätzliche Millionen Euro verschlingen und die Übergabe bereits um sechs Jahre verschoben haben. Ein Ende der Sanierungsarbeiten wird 2021 erwartet. Den städtebaulichen Wettbewerb „Luisenblock Ost“ gegenüber der Luisenstraße als östlicher Abschluss vom Gebäudeband hatten 2009 die Architekten Kusus + Kusus gewonnen. Ein großes Halbrund mit zwei elliptischen Innenhöfen, das im Norden denkmalgeschützte Gebäude ausspart. Man hört nach zehn Jahren nichts mehr von diesem Projekt und einem geplanten Bauwettbewerb. Der Bundestag will erstmal abwarten, bis er in das Gebäude mit den Rissen in der Bodenplatte einziehen kann. Außerdem steht auf dem Terrain ein Altbau der Vermögensverwaltung der Gewerkschaft Verdi von 1912, das nun wohl doch stehenbleiben und mit erheblichen Aufwand ins Rund integriert werden soll.

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