TONDO


Neubau für die Wirtschaftsfakultät der Hochschule Furtwangen


Text: Ballhausen, Nils, Berlin


    Foto: Wolfram Janzer

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Der Künstler Martin Bruno Schmid hat ein kreisrundes Stück aus einer tragende Betonwand sägen und verdrehen lassen. Ornament oder harte Wahrheit? Wir fragen die wichtigsten Beteiligten.
Wie tief ging der Schnitt? Anders gefragt: Wie stark ist der Eingriff in die Tragstruktur des Gebäudes oder, etwas polemischer, wie ernst wurde hier die Kunst am Bau genommen? Fake oder echt?
Anruf bei den Architekten des Gebäudes, das hier lediglich als Hintergrund und „Rohstoff“ für das Kunstwerk von Martin Bruno Schmid betrachtet werden soll: Die Hochschule Furtwangen ist an drei Standorten untergebracht, zum einen am Gründungsort in Furtwangen und zum anderen an den Standorten Schwenningen und Tuttlingen. Auf dem Hochschulareal in Schwenningen wurde 2011 ein Neubau für die Hochschulbibliothek sowie Unterrichts- und Büroräume für die Fakultät Wirtschaft errichtet. Die Architektin Christine Schädler erläutert, dass die Foyerwand im Bereich des Haupteingangs von Beginn an als Ort für die Kunst am Bau vorgesehen war. Die baden-württembergische Kunstkommission tagte jedoch erst, nachdem das Gebäude bereits fertiggestellt war. Die Jury, in der auch die Architekten vertreten waren, vergab den ersten Preis einstimmig an die Arbeit „TONDO“ – vorbehaltlich ihrer Realisierbarkeit.
Anruf beim Tragwerksplaner: Carsten Erchinger hatte binnen vier Tagen darüber zu entscheiden, ob die Arbeit mit der Statik des Hauses vereinbar ist. Eine tragende Betonwand in dieser Dimension zu durchbrechen – die Scheibe hat einen Durchmesser von 2,50 Meter – sei ja im Grunde nichts Besonderes und komme bei Umbauten und Erweiterungen immer wieder vor. Dies sei dann aber meist in der Tragwerksplanung berücksichtigt, wohingegen in Schwenningen niemand mit einem solchen nachträglichen Eingriff gerechnet hat. Obwohl die Norm gewisse Reserven in der Bewehrung vorsieht, konnte hier nicht geschnitten werden, ohne nochmals genau nachzurechnen. Da der Ort in der Erdbebenzone 1 liegt, muss das Gebäude Erschütterungen bis Stärke 6,5 standhalten können. Die doppelgeschossige Wand ruht auf drei Bohrpfählen, die bis zu fünf Meter in die Tiefe reichen. Außer mit der üblichen Mattenbewehrung wird die Wand zusätzlich durch drei horizontal verlaufende stärkere Bewehrungseisen unterstützt, mit denen sich erhöhte Spannungen auf die Pfähle ableiten lassen. Da diese Zugbänder nicht durchtrennt werden durften, musste die ursprünglich vom Künstler vorgesehene Position des Kreisauschnitts ein wenig verlegt werden. Er befindet sich nun kurz unterhalb eines der Horizontalbänder, sodass auch unterhalb der Kunst noch genügend „Fleisch“ bleibt, das die Last wieder „einschnürt“ und die drei Pfähle ähnlich wie ein Sturz zusammenbindet; der mittlere Pfahl befindet sich fast genau unterhalb von TONDO.
Anruf beim Künstler: Mit der statisch bedingten Verlegung seiner Arbeit ist Martin Bruno Schmid „extrem glücklich“, rückte sein Werk so doch näher an den Eingang heran. Nervenkitzel hingegen bei der Markierung des Mittelpunkts, spätere Korrektur ausgeschlossen. Die Vorzeichnung traf zufällig ein verspachteltes Ankerloch, durch welches das 12 Millimeter starke Sägeseil gefädelt werden konnte. Die zentrale Bohrung diente dazu, die Zirkelseilsäge zu befestigen, die an der Außenseite der Wand vor sich hin arbeitet. Zuvor musste allerdings die Wärmedämmung entfernt werden. Um zu verhindern, dass sich die vier Tonnen schwere Scheibe während des Sägens verkeilt oder absackt, schoben die Mitarbeiter der Fachfirma kontinuierlich genau angepasste Stangen nach, die den Kreisauschnitt in zentrierter Position halten. Diese verblieben in der „Fuge“ und erleichterten wie ein Kugellager das Verdrehen. Anschließend wurde TONDO an der nicht sichtbaren Außenseite mit Flacheisen gesichert und die „Fuge“ außenseitig verspachtelt.



Fakten
Architekten Schmid, Martin Bruno, Stuttgart; Schädler & Zwerger, Leinfelden-Echterdingen; Glück+Partner, Stuttgart
Adresse Fachhochschule Furtwagnen Albertistr. 16, 78056 Villingen-Schwenningen


aus Bauwelt 25.2012
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