Bauwelt

Sparkasse in Ulm


Lederer Ragnarsdóttir Oei haben ein Bürogebäude für die Sparkasse in der Ulmer Altstadt gebaut. Der Ort bot Anlass, sich mit all den ­großen Fragen von Architektur und Stadt auseinanderzusetzen, die das Büro umtreiben. Reflexion eines Rundgangs mit Arno Lederer


Text: Aicher, Florian, Leutkirch


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    Mit dem Recycling-Ziegel für die Sparkasse beziehen sich die Architekten explizit auf den „Neuen Bau“ aus dem 16. Jahrhundert gegenüber
    Foto: Roland Halbe

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    Mit dem Recycling-Ziegel für die Sparkasse beziehen sich die Architekten explizit auf den „Neuen Bau“ aus dem 16. Jahrhundert gegenüber

    Foto: Roland Halbe

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    Eine Brücke im 3. Obergeschoss erlaubt den Übergang in den benachbarten Verwaltungsbau
    Foto: Roland Halbe

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    Eine Brücke im 3. Obergeschoss erlaubt den Übergang in den benachbarten Verwaltungsbau

    Foto: Roland Halbe

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    Typisch: Die sich nach unten verbreiternden Öffnungen der Kolonnade und die Rundfenster sind wieder­kehrende Motive bei Lederer Ragnarsdóttir Oei
    Foto: Roland Halbe

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    Typisch: Die sich nach unten verbreiternden Öffnungen der Kolonnade und die Rundfenster sind wieder­kehrende Motive bei Lederer Ragnarsdóttir Oei

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    Um den Sinn der außergewöhnlich geknickten Fensterbänder zu begreifen, muss man einen der Büroräume betreten (oben ein Raum im 3. Obergeschoss)
    Foto: Roland Halbe

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    Um den Sinn der außergewöhnlich geknickten Fensterbänder zu begreifen, muss man einen der Büroräume betreten (oben ein Raum im 3. Obergeschoss)

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    Foyer im 2. Untergeschoss
    Foto: Roland Halbe

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    Foyer im 2. Untergeschoss

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    Um den Sinn der außergewöhnlich geknickten Fensterbänder zu begreifen, muss man einen der Büroräume betreten (oben ein Raum im 3. Obergeschoss)
    Foto: Roland Halbe

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    Um den Sinn der außergewöhnlich geknickten Fensterbänder zu begreifen, muss man einen der Büroräume betreten (oben ein Raum im 3. Obergeschoss)

    Foto: Roland Halbe

Auf den ersten Blick zwei einfache Fragen: Wie baut man im Geist unserer Zeit in der historischen Altstadt? Wie verleiht man einem Verwaltungsbau, hier einer Sparkasse, so etwas wie Anmut? Beim zweiten Hinsehen ist es ums schöne Ein-fache geschehen – ein Dickicht an Nachfragen tut sich auf. Ob es sich lichten lässt?
Historische Altstadt, aber an welchem Ort? Im gegebenen Fall: eine Geländekante, die den Kern der alten Stadt Ulm von der Vorstadt um einen kleinen Fluss trennt. Eine Brücke als Auftakt einer Schneise, die von hier aus durch die Stadt geschlagen wurde, als man dem Autoverkehr jedes Opfer zu bringen bereit war – was im letzten Jahrzehnt unter dem Schlagwort „Neue Mitte“ mühsam rückgebaut wurde. Als Gegenüber einer der eindrucksvollen Bauten dieser an Eindrucksvollem nicht armen Stadt: das massige Volumen des „Neuen Baus“, als Lagerhaus der Renaissance in Sichtbackstein ein Muster an Werkgerechtigkeit. Wie verhält man sich da?
„Dieser kräftige, ausdrucksstarke Bau mit riesigem Dach verdient einen Partner, der ebenbür-tig ist“, so Arno Lederer. „Als Bindeglied lag für uns das Material, der Ziegel, auf der Hand – ein Stoff, dem wir besonders geneigt sind wegen seiner handwerklichen Ausstrahlung und nicht zuletzt wegen seiner Langlebigkeit. Die Altziegel, die unseren Neubau prägen, ziehen sich unter der Straßenbrücke von diesem Gegenüber zu uns herüber und ergeben so einen zusammenhängenden Eingang in die Stadt – fast ein Stadttor.“
Monolithische Wände des Stadttors – mitten in der Stadt? „Die europäische Stadt ist ja durch Reliefbildung, mehr noch durch Raumhaltigkeit der Fassade geprägt, erlebbar beim Gang durch die Straßen mit Licht und Schatten.“ Der massive Sockel des Neubaus wird zur Straße hin durch zweigeschossige Kolonnaden geöffnet, die Massivität des Baus wird durch deren Anzug als Kraggewölbe noch betont. „Das Herauswachsen des Hauses aus dem Grund wird da spürbar, was unserem Wunsch entspricht, das Haus fest auf den Boden zu gründen.“ Die feste Wand öffnet sich zur Stadt, das Verhältnis des Hauses zur Stadt gerät in Bewegung – doch wie steht es mit der Wand selbst?
„Das Relief moderner Fassaden ist ja auf wenige Zentimeter zusammengepresst“, so Lederer weiter. „Auch deshalb kam für uns ein reiner Stahl-Glas Körper hier nicht in Frage. Wir wollten Raumhaltigkeit zurückgewinnen, ohne in alte Muster zu verfallen. Reliefbildung oder Plastizität auf andere Weise als auf klassische Art mittels Tragen und Lasten, anders auch, als im Maschinenbau Abhilfe zu suchen – etwas Drittes, weder alt noch neu, weder rekonstruiert noch plakativ modern. Die Faltung der Wand eröffnet einen Weg – wir wissen es aus eigenen Projekten, wir wissen es aus der Geschichte der Zunft, etwa vom Kubismus in Prag und Bratislava.“
Eine gestalterische Entscheidung, einen Steinwurf vom Ulmer Münster entfernt. Bezüge liegen da nahe – hatte nicht Goethe im Angesicht eines anderen Münsters gefordert: „Vermannigfaltige die ungeheure Mauer.“ Doch im Kern geht es um die europäische Stadt, so Lederer: „Reliefbildung, räumliche Tiefe der Fassade ist nicht Selbstzweck – sie formt die Beziehung des Nutzers zur Öffentlichkeit, zum öffentlichen Raum, formt den öffentlichen Raum selbst.“
Gerade bei einer Bank geht es in besonderem Maß um diese Beziehung. Über funktionale Bezüge hinaus sind Zeichen gefordert, ist die Darstellung des eigenen Selbstverständnisses gefordert – man ist Teil der Dynamik des gesellschaftlichen Lebens, prägt den Lauf der Zeit. Modernität gehört zum Image, technische Innovation soll sich am Bau zeigen, Stahl und Glas sind unverzichtbar. Wenn schon diese Insignien der Moderne, dann wie ein Fanfarenstoß, ein Lichterkranz, eine Stadtkrone aus hochglänzendem Metall und Spiegelglas, das sich und die Spiegelung des Himmels in Reihen von Faltungen vervielfacht.
„Plastizität. Materialität, das Lastende – und das Spielerische, Leichte: Das sind Gegensätze und doch gehören sie zusammen. Wir kennen aus Island Felswände von kristalliner, säulenartiger Struktur: das wirkt ganz anders in seiner räumlichen Tiefe als eine glatte Wand. Was haben wir verloren mit den dünnen Nyltest-Hemdchen, die wir unseren Bürohäusern überziehen!“
Dagegen hier: die Fensterbänder der Bürogeschosse, die an Wright gemahnen mit Wandschirm, Lichtschirm und reflektierendem Dach; deren Addition ein spiegelndes Würfelwerk Escher’schen Ausmaßes erzeugt; das rätseln lässt, ob die Fassade oben nach vorn kippt wie bei den alten Häusern der Stadt. „Das verwirrt vielleicht, verärgert gar, erstaunt hoffentlich. Das Haus bezieht Stellung – in seiner Form. Man geht nicht einfach dran vorbei.“ Ist das laut, zu laut? Wie verträgt sich das mit der Maxime des Büros Lederer Ragnarsdóttir Oei: zuerst die Stadt, dann das Haus?
„Da muss man unterscheiden. Anpassen – Bauen in der Stadt heißt nicht: sich ducken – und Benehmen. Zwischen Anpassen und Benehmen ist ein riesiger Unterschied. Wir sind überzeugt: Unser Haus benimmt sich, vor allem gegenüber dem von uns geschätzten Visavis. Benehmen heißt aber auch: Haltung, Selbstbewusst-Sein. Anpassen – das waren die Achtziger, das ist nicht authentisch nach unserer heutigen Vorstellung. So verstehen wie unser Schaffen: Der Ort prägt das Objekt und dieses wieder den Ort. Wir stehen vor einem Haus und fragen uns: Was will uns das erzählen? Dann ist ein Haus doch nicht Karosserie, schnelles Design, es ist überhaupt nicht Design: Es ist Architektur, es ist Raum.“
Womit wir auch wieder im Haus wären, den Innenräumen eines ganz normalen Bürohauses. Was in diesem Fall heißt: Hier werden Immobiliengeschäfte der Bank abgewickelt, da geht es um persönliche Gespräche, Gesprächsräume, größere und kleinere Zimmer überwiegen – das große, repräsentative Foyer findet man im Haus nebenan. Natürlich gibt es die Details, die man aus dem Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei kennt, die kleinen Freundlichkeiten einer Sitzgelegenheit hier, einer intim ausgeleuchteten Ecke dort, die abgerundeten Ecken der Empfangstresen und Raumteiler – nicht die große Geste. Und wenn sich das Haus doch etwas derartiges erlaubt, dann zur Unterstadt, Richtung Fischerviertel, einen Ausstellungsraum, eine Treppe mit – nun ja: großzügig einladender Geste. Ganz normal?
Ja, und doch nicht ganz. Den meisten Raum der dreihüftigen Anlage nehmen die Arbeitsplätze an den Längsseiten ein – und dabei wird auch hier nur mit Wasser gekocht: Bürostandardbreiten von 135 cm. Das ist nicht viel, was besonders deutlich wird, wenn der schmale Raum mit einer senkrecht dazu stehenden Glasscheibe von Wand zu Wand und Boden zu Decke abschließt. Hier wird ein Grund für die ungewöhnliche Fassade evident: „Die kleine Bürozelle wirkt großzügig mit je einem Erker mit zwei Fensterflügeln; das gewährt zusätzliche Bli-cke, hat mehr Luft, Weite. Und: Es gibt die geschützte Zone. Der Raum hat eine Hose an, verleiht so Halt und Geborgenheit. Das macht viel ungezwungener als die große Freiheit all des vielen Glases. Und umgekehrt, wieder die Stadt: die lebt von der Unterscheidung von öffentlich und privat. Wenn die Privatheit – und das ist auch der Platz, an dem ich meinen Arbeitstag verbringe – öffentlich gemacht wird, leidet die Öffentlichkeit.“
Geht man durchs Haus, spürt man eine Atmosphäre, die wohl mit dieser Unterscheidung zu tun hat. „Unsere Bauten haben etwas bürgerliches, im Sinn von Citoyen. Sie haben ein privates Innen, das durch die Öffentlichkeit draußen ergänzt wird. Sie haben Zimmer. Sie haben eine bergende Schale, sind beruhigend, unaufgeregt. Auch die Flure haben wir so gemacht: Kein nervöser Wechsel von Wand-, Glas-, Türfläche mit allerlei Information. Dinge sollen sich selbst erklären. Dazu tragen Materialien bei, die Qualität ausstrahlen – das Holz etwa, mit dem wir die Kerne einfassen; Pappel, die mit der Zeit Honiggelb wird, Details, die Sorgfalt verraten wie die runden Ecken. Die Außenbereiche dagegen weiß – warmer Kern und helle Hülle. Obwohl unser Fensteranteil eher gering ist, wirkt das hell und licht, nie blendend.“ Ein normales Bürohaus in der Stadt, das Bruno Tauts „Schönem Gebrauch“ verpflichtet ist – und mit Selbstbewusstsein die Sprache des Ortes um neue Formulierungen bereichert.



Fakten
Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Adresse Neue Straße 60, 89073 Ulm


aus Bauwelt 4.2016
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