Shedhalle der Phoenix-Gummiwerke in Hildesheim


Die denkmalgeschützte Halle der Phoenix-Gummiwerke in Hildesheim musste einige Jahre warten, dass neue Nutzer einzogen. Die Schwierigkeiten der Umnutzung waren nicht nur baulicher Natur, sondern lagen auch in den Besonderheiten des Umfelds begründet


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Das Gelände der Gummifabrik Phoenix wird heute von der neuen Phoenix­straße geteilt.
    Foto: Gerd Günter

    Das Gelände der Gummifabrik Phoenix wird heute von der neuen Phoenix­straße geteilt.

    Foto: Gerd Günter

    Südlich liegt der denkmalgeschützte Verwaltungsbau aus den 50er Jahren, ...
    Foto: Gerd Günter

    Südlich liegt der denkmalgeschützte Verwaltungsbau aus den 50er Jahren, ...

    Foto: Gerd Günter

    ... nördlich das neue Einkaufszentrum. Außer der Paschenhalle östlich des Bachlaufs „Kupfer­strang“ und dem Bürogebäude kündet der Schornstein von der indus­triellen Geschichte.
    Foto: Gerd Günter

    ... nördlich das neue Einkaufszentrum. Außer der Paschenhalle östlich des Bachlaufs „Kupfer­strang“ und dem Bürogebäude kündet der Schornstein von der indus­triellen Geschichte.

    Foto: Gerd Günter

    Die Paschenhalle vor dem Umbau und nach einigen Jahren Leerstand: 2004 war die seit 1878 betriebene Kautschuk- bzw. Gummi­fabrik Wetzell (später Phoe­nix) am Moritzberg geschlossen worden.
    Foto: Architekt

    Die Paschenhalle vor dem Umbau und nach einigen Jahren Leerstand: 2004 war die seit 1878 betriebene Kautschuk- bzw. Gummi­fabrik Wetzell (später Phoe­nix) am Moritzberg geschlossen worden.

    Foto: Architekt

    Townhouses à la Hildesheim: Filigrane Vordächer geben einen Hinweis auf die kleinteilige Umnutzung.
    Foto: Gerd Günter

    Townhouses à la Hildesheim: Filigrane Vordächer geben einen Hinweis auf die kleinteilige Umnutzung.

    Foto: Gerd Günter

    Im Fitnessstudio ist die rohe Betonkonstruktion sicht­bar geblieben, die Ausstattung brachte der Nutzer mit.
    Foto: Gerd Günter

    Im Fitnessstudio ist die rohe Betonkonstruktion sicht­bar geblieben, die Ausstattung brachte der Nutzer mit.

    Foto: Gerd Günter

    Drei Sheds richtete der Bauherr selbst für seine Verwaltung ein. Eine zentrale Aussparung in der Decke sorgt für Sichtkontakt und Tageslicht.
    Foto: Gerd Günter

    Drei Sheds richtete der Bauherr selbst für seine Verwaltung ein. Eine zentrale Aussparung in der Decke sorgt für Sichtkontakt und Tageslicht.

    Foto: Gerd Günter

    Im nördlichsten Hallensegment entstand hinter der historischen Stirnfassade ein großes Wohnhaus.
    Foto: Gerd Günter

    Im nördlichsten Hallensegment entstand hinter der historischen Stirnfassade ein großes Wohnhaus.

    Foto: Gerd Günter

    Die Wohnungen in Hallenmitte werden als Vierspänner ...
    Foto: Gerd Günter

    Die Wohnungen in Hallenmitte werden als Vierspänner ...

    Foto: Gerd Günter

    ... von einer im Zentrum des Grundrisses angeordneten Treppe erschlossen.
    Foto: Gerd Günter

    ... von einer im Zentrum des Grundrisses angeordneten Treppe erschlossen.

    Foto: Gerd Günter

Steht man vor der ornamentalen Betonwabenfassade des Kopfbaus der „Paschenhalle“ im Hildesheimer Stadtteil Moritzberg, sollte man sich einen Moment Zeit vor dem Betreten des Gebäudes nehmen und den Blick noch einmal über den Parkplatz schweifen lassen, der sich zwischen dem revitalisierten Baudenkmal und der Phoenixstraße sowie auf der Ostseite des Gebäudes in die Grundstückstiefe erstreckt. Hier kann sich dem Betrachter nämlich ein unerwartetes, ziemlich buntes Bild bieten: Bullige, sorgfältig frisierte Gangsta-Gestalten klettern aus ihrem SUV, zwei Damen im Business-Kostüm schwingen sich aus einem Alfa Spider, und Eltern in Funktionskleidung mitsamt einer Kindergeburtstagsschar purzeln aus einem VW-Bus. Die Anlässe für einen Besuch des umgenutzten Industriebaus im Hildesheimer Westen können unterschiedlicher Natur sein, und entsprechend weit gefächert ist das Publikum.
Die Wiederbelebung der baulichen Hinterlassenschaften des Industriezeitalters ist seit den siebziger Jahren eine gängige Aufgabe für Städte, Investoren und Planer; die Liste der erfolg­reichen Umnutzungen ehemaliger Produktionsstätten ist lang. Solche mit großem Flächenbe­-darf überwiegen aus naheliegenden Gründen: Museen mit wenig klimasensiblen, aber raumfordernden Exponaten sind darunter, aber auch Freizeiteinrichtungen und größere Einzelhandelsunternehmen oder, noch profaner, Lagereinrichtungen ohne viel Publikumsverkehr. Die Prominenz der neuen Bestimmung hängt von mehreren Randbedingungen ab, etwa der Lagegunst des verwaisten Industriebaus, der historischen Relevanz des Unternehmens für die Ortsgeschichte oder seiner architektonisch-konstruktiven Bedeutung.
Die Paschenhalle – ihr Architekt war der Hildesheimer August Albert Steinborn (1904–2001), ihren Namen trägt sie nach dem damaligen Werksdirektor Ludwig Paschen – ist unter allen drei Aspekten von Interesse. Zunächst entstand die lang gestreckte Sheddachhalle der einstigen Gummifabrik 1956 in einer Epoche, für die Denkmalschutz noch längst nicht allgemein akzeptiert ist. Zweitens ist ihre erfolgreiche Umnutzung auch vor dem Hintergrund eines größeren Stadtumbauprojekts zu sehen. Schließlich kann die gefundene neue Bestimmung als ungewöhnlich gelten, setzt sie doch auf Kleinteiligkeit und Mischnutzung – quasi eine parzellierte Aneignungder seriellen und weit spannenden Konstruk­tion, die für Revitalisierungen in ähnlichem Umfeld als beispielhaft gelten darf.
Der Nutzungsmix – Büros, Wohnungen, ein Fitnessstudio – ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Die Hanseatic Unternehmensgruppe, die das Areal der Gummifabrik 2006 erworben hatte, tat sich zunächst schwer damit, einen Nutzer für die Paschenhalle zu finden: Die in einer Großstadt für ein solches Ambiente üblicherweise zu begeisternde Klientel – Start-ups, Kreativwirtschaftler, Kulturinstitutionen – ist in der 100.000-Einwohner-Stadt Hildesheim knapp, eine gewerbliche Entwicklung aber, wie sie auf dem ehemaligen Werksgelände jenseits des Kupferstrangs in Neubauten untergekommen ist, schied aufgrund der Vorgaben des Bebauungsplans aus. Die Hanseatic machte aus der Not eine Tugend und entschloss sich, die Paschenhalle abschnittweise, sozusagen Shed für Shed, umzunutzen, doch auch dies gestaltetesich zunächst nicht einfach – mit einer Hallenbreite von 22 und einem Achsmaß von 8 Metern ergaben sich Flächen mit einer gehörigen Tiefe. Das ist kein Problem, solange die Raumhöhe wirksam bleibt, es gibt schließlich das lange Fensterband nach Norden, welches Tageslicht ins Innere bringt. Doch wie lässt sich solch ein Volumen in eine kleinteiligere Nutzung überführen, etwa fürsWohnen aufteilen?
Mit Ausnahme der nördlichsten Achse, die von der Stirnfassade profitiert und in ein sehr großzügiges „Reihenendhaus“ verwandelt worden ist,entstanden über je zwei Sheds zwei Vierspänner mit einer Vertikalerschließung im Zentrum desGrundrisses und einer Wohnungstrennwand in Hallenlängsrichtung. Die von der Hanseatic vermieteten, sechzig bis siebzig Quadratmeter großen Wohnungen sind mithin Rücken an Rücken angeordnet: Je zwei Einheiten orientieren sich nach Westen, zwei nach Osten, wobei die oberen als Maisonettes räumlich wie atmos­phärisch von der Dachform der Halle profitieren. So richtig Interesse auf dem Immobilienmarkt weckte das 2,3 Millionen teure, mit 600.000 Euro aus Stadtumbaumitteln geförderte Wiederbelebungsvorhaben allerdings erst, nachdem sich der Bauherr entschlossen hatte, selbst vier Sheds für seine Hauptverwaltung herzurichten.
Architekt Manfred Marquardt und sein Team hatten aber nicht nur die räumliche Struktur zu bewältigen, sondern auch Lösungen für das Aufeinandertreffen von Denkmalschutz und Bauphysik zu finden. Die Betondicke der Sheds etwa misst gerade einmal acht Zentimeter, eine naheliegende Außendämmung aber schied aufgrund des zu erhaltenen Ortgangdetails aus. Nun sorgt eine innen aufgebrachte Foamglas-Schicht für Heizenergieeinsparung. Keine Chance auf Erhalt hatte hingegen die selbsttragende Fensterkonstruktion mit ihren Stahlprofilen und Einfachverglasungen – für die neuen Alufenster wurde nur die alte Teilung beibehalten, die braune Farbgebung mit der Denkmalpflege abgestimmt. Handwerklich repariert werden konnte das Betonwabenfenster des Treppenhauses im Kopfbau, und für die Ausbesserung der Sichtmauerwerkflächen fand sich beim masurischen Dorf Kalinowo eine Ziegelei, die einen ähnlich lebhaft gezeichneten Backstein liefern konnte.



Fakten
Architekten Steinborn, Albert (1904–2001); Marquard, Manfred, Hildesheim
Adresse Phoenixallee, 31137 Hildesheim


aus Bauwelt 25.2018
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