Haus der Berliner Festspiele


Wie Sie sehen, sehen Sie fast nichts


Text: Friedrich, Jan, Berlin


    Historisches Modellfoto: Berliner Festspiele

    Historisches Modellfoto: Berliner Festspiele

    Foto: Kordula Rüter

    Foto: Kordula Rüter

Mit Unmengen von Brandschutz-, Klima-, Haus- und Bühnentechnik haben Eller + Eller Architekten die Innenräume des Hauses der Berliner Festspiele aufgerüstet. Erstaunlicherweise wirkt das denkmalgeschützte Theater, das Fritz Bornemann zwischen 1960 und ’63 für die Freie Volksbühne Berlin erbaut hat, nach der Sanierung, als sei hier gar nichts geschehen.
Stellen Sie sich vor: Ihr Großvater hat Ihnen seinen „Schneewittchensarg“ vermacht, ein Exemplar jener legendären Radio-Phono-Kombination von Gugelot und Rams, die 1956 unter der Bezeichnung SK4 bei Braun in Serie ging. Das Gerät hat es Ihnen seit Kindertagen angetan. Überraschenderweise funktioniert es noch. Der Sound ist prima, obwohl der Röhrenverstärker keinerlei Klangregelung besitzt. Nun, die zum Teil wertvollen Schallplatten aus Ihrer Sammlung möchten Sie nicht so gerne auf dem altertümlichen Plattenspieler abspielen. Dem wunderschönen Gerät also im Wohnzimmer einen Sonderplatz einräumen, um ab und an Radio damit zu hören? Oder es, sicher verpackt, auf dem Dachboden einmotten?
Unvermutet tut sich eine Variante auf: Ein Freund von Ihnen schlägt vor, den Schneewittchensarg technisch ein we­nig aufzupeppen. Er ist versierter Hifi-Tüftler und würde für den Plattenspieler eine neue Mechanik einbauen, das Beste, was es zurzeit auf dem Markt gibt. Außerdem würde er einen CD-Spieler und digitale Anschlüsse nachrüsten; irgendwie fände sich im Gehäuse des SK4 dafür wohl Platz. Und die ulmenfurnierten Seitenteile könnten auch eine Auffrischung vertragen, er kenne da einen Tischler, der ... Ja, soll er alles machen, sagen Sie ihm. Unter einer Voraussetzung: Der Schneewittchensarg darf hinterher nicht anders aussehen als vorher!
Vom Repertoire- zum Festivaltheater
Vor ziemlich genau eine solche Aufgabe sahen sich Eller + Eller Architekten bei der Sanierung des denkmalgeschützten Hauses der Berliner Festspiele gestellt. Der Berliner Architekt Fritz Bornemann (1912–2007) hatte das Theater zwischen 1960 und ’63 in einem kleinen Park am Wilmersdorfer Fasanenplatz als Spielstätte des Vereins Freie Volksbühne Berlin erbaut. 1998 musste der Verein, der seit 1992 keine öffentlichen Subventionen mehr erhielt, das Gebäude verkaufen. Der Käufer, ein dänischer Investor, vermietet das Haus seit 2001 an die „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“; seither nutzen es die Berliner Festspiele für ihre Theater-, Tanz-, Musik- und Literaturreihen.
Diese Art des Festivalbetriebs ist dem Haus allerdings nicht eben auf den Leib geschneidert. Bornemann hatte es seinerzeit als Repertoiretheater für ein festes Ensemble konzipiert. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Während beim Repertoiretheater ein Regisseur seine Inszenierung auf die Möglichkeiten des Hauses abstimmt, ist es beim Festivalbetrieb genau umgekehrt: Hier sind fertige Produktionen in rasch wechselnder Folge zu Gast, und das Haus muss in der Lage sein, diese umzusetzen. Die veraltete Bühnentechnik des Bornemann-Baus zwang da zu allerlei Kompromissen. Die Festspiele nutzen neben der Hauptbühne des 1000 Zuschauer fassenden großen Saals auch die Kassenhalle, das Rangfoyer und die Seitenbühne als Aufführungsstätten für kleinere Programme. Überall im Haus hat sich so über die Jahre eine ganze Menge an improvisierter Veranstaltungstechnik ausgebreitet.
Unverhofft eröffnete sich 2009 die Chance, das Haus der Berliner Festspiele zu einem „richtigen“ Festivaltheater umzurüsten: Es gab Geld aus dem Konjunkturpaket II. Etwas mehr als die Hälfte des zur Verfügung stehenden Gesamtbudgets (rund 15 Mio. Euro) wurde für eine neue bühnentechnische Anlage ausgegeben, der Rest in die Erneuerung der Haustechnik und die Modernisierung der Zuschauerbereiche investiert. Da die Berliner Festspiele nicht Eigentümer des Hauses sind, durften die Mittel ausschließlich eingesetzt werden, um das Innenleben des Gebäudes in Stand zu setzen; für dessen Hülle sieht sich der Bund nicht in finanzieller Verantwortung.
Technische Forderungen, architektonische Fragen
Erneuerung von Brandschutz-, Klima-, Haus- und Bühnentechnik, alles innerhalb kürzester Zeit (bis Ende 2011 müssen die Mittel aus dem KP II abgerechnet sein) und in vier Bau­abschnitte unterteilt (die von Festivalphasen unterbrochen wurden, in denen das Haus spielbereit sein musste) – das klingt nach einer enormen technischen und organisatorischen Herausforderung, weniger nach einer architektonischen. Doch dieser Eindruck täuscht. Was da an Leitungen, Kanälen, Anschlüssen, Lautsprechern, Befestigungen, Sprinklern, Klimaauslässen usw. unterzubringen war, so unterzubringen, dass es die Wirkung der Innenräume des Bornemann-Baus nicht zerstören würde – das berührte eine ganze Reihe ausgesprochen architektonischer Fragen.
Welchen Anstrich sollten etwa die neuen Gipskartondecken erhalten, um sie der Oberfläche der ersetzten Rabitzdecken anzugleichen, die heute – zeitaufwendig, wie ihre Herstellung ist – nicht mehr bezahlbar wären? Wo ließen sich dem Bar-Betreiber alternative Lagerflächen anbieten, wenn die Bühnennische in der Kassenhalle, die ihm bislang als Abstellraum zur Verfügung stand, wieder als Bühne genutzt würde? Hier blieb, wollte man den kleinen Eingangspavillon nicht völlig verbauen, nur eine aufwendige Lösung: eine Unterkellerung im Außenbereich neben der Kassenhalle. Wie gelänge es, der Forderung der Akustikerplaner nach einer stärkeren Neigung der Rangbrüstung und dem Wunsch der Nutzer nach einer Installationsmöglichkeit für Scheinwerfer an der Brüstung gerecht zu werden, ohne die Saalgeometrie über Gebühr zu verändern? Hier wurde mit vorgesetzten Paneelen und einer Hängekonstruktion aus Stahlschwertern reagiert. Es galt, defekte Downlights in der Kassenhalle originalgetreu nachbauen zu lassen, ebenso die Sitze im Parkett des großen Saals. Die alten konnten nur in Sechser-Gruppen ausgebaut werden, das Haus wünschte sich nun einzeln herausnehmbare, um den Zuschauerraum flexibler möblieren zu können.
Die Liste derartiger Maßnahmen ließe sich endlos erweitern. Es scheint, als sei keine Stelle im Haus nicht angefasst worden. Umso verwunderlicher das Ergebnis: Wer das sanierte Theater heute besucht, muss genau hinschauen, um die wenigen Punkte zu entdecken, an denen es eine sichtbare Veränderung gegeben hat. Wie Bornemann selbst, der sich dem Haus bis zu seinem Tode eng verbunden fühlte, das erneuerte Theater wohl beurteilt hätte? Über den respektvollen Umgang mit seinen Räumen müsste er höchst erfreut sein. Vielleicht würde er die alleskönnende neue Bühnentechnik für verzichtbar halten. „Ich stelle die Frage, ob die erweiterten technischen Möglichkeiten, die es heute gibt, die Qualität des künstlerischen Spiels gesteigert haben“, schrieb er anlässlich der Eröffnung der Freien Volksbühne 1963 in der Bauwelt.



Fakten
Architekten Eller + Eller Architekten, Berlin; Bornemann, Fritz (1912-2007)
Adresse Schaperstr. 24, 10719 Berlin


aus Bauwelt 41.2011
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