Experimente mit Raumzellen und Pappmöbeln

Frank Huster beim Deutschen Werkbund in Dresden

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Foto: © Frank Huster

Foto: © Frank Huster


Experimente mit Raumzellen und Pappmöbeln

Frank Huster beim Deutschen Werkbund in Dresden

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Frank Huster, Architekt aus Neckartenzlingen, gehörte in den 70er Jahren zu den deutschen Pionieren des experimentellen Systembaus. Eine kleine Ausstellung beim Deutschen Werkbund Sachsen in Dresden-Hellerau zeigt Husters Schaffen aus jener Zeit – und womit er sich aktuell beschäftigt: mit Möbeln aus Pappe.
Gemeinsam mit Peter und Bärbel Hübner ex­perimentierte Frank Huster zwischen 1970 und 1978 mit neuen (Bau-)Materialien: Wellpappe, ausgeschäumte Sandwich-Elemente, glasfaserverstärkte Kunststoffbeschichtungen. Die Olympischen Spiele in München 1972 statteten die Architekten mit gut 120 modularen Raumzellen für die „Rekreations- und Sanitärbereiche“ aus sowie mit Sichtschutz-Faltwänden, zwei Kilometer lang. Ein Jahr zuvor, auf der Internationalen Kunststoffhaus-Ausstellung (IKA) in Lüdenscheid, hatten sie eine Faltwerk-Halle mit sechs Metern Spannweite präsentiert, außerdem ein Nur-Dach-Haus und eine „mobile Garage“, die sich, zusammengefaltet, auf dem Dachgepäckträger eines Renault 4 transportieren ließ (wie ein Foto in der Ausstellung beweist).
Als Kiosk, Pförtnerhäuschen oder Ähnliches jahrzehntelang gefragt, war die achteckige, 3,60 mal 3,60 Meter große Raumzelle „Casanova“, die der Sallacher Sanitärzellenhersteller Staudenmayer bis 2003 produzierte. Ein Hubschrauber hatte 1975 die ersten 23 Module dieser in unterschiedlichster Weise kombinierbaren Raumeinheit in einem stillgelegten Steinbruch in Neckartenzlingen abgesetzt, wo sie sich seither im Langzeittest bewährt haben: Peter Hübner nutzt die längst idyllisch zugewucherte, mehrfach erweiterte Clusterstruktur bis heute für sein Architekturbüro; Frank Huster lebt gleich nebenan im Prototyp eines Tropenbausystems. Ein Stück realisierter Utopie, übrig geblieben aus einer Ära, die grenzenlos zukunftsfixiert war.
Die Architektengruppe untersuchte Anwendungsmöglichkeiten von Papierwerkstoffen und entwickelte dabei u.a. Karton-Bausätze für zusammenfaltbare Kinder-Spielgeräte wie die farbenfrohe Kletterburg „Baukiste“. Frank Huster hat daran nun wieder angeknüpft. Seit 2012 entwirft er Regale, Tische und Hocker aus Pappwabenplatten, die sich, wenn man ihrer überdrüssig geworden ist, problemlos im Altpapier-Container entsorgen lassen. Die Möbel stehen (inkl. Preisliste und Bauanleitung) in den partiell zum Showroom umfunktionierten Werkbund-Räumen zum Test bereit. Das Highlight: eine Baby-Wiege aus weiß kaschierter Pappwabenplatte. Die besteht aus zwei sichelförmigen Kopfteilen, einer gebogenen Platte für den Korpus, einer Liegefläche samt kuscheliger Auflage und drei Gummi­bändern, die die gesamte Konstruktion zusammenhalten. Reduzierter und mobiler – weil überall ohne Werkzeug (de-)montierbar – kann Produktdesign eigentlich nicht sein. 

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