Abgucken erlaubt

Ward Massa ist Mitgründer des niederländischen Unternehmens StoneCycling. Ein Gespräch über Kreislaufwirtschaft, schöne Ziegel und die Notwendigkeit zum Mainstream zu werden.

Text: Ehret, Ananda, Berlin

    Ward Massa ist Mitgründer und Geschäftsführer des 2011 zusammen mit Tom van Soest gegründeten Unternehmens StoneCycling in Amsterdam. Er studierte Digital Communication und Political Communication in Amsterdam sowie Political Science in Delhi, Indien.
    Foto: StoneCycling

    Ward Massa ist Mitgründer und Geschäftsführer des 2011 zusammen mit Tom van Soest gegründeten Unternehmens StoneCycling in Amsterdam. Er studierte Digital Communication und Political Communication in Amsterdam sowie Political Science in Delhi, Indien.

    Foto: StoneCycling

    Ward Massa mit einer Auswahl der WasteBasedBricks.
    Foto: StoneCycling

    Ward Massa mit einer Auswahl der WasteBasedBricks.

    Foto: StoneCycling

    Zermahlenes Rohmaterial.
    Foto: Dim Balsem

    Zermahlenes Rohmaterial.

    Foto: Dim Balsem

    Foto: Dim Balsem

    Foto: Dim Balsem

    Foto: Dim Balsem

    Foto: Dim Balsem

    Unternehmensgründer Tom van Soest und Ward Massa.
    Foto: StoneCycling

    Unternehmensgründer Tom van Soest und Ward Massa.

    Foto: StoneCycling

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Ward Massa ist Mitgründer des niederländischen Unternehmens StoneCycling. Ein Gespräch über Kreislaufwirtschaft, schöne Ziegel und die Notwendigkeit zum Mainstream zu werden.

Text: Ehret, Ananda, Berlin

Ihr Unternehmen arbeitet daran Baumaterialien zu 100 % aus Abfall herzustellen – mit der Vision einer „Circular World“, in der Städte aus Abfall gebaut sind. Warum ist das wichtig?
Zum einen da die Bauwirtschaft große Mengen Müll produziert, zum anderen da der Mangel an Rohstoffen zur Herstellung von Baumaterialien zunimmt. Ausschlaggebend für unsere Unternehmensgründung vor acht Jahren war, dass 35 % der gesamten Abfallstoffe in den Niederlanden Bauschutt war. In Deutschland und anderen Ländern ist es ähnlich – insgesamt sind das europaweit 800 Millionen Tonnen pro Jahr. Meist endet dieses Material auf riesigen Halden. Diese Handhabung ist eine große Materialverschwendung und wirkt sich schlecht auf die Umwelt aus. Zeitgleich werden Ressourcen knapp, die für die Herstellung von Baumaterialien notwendig sind. Sand beispielsweise, als Basis für Beton, benötigt eine spezielle Korngröße, die es vielerorts nicht mehr gibt und häufig aus weit entfernten Ländern angeliefert werden muss. StoneCycling will diese Elemente verbinden, denn wenn Abfallstoffe zur Herstellung von Baumaterialien genutzt werden, verbrauchen wir keine neuen Ressourcen.
Die WasteBasedBricks, eines ihrer Produkte, sind hochwertige und belastbare Ziegel, die aus Abfallstoffen hergestellt werden. Worin sehen Sie das Potenzial des Upcyceln im Vergleich zum Recyceln?
Wenn wir Abfall gar nicht nutzen, erhält er einen negativen Wert, denn die Leute bezahlen dafür, ihn loszuwerden. Beim Recyceln wird ein Material mit einem ehemals bestimmten Zweck einem neuen Zweck zugeordnet. Häufig bedeutet das einen Wertverlust - ein Downcyceln. Eine Toilettenschüssel beispielsweise verliert an Wert, wenn sie als Granulat beim Straßenbau verwendet wird – sie ist nur noch ein Füllstoff. Indem wir den Abfall aber nutzen um hochwertige Produkte herzustellen, setzen wir den Abfallstrom wieder in Wert, das nennt man dann Upcyceln. Ich bin davon überzeugt, dass diese Abfallprodukte eine neue Ressource für die Zukunft darstellen werden.
Die Präsentation und das Marketing betonen den hohen ästhetischen Wert der Ziegel. Gibt es da eine Art von Image-Problem, weil man aus Abfallstoffen baut? Wie arbeiten Sie dem entgegen?
Wir tun alles dafür, die Materialien aus Müll sexy aussehen zu lassen. Denn nur wenige Menschen möchten in jedem Fall etwas Nachhaltiges, selbst wenn es hässlich ist. Die meisten möchten etwas Schönes und wenn es noch nachhaltig dazu ist, dann ist es großartig. Außerdem mussten wir als junges Unternehmen Kunden finden, und wir haben uns entschlossen diese im höheren Marktsegment anzusiedeln. Firmen wie Nike oder Starbucks suchen als Mieter nachhaltige Immobilien, daher investieren Projektentwickler in Produkte wie unseres – und bieten unserer Arbeit eine Plattform.
Der direkte Einfluss eines kleinen Unternehmens wie StoneCycling ist relativ gering. Wir setzen daher auf den Vorbildeffekt, in der Hoffnung, dass Riesenunternehmen wie Wienerberger und all die anderen großen Firmen anfangen uns zu kopieren. Die eigentliche Wirkung unserer Arbeit käme, wenn diese zum Mainstream werden würde, nur dann können grundlegende Veränderungen im Bausektor stattfinden, und das ist, worum es uns geht.
Woher erhalten Sie die Abfallprodukte für die Herstellung der Ziegel und welche Materialien benutzen Sie?
Die Art, wie wir Gebäude abreißen, gewährt keine konstante Qualität und erschwert die Weiterverwertung von Bauschutt. Daher nutzen wir diesen nur teilweise – die meisten unserer Materialien kommen von der Industrie. Häufig ist das mineralischer Abfall aus Fabriken, in Kombination mit an-deren Komponenten, die normalerweise als Füllmenge verwendet werden.
Die Farben und die Textur der WasteBasedBricks sind bemerkenswert. Wie erhalten die Ziegel ihr besonderes Aussehen?
Die Ziegel bestehen zu 60 % aus Abfall. Die Kombination aus Abfallmaterial bestimmt dabei weitgehend das Erscheinungsbild. Die Scheibentextur beispielsweise entsteht dadurch, dass man das Innere des geschnittenen Backsteins sehen kann, mit all seinen Inhaltsstoffen wie Toilettenschüsseln und Spülbecken. Anfangs versuchten wir, eher konventionellere Produkte herzustellen. Mittlerweile schätzen wir diese Eigenschaft als belebendes Elemente des Backsteins.
Die Ziegel bestehen zu 60 % aus Abfallmaterialien. Was hindert Sie an den 100 %?
Aus technischer Sicht gibt es kein Problem, aus praktischer Sicht aber ist es ein Zugeständnis, um diese Backsteine schon hier und heute herstellen zu können. Wir arbeiten mit Fabriken zusammen, die schon mehr als 100 Jahre Erfahrung in der Herstellung und Qualitätskontrolle von Ziegeln haben. Deren Maschinen arbeiten normalerweise mit Lehm, um sie verwenden zu können, mussten wir unsere Rezeptur anpassen – von 100 % Abfall zu 60 % Abfall. Derzeit arbeiten wir mit einem Hersteller zusammen, um bald den nächsten Schritt – 80 % Abfall - erreichen zu können.
Um Schritt für Schritt die 100 % zu erreichen?
Ja. Ein anderer Grund hierfür ist, dass die Bauindustrie sehr konservativ ist. Wenn deine Innovationsschritte zu groß sind, sieht die Bauindustrie ein Risiko und der Verkauf wird schwieriger. Die Ziegel, die wir jetzt produzieren, sind in der Anwendung vergleichbar mit der von normalen Backsteinen. Das beruhigt die Kunden, denn sie wissen, was bezüglich der Qualität zu erwarten ist – und wir können beginnen den Transformationsprozess zu beschleunigen, um mehr nachhaltige Produkte herzustellen.
Ihr Unternehmen wurde 2011 gegründet. Können Sie seither ein Umdenken im Bausektor feststellen?
Als wir mit der Verarbeitung des Bauschutts anfingen, sprach noch niemand davon. Heute ist es langsam im Mainstream angekommen, auch bei der niederländischen Regierung und der EU. Dennoch geht es ausgesprochen langsam, zu langsam. Unserem Verständnis nach gibt es drei Phasen in diesen Transformationsprozessen hin zu einer nachhaltigeren Bauwirtschaft. In der ersten Phase beginnen zunächst Leute gefallen an der Arbeit von Unternehmen wie unserem zu finden. Das sind die sogenannten Early Adaptors, und die sind wichtig, denn sie sind bereit zu zahlen und erste Projekte können realisiert werden. Da die Bauwirtschaft aber so hochpreisig ist und innovative Materialien häufig den Durchschnittspreis übersteigen, ist dies nur eine kleine Gruppe. Heute sehen wir, dass langsam die zweite Phase eintritt. Das bedeutet, dass die Regierung auf den Plan tritt – mit Nachhaltigkeits-Zertifizierungsverfahren und Steuervorteilen bei Verwendung nachhaltiger Produkte. Im nächsten Schritt müsste die Regierungen höhere Steuern auf nicht nachhaltige Produkte erheben.
Amsterdam hat kürzlich angekündigt, zur ersten „Circular City“ der Welt, also einer Stadt mit einer durchgehend ökologischen Kreislaufwirtschaft, zu werden. Welcher Phase ordnen Sie diese Zielsetzung zu?
Diese Ziele sind sehr stark mit Phase zwei verknüpft. Es gibt viele Pilotprojekte, deren Subventionen in neue Projekte fließen. Noch sehen wir aber weder Maßnahmen noch Pläne, bei denen Gesellschaften entweder Steuererleichterungen oder Steuererhöhungen für ihre Taten erhalten. Ich vermute aber, dass das der logische nächste Schritt sein wird.
Glauben Sie, dass so ein positiver Wandel stattfinden kann?
Ja, aber auch ein Umdenken muss stattfinden. Ich halte es, auch gerade jetzt in der Corona-Krise, für sehr wichtig, dass sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir unsere Wirtschaft anders gestalten müssen. Für uns heißt das, nicht mit anderen Unternehmen zu konkurrieren, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten, um die ganze Industrie nachhaltiger zu machen. Es geht nicht darum, immer mehr Produkte zu verkaufen, sondern darum, ein nicht nachhaltiges Produkt durch ein nachhaltigeres Produkt zu ersetzen. Ich denke, diese Idee gründet nicht länger auf Wettbewerb, sondern auf Zusammenarbeit.
Aus dem Englischen von Ursula Karpowitsch
Fakten
Architekten Massa, Ward, Amsterdam
aus Bauwelt 14.2020
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