Bauwelt

Ein Gespräch über die Stromrechnung

Text: Heinich, Nadin, München

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Drei Jahre später sehen die Büros im ÉDL-Hochhaus noch immer so aus, als habe sich die Explosion im Hafen erst gestern ereignet.
Foto: Sergey Ponomarev

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Drei Jahre später sehen die Büros im ÉDL-Hochhaus noch immer so aus, als habe sich die Explosion im Hafen erst gestern ereignet.

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Ein Gespräch über die Stromrechnung

Text: Heinich, Nadin, München

Nadin Heinich Wie zahlen die Leute jetzt ihre Stromrechnung? In bar?
Ziad Younes Sie zahlen bar und in Lira.
Warum werden die Rechnungen nicht in US-Dollar ausgestellt?
Weil das gesetzlich nicht möglich ist. Aber, selbst wenn wir in Dollar abrechnen würden, wie hoch soll der Wechselkurs sein?
1 Dollar gleich 100.000 Lira.
Sagt wer? Es gibt keinen offiziellen Umrechnungskurs, stattdessen 1 zu 1500 oder 1 zu 15.000, wir haben den Umrechnungskurs der Sayrafah-Plattform, Sayrafah-Plus, Sayrafah-Minus, den Lollar. Und es gibt den Schwarzmarkt-Kurs, der unseren Alltag bestimmt, wenn wir im Laden einkaufen. Jedoch existiert keine offizielle Institution, die den letztgenannten Kurs festlegt. Die Regierung, auch Électricité du Liban (ÉDL) als öffentliche Einrichtung, kann diesen Kurs nicht verwenden. Woran sollen wir uns orientieren? An irgendwelchen Handy-Apps, die den Schwarzmarkt-Wechselkurs Lira zu Dollar anzeigen?
Die Zentralbank ...
... die Zentralbank unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Riad Salameh hat sich geweigert, etwas anderes als eins zu 1500, danach eins zu 15.000 anzuerkennen. Sie haben die Sayrafa-Plattform erfunden. Der Sayrafa-Kurs, zu dem die Zentralbank internationale Kredit- und Debitkartenzahlungen einlöst, liegt etwas unter dem realen Kurs. Vereinfacht gesprochen, dient das nur dazu, den Einlegern bei der Zentralbank Geld zu stehlen. Es scheint jedoch, dass die neue Regierung Sayrafa geschlossen und entschieden hat, zu einer von Bloomberg betriebenen Plattform zu wechseln. Das könnte Dinge lösen.
Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Ja, wir sammeln die Stromgebühren in libanesischer Lira ein. Tausende, Millionen von Lira.
Sie brauchen doch Lastwagen, um das Geld zu transportieren
Ja. Wir versuchen, das Geld zu den Banken zu bringen. Die es nicht annehmen wollen. Sie haben keine Leute, die das Geld zählen können. Und selbst wenn wir dieses Geld zur Zentralbank bringen, ist Électricité du Liban nicht in der Lage, libanesische Lira in US-Dollar umzutauschen. ÉDL ist heute sehr reich an Bargeld – an libanesischer Lira.
Weshalb tauscht die Zentralbank die Lira nicht in Dollar?
Weil es dafür keinen Markt gibt. Auch behauptet die Zentralbank, zum Umtausch sei sie nicht verpflichtet. Électricité du Liban kann mit dem eingenommenen Geld keinen Treibstoff kaufen. Das ist einer der Gründe, weshalb das Unternehmen nur ein paar Stunden Strom pro Tag liefert.
Warum kann ÉDL mit dem Bargeld keinen Treibstoff kaufen?
Weil sie über Bargeld in Lira verfügen. Der Treibstoff wird jedoch in Dollar bezahlt. Meinen Sie, Kuwait Energy verkauft für Lira?
Wie werden Sie bezahlt?
Wir werden nicht bezahlt. Nur zu einem sehr, sehr geringen Anteil. Deswegen müssen wir unsere Arbeiten auf das Notwendigste beschränken, durch andere Projekte querfinanzieren, hoffen, dass wir eines Tages doch bezahlt werden. Jeder hat ein Kreuz zu tragen. Dieses ist meines. Es ist ein sehr schweres Kreuz.
Warum werden Sie nicht von den Stromgebühren bezahlt, die Sie einsammeln? ÉDL lagert dieses Geld doch nur.
Das ist gegen das Gesetz. Die Stromgebühren sind öffentliche Gelder. Wir wurden damit betraut, sie einzusammeln und abzuführen.
Électricité du Liban scheint ein Spiegel der absurden Situation des Landes zu sein ...
ÉDL ist ein Symptom für das politische System des Landes. Ein sehr ineffizientes System. In der Spieltheorie würde man vom „Gefangenendilemma“ sprechen – vereinfacht beschrieben, eine Situation, in der zwei rational handelnde Individuen, obwohl sie beide durch Zusammenarbeit einen gemeinsamen Nutzen erzielen könnten, stattdessen ihre eigenen Interessen verfolgen. Das führt zu einem schlechteren Ergebnis für beide. Aber niemand ändert etwas daran.
Was wäre der Ausweg?
Ein System zu schaffen, in dem Entscheidungsfindungen möglich sind. Dazu bräuchten wir einen säkularen Staat mit zentraler Exekutivgewalt, die sich natürlich von Zeit zu Zeit ändern müsste. Heute hat niemand die Macht, Entscheidungen zu treffen. Wir haben mehrere Machtzentren, die sich gegenseitig blockieren und neutralisieren.
Das Interview wurde im September 2023 geführt.
Ziad Younes ist Vorstandsvorsitzender von BUTEC „Bureau Technique d’Etudes et de Construction“. Das 1964 in Beirut gegründete Bauunternehmen ist eine der Firmen, die für die Wartung des libanesischen Stromnetzes verantwortlich sind. U.a. ist die Firma mit dem Einsammeln der Stromgebühren betraut. Younes ist Gründungsmitglied des Massachusetts Institute of Technology Enterprise Forum for the Pan Arab Region.

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