einfach komplex

max bill und die architektur der hfg ulm

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


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max bill und die architektur der hfg ulm

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Wer als Architekt jemals im denkmalgeschützten Bestand gearbei­tet hat, kennt die langen Prozesse des Abwägens zwischen neuen Nutzungsvorstellungen und dem Respekt vor der Substanz, vor allem ihrem so schwer fassbaren ideellen Zeugniswert. Georg Dehio sprach einmal von der psychologischen Dimension einer „Lebenswärme“, der historischen und künstlerischen Gesamtstimmung eines Baus. Eine besondere Spezies stellen Bauten der Nachkriegs- oder Spätmoderne dar. Sie zeichnet meist noch reichlich Originalsubstanz und bauzeitliche Ausstattung aus bis hin zur technischen Infrastruktur, vor allem aber sind sie in Deutschland oft Symbolbauten demokratischen Aufbruchs nach den Jahren des Faschismus. Dennoch regiert selbst unter den Bedingungen des Denkmalschutzes nicht selten Unverstand, wenn Umnutzungen, energetische Ertüchtigungen und Adaptierungen anstehen. Und häufig fehlt eine Grundlage für sensibleres Hantieren: eine Baudokumentation und die architektur- wie zeitgeschichtliche Bewertung.
Für einen Schlüsselbau der Nachkriegsära, den Gebäudekomplex der Hochschule für Gestaltung in Ulm, haben nun der Architekt Daniel P. Meister und die Publizistin Dagmar Meister-Klaiber eine mit 650 Seiten umfangreiche Baumonografie vorgelegt, die sie ab 2012 erarbei­tet haben. Beide sind Absolventen der Hochschu­­le und leben in einem dortigen Dozentenhaus, sind also in mehrfacher Hinsicht Zeitzeugen. Sie rekonstruieren akribisch die Geschichte und Vorgeschichte der ab 1950 von Max Bill, dem Schweizer Architekten, Künstler und als Gründungsrektor später prägend Lehrenden, geplanten Hochschule. Initiatorin Inge Scholl, ältere Schwester der beiden 1943 in München hingerichteten Widerstandkämpfer Hans und Sophie Scholl, war es um 1949 gelungen, ein pädago­gisches Programm für eine stiftungsgetragene, nicht staatliche Hochschule zu formulieren, finanzielle Zusagen der amerikanischen Militärverwaltung und ein Baugelände zu akquirieren. Max Bill hatte 1928 kurz am Bauhaus in Dessau unter seinem Landsmann Hannes Meyer studiert und sich 1949 mit der international gezeigten Ausstellung des Schweizer Werkbunds „Die gute Form“ für die Aufgabe empfohlen. Dritter im Bunde und später entschiedener Widerpart Bills war Otl Aicher, einflussreicher Gestalter und Ehemann Scholls. Aicher nahm lange für sich in Anspruch, den entscheidenden Impuls für die aufgelockerte, polygonal verschränkte und topografisch terrassierte Anlage am Ulmer Kuhberg gegeben zu haben. Die Autoren rekonstruieren acht Vorprojekte aus dem Büro Bill zwischen 1950 und 1952, die eine allmähliche Verfestigung dieser Leitidee in seiner Autorschaft belegen sollen.
Auf allein über 200 Seiten werden Entwurfs-, Genehmigungs- und Ausführungsplanung ab 1952, der Baubeginn 1953 und der Bezug der noch fragmentarischen, zudem des weiteren Innenausbaus harrenden Anlage im Januar 1955 dargestellt. Prekäre Finanzverhältnisse waren ste­ter Begleiter, verantwortlich für viele Kompromisse in Ausführung und Materialwahl. So hätte Bill etwa die großen, bündig in den Sichtbetonfassaden sitzenden Fensterelemente lieber in „grauen“ (wohl: verzinkten) Stahlprofilen gesehen, musste aber auf Nadelholz ausweichen. Das Risiko, das Holz nun unbehandelt einer natürlichen Vergrauung auszusetzen, ging er nicht ein, ein werkseitiger Holzschutz erwies sich aber schnell als schadensanfällig.
Weitere Kapitel analysieren Entwurfsprinzipien Bills – Einfachheit, Materialreduktion, Bezug zur Natur – sowie Transfers aus seiner künstlerischen Praxis in Grafik und Plastik. Das Herzensanliegen der Meisters aber ist ein zukünftig respektvoller, denkmalpflegerisch fundierter Umgang mit dem Bau und seinem immateriellen Vermächtnis. Am liebsten sähen sie wohl alles auf Bills Originalideen zurückgeführt, sie argumentieren anhand von gut 200, digital neugezeichneten Plänen Bills für eine Gesamtanlage. Aber bereits nach Bills nicht ganz freiwilligem Rückzug 1957 schien er als Architekt weiterer Bauphasen wie Studenten- und Dozentenhäusern entbehrlich, ein systematisches Verkennen seiner Bauidee setzte also nicht erst mit der Schließung der Hochschule 1968 ein. Und obwohl der Baubestand seit 1979 Denkmalschutz genießt, 1983 gar erweitert auf die Gesamtanlage mit Außenräumen als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“, verliefen Sanierungs- und Umnutzungsmaßnahmen nicht mit einschlägiger Expertise. Internationale Wogen der Kritik etwa schlug 2011 die Neuverglasung der Fenster mit spiegelnden, bläulichen Sonnenschutzscheiben (Bauwelt 11.2011), die eine ursprüngliche Transparenz unterbinden sowie mit nur noch 50%igem Lichtdurchlass die Innenräume gra­vierend beeinträchtigen. Die Liste der Entstellungen, auch des Außenraums, ist lang.
Und so liest und blättert man fasziniert in dem inhaltlich schwergewichtigen Band, mit Plä­nen, bauzeitlichen Dokumenten und Fotogra­fien, mit Schriftwechseln und Zeitzeugeninterviews, vermisst allenfalls Hinweise auf die internationale Rezeption dieser Architekturikone, so durch Peter und Allison Smithson, die Bills brutalistisch „direkte“ Materialverwendung schätzten. Klar, solch ein publizistisches Mammutprojekt kann nur mit finanziellen Förderungen gelingen, das Schweizer Bundesamt für Kultur etwa gewährt dem Zürcher Verlag eine „Strukturab­gabe“ (vielleicht als Hinweis an Frau Grütters). Möge alles dazu beitragen, eine „Lebenswärme“ in Bills programmatisch kargem Bau wieder spürbar werden zu lassen.
Fakten
Autor / Herausgeber Daniel P. Meister und Dagmar Meister-Klaiber
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018
Zum Verlag
aus Bauwelt 2.2020
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