Typology Review No. IV
Casablanca, Genoa, Tbilisi, Tashkent
Text: Reinke, Thomas
Typology Review No. IV
Casablanca, Genoa, Tbilisi, Tashkent
Text: Reinke, Thomas
Gemächlich surrt die T2 von Sidi Bernoussi nach Ain Diab Plage, dem Atlantik entgegen. Ihr Signalton legt sich wie ein akustischer Takt über die Stadt und rhythmisiert den Alltag. Casablancas Straßenbahn, Rückgrat eines der größten Tramnetze Afrikas, bietet den Einstieg in eine urbane Realität, die durch alltägliche Routinen, informelle Regeln und räumliche Improvisationen strukturiert ist, die sich gegen ihre ursprüngliche Planung wenden. So sind zur Fahrscheinkontrolle alle Haltestellen mit personalüberwachten Drehkreuzen ausgestattet – ein Ende für den Zugang, das andere für den Ausgang. Doch diese Ordnung wird im Alltag performativ verschoben. Fahrgäste übertreten das Rillengleis, passieren die Kontrolleure beiläufig und verkürzen Wege – nicht aus Protest, sondern aus pragmatischer Selbstverständlichkeit.
Dieses Prinzip der Umdeutung zeigt sich unweit der Umsteigestation Mdakra/Ibn Tachfine auch in der Architektur. In den 50er-Jahren entwickelten Candilis, Woods und Bodiansky im Büro ATBAT Afrique Wohnbauten, die sich an vernakulären Typologien orientierten und den Wohnungsmangel der wachsenden Metropole lindern sollten. Doch die vertika-le Kasbah mit ihren offenen, gestapelten Patios erwies sich für die Realität großer Familien als unpraktisch. Die Bewohner reagierten: Patios wurden geschlossen, Räume neu organisiert, Volumen verdichtet. Auch Echochards angrenzende horizontale Stadt der eingeschossigen Patiohäuser erscheint heute als gebautes Archiv solcher Aneignungsprozesse. Wie beim Überqueren der Gleise zeigt sich darin eine subtile Form städtischer Selbstermächtigung. Leise, beharrlich und zutiefst urban.
Dieser sich ständig verändernden Identität undOrdnung von Stadt begegnet die Publikation „Typology Tashkent, Genoa, Tbilisi, Casablanca. Review No. IV“ mit gebäudetypologischen Studien und morphologischen Kartierungen unterschiedlichster Metropolen. Im Gegensatz zu Steven Holls Untersuchungen der frühen 1980er-Jahre von Haustypen Nordamerikas oder der Alpha-betical City untersuchen die Basler Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein in diesem Langzeitprojekt spezifische Stadträume: Band 2 widmete sich 2012 Hong Kong, Rom, New York und Buenos Aires, Band 3 drei Jahre später Athen, Paris, Sao Paulo und Delhi (beide Bände sind wieder lieferbar). Band 4 fokussiert nun Tash- kent, Genua, Tbilisi und Casablanca.
Für Christ und Gantenbein ist Typologie ein Instrument, um das reziproke Verhältnis von Architektur und Stadt lesbar zu machen. Zugleich dient es ihnen in ihrer architektonischen Praxis als Werkzeug für den „typologischen Transfer“ in der Gestaltung zeitgenössischer Städte. In einer typologischen Untersuchung der Stadt wird ein Ausschnitt der Wirklichkeit durch selbst gewählte Regeln begrenzt. Nur bestimmte Typen werden ausgewählt und detailliert analysiert, wodurch die Stadt wie ein geschlossenes System erscheint; alles außerhalb dieses Rahmens bleibt methodisch ausgeblendet. Die Publikation operiert hier bewusst als Momentaufnahme, denn viele der erfassten Gebäude sind unter besonderen Umständen entstanden. Mit Hilfe dieser produktiven Illusion suggerieren die Autoren Stadt als eine systematisch lesbare Ordnung. Diese Illusion ist jedoch kein Fehler, sondern eine Arbeitsbedingung, die Erkenntnis ermöglicht, indem sie Komplexität reduziert und Relationen sichtbar macht.
Im Quartformat präsentieren 316 Seiten unterschiedliche Ordnungen von Stadt. Nach einleitenden Essays zu den vier Städten folgen Schwarzpläne, die die urbanen Strukturen vergleichbar machen. Die Typologien sind wie überformatige Karteikarten auf Doppelseiten an-gelegt: Einer Seite mit großzügig ausgelegten Grundrissen steht eine dicht gesetzte zweite gegenüber mit Fotografien, Texten, Lageplänen und einfachen Axonometrien. Im letzten Drittel öffnet eine doppelseitige Fotostrecke den Blick auf Szenen des Alltäglichen und richtet die Aufmerksamkeit auf das urbane Umfeld – sachlich, klar und beobachtend, wie der Band selbst es intendiert.







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