Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Die Frauen um Walter Gropius

Text: Brosowsky,Bettina Maria, Braunschweig


Mutter, Muse und Frau Bauhaus

Die Frauen um Walter Gropius

Text: Brosowsky,Bettina Maria, Braunschweig

Julius Posener ließ einmal in seinen Vorlesungen zu Le Corbusier die These von Charles Jencks gerade noch als „psycholo­gische Erklärung“ gelten, dass sich dank erfülltem Privatleben, ab 1930 mit Gattin Yvonne, auch die Architektur des Meisters verändert habe. Sie hät­te an materieller Substanz und Sinnlichkeit gewonnen gegenüber den frühen, sexuell wohl verklemmten Mannesjahren Le Corbusiers.
War selbst einem unorthodoxen Geist wie Posener dieser „human touch“ in einer Werkexe­gese suspekt, so bietet Ursula Muscheler in ihrem neuen Buch, das sich mit fünf bemerkenswerten Frauen im Leben von Bauhausgründer Walter Gropius (1883–1969) befasst, allfälligen Kritikern gar nicht erst die Breitseite, Verbindungen zwischen Amourösem und Architektonischem herzustellen. Mit lockerer Hand verflicht sie die weiblichen Biografien – darunter die dominante Mutter – mit der des Schülers, Offiziers, jungen sowie alternden Architekten Walter Gro­pius, als vorrangige Quelle dient ihr seine üppige Korrespondenz. Allerdings kratzt Muscheler dabei gehörig an der strahlenden (Selbst-)Stilisierung Gropius’. Süffisant betont sie etwa, dass das Abitur die einzige Prüfung geblieben ist, die der Sprössling aus gutem und mütterlicherseits vermögendem Elternhaus absolviert hat. Architekturstudien in München und Berlin, auf Drängen des Vaters, königlicher Baurat am Berliner Polizeipräsidium, verliefen halbherzig und ohne Abschluss. Eher nach Gropius‘ Geschmack war da schon die militärische Ausbildung bei der Eliteeinheit der Wandsbeker Husaren in Hamburg. Hier lernte er, sich unter alten Adelsgeschlechtern zu behaupten, vor allem aber, die Bedeutung von „Connexionen“ zu schätzen. Der Kontakt zu Karl Ernst Osthaus – Sammler, Mäzen, Gründer des Essener Folkwang-Museums –, den Gropius während einjähriger Studienreisen durch Spanien knüpft, war von dieser Qualität. Osthaus vermittelte ihm eine Anstellung bei Peter Behrens, damals die Kaderschmiede der Moderne, hier durfte er sich mit zwei, dann allerdings mängelbehafteten Osthaus-Villen befassen. Und er lernte Adolf Meyer (1881–1929) kennen, akademisch ausgebildeter Architekt, „Der zweite Mann“, so der Titel des monografischen Fundamentalwerks von Annemarie Jaeggi, im 1910 gegründeten Gropius-Büro. Meyer wird kongenialer Gegenpart in einer auf verbalem Dialog begründeten Entwurfsmethodik Gropius’, ein Arbeitsstil, der in Hinblick auf eine Autorschaft „jedem Zeitgenossen ein ausgesprochenes Mysterium“ blieb, so Martin Wagner einmal. In we­nigen Jahren gelang dem Büro der rasante Aufstieg, 1914 folgte die Empfehlung Gropius’ durch van de Velde als Nachfolger an der Kunstgewerbeschule Weimar, der 1919 dann das Bauhaus entsprang. Leider geizt das Buch mit professionellen Präqualifikationen: Vom Faguswerk oder der Werkbundfabrik in Köln vernimmt man nichts.
1910 begegnete Gropius aber auch Alma, noch verehelichte Frau Gustav Mahlers, dem, wie Tom Wolfe so schon gespöttelt hatte, „ersten und stärksten Exemplar dieser wunderbaren Gattung, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, der Künstlerwitwe.“ Die 1915 geschlossene und 1920 wieder geschiedene, so leidenschaftliche wie glücklose Ehe scheiterte nicht nur an den außerehelichen Eskapaden der Gemahlin. Gropius hatte andere Vorstellungen von einer Partnerin: Sie sollte ihm eine liebende und ihn beruflich fördernde Gehilfin sein, keine stimmungsschwankende Egozentrikerin. Allerdings fand er in ihrer Wiener Entourage Johannes Itten, Begründer des Bauhaus-Vorkurses, was leider auch im Buch unerwähnt bleibt. Alma legte zumindest einmal einen, für Gropius’ Prestige nicht unvorteilhaften, bühnenreifen Auftritt in Weimar hin, und sie initiierte 1924 ein Protestschreiben an den thüringischen Landtag gegen die drohende Schließung des Bauhauses, unterzeichnet von 25 der renommiertesten Kulturschaffenden.
„Gehilfinnen“ fand Gropius ab 1919 etwa in der jüdischen Künstlerin, Journalistin und Kunsthis­torikergattin Lily Hildebrandt. Sie war bestens in die kulturelle Avantgarde vernetzt, erschloss dem Bauhaus unermüdlich neue Finanzquellen, half aber auch dem stets klammen Gropius beim Verkauf von Wertsachen aus Familienbesitz. Und in seiner zweiten Ehefrau Ise, 14 Jahre jünger, als „Frau Bauhaus“ loyale Sachwalterin bis über Gropius’ Tod hinaus.
Die Frauen um Walter Gropius interessieren Muscheler als ambivalente Positionen im frühen 20. Jahrhundert: Gebildet und künstlerisch ambitioniert, bleiben sie dennoch im patriarchalen Rollenbild gefangen. Aber sie lassen sich nicht an heutigen Maßstäben messen, Gleichstellungs-, gar MeToo-Debatten hätten sie nicht verstanden. Genauso wenig, wie Gropius den enthusiastischen Ansturm weiblicher Studierender am neuartigen Bauhaus verstand. Er fürchtete, ihre große Anzahl könnte die Schule diskreditieren, empfahl „keine unnötigen Experimente“ sondern eine „scharfe Aussonderung (…), vor allem bei dem der Zahl nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht“. So skizziert das Buch pünktlich zum Bauhaus-Jubeljahr das notwen­dige und, wenn man so will: genderhistorische Zeitkolorit, versteigt sich aber nicht in brandneue Erkenntnisse zur legendären Institution.
Fakten
Autor / Herausgeber Von Ursula Muscheler
Verlag Berenberg Verlag, Berlin 2018
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aus Bauwelt 10.2019
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