Metropole Berlin

Die Wiederentdeckung der Industriekultur

Text: Hotze, Benedikt, Berlin


Metropole Berlin

Die Wiederentdeckung der Industriekultur

Text: Hotze, Benedikt, Berlin

Nicht nur Gottfried Böhm, sondern Berlin wurde dieses Jahr 100. Genauer: „Groß Berlin“. Unter dieser Bezeichnung sind im Jahr 1920 etliche selbstständige Städte, Gemeinden und Gutsbezirke zu dem Berlin eingemeindet worden, das wir heute kennen. Die damals erfolgte Einteilung in 20 Bezirke und deren recht willkürliche Grenzziehung untereinander war dann auch maßgeblich für den teils erratischen Verlauf der Berliner Mauer in den Jahrzehnten der Teilung. 1920 aber wurde die faktisch bereits bestehende Großstadt Berlin zur drittgrößten Kommune der Welt nach New York und London. Und sie wurde zur größten europäischen Industriestadt.
Auf die Industriegeschichte hebt denn auch der vorliegende Band ab. Unter dem heute etablierten Tourismusmarketing-Begriff der „Industriekultur“ werden Infrastrukturmaßnahmen wie Verkehrsbauten und Anlagen der Elektrifizierung der Metropole nachgezeichnet und beschrieben. Dabei ist allerdings kein enzyklopädisch-vollständiges Kompendium entstanden. Das Buch dokumentiert vielmehr eine Vortragsreihe im Deutschen Technikmuseum Berlin, die dort 2017 in Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums abgehalten wurde – mit allen Lücken und Besonderheiten, die einer solchen Reihe nun einmal eigen ist. Die Berücksichtigung aller möglichen Akteure führt auch zu eher seltsamen Beiträgen wie dem über chilenische Steckdosen oder dem über die digitale Gebäudedatenbank des Gleisdreiecks. Eine Fahrradkarte zur Industriekultur ist hinten so blöd mit Fixogum eingeklebt, dass man sie nicht zerstörungsfrei vom Buch trennen kann.
Gleichwohl ist der Erkenntnisgewinn auch für Berlin-affine Leser hoch, zum Beispiel beim Flughafen Tempelhof. Die genauen Karten ermöglichen eine Lokali­sierung des alten Flughafengebäudes, dessen kriegsbeschädigten Reste erst 1948 von den Amerikanern im Zuge der Luftbrücke abgerissen wurden. Das Empfangsgebäu­de von 1926–29 in der Architektursprache der Neuen Sachlichkeit von Paul und Klaus Engler lag mitten auf dem heutigen Tempelhofer Feld an der virtuellen Schnittstelle der Verlängerungen von Paradestraße und Lilienthalstraße, also ungefähr dort, wo heute das alte Übungsflugzeug steht. Solche historischen Informationen entnehmen wir gern einem derartigen, heterogenen Tagungsband – wenn es sein muss, auch nachvollzogen mit dem Lineal im Abgleich mit Google Maps.
Fakten
Autor / Herausgeber Joseph Hoppe und Heike Oevermann (Hrsg.)
Verlag Be.bra Verlag, Berlin 2020
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aus Bauwelt 4.2020
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