Grün ist die Hoffnung!

Postkarten aus der Zeit des italienischen Wirtschaftswunders

Text: Noeske, Jannik, Weimar


Grün ist die Hoffnung!

Postkarten aus der Zeit des italienischen Wirtschaftswunders

Text: Noeske, Jannik, Weimar

Wo Bauten und öffentliche Räume heute so gestaltet werden, dass sie auf Instagram-Schnappschüssen möglichst schick aussehen, war es früher die Postkarte als Medium, die die Gestaltung, Repräsentation und Wahrnehmung von Landschaften stark prägte. Das weiß auch Bauwelt-Redakteur Ulrich Brinkmann, der nun den zweiten Band seiner italienischen Postkarten-Trilogie veröffentlicht hat. Das erste Werk, „Die Urbanisierung der latinischen Malerlandschaft“, stellte noch die Früchte des Wirtschaftswunders in der Gegend um Olevano Romano bei Rom anhand des Mediums der Postkarte vor (Bauwelt 10.2018), ein Band mit Ansichtskarten aus der Emilia ist in Vorbereitung. Parallel entsteht eine Reihe mit deutschen Postkartenbänden.
Das Buch „Matera moderna“ präsentiert uns die facettenreiche, widersprüchliche Nachkriegsgeschichte der süditalienischen Provinz und ihrer Hauptstadt , die durch Literatur (C. Levi), durch Filme (P. P. Pasolini, M. Gibson) und nicht zuletzt dadurch bekannt ist, dass sie 2019 Kulturhauptstadt Europas war (Bauwelt 13.2019). Noch heute ist dort allerdings zu erahnen, dass die Menschen bis vor wenigen Jahrzehnten in mittelalterlichen Felshöhlen wohnten und für ihr täglich Brot buchstäblich ackern mussten. Matera ist Schönheit und Schrecken, Ort von Verbannung genau wie von Kulturtourismus.
Brinkmann nutzt für sein Porträt der Provinz in 17 Kapiteln eine Auswahl von über 200 Postkarten vor allem aus den 1950er und 60er Jahren. Die Zusammenstellung ist weit mehr als oberflächliche Bildbetrachtung. Vielmehr entsteht durch die Karten ein visuelles Essay, ein gelehrtes Porträt einer Epoche, die mit dem Marshallplan in der unmittelbaren Nachkriegszeit beginnt und sich irgendwo in der Zeit nach der ersten Ölpreiskrise 1973 verliert. Die Region um Matera wurde in dieser Zeit maßgeblich modernisiert. Viele der Probleme wurzelten noch in der Zeit der Industrialisierung, einige der Lösungen in der faschistischen Zwischenkriegszeit. Was aber weder König noch Duce geglückt war, sollte nun durch Wohlfahrtsstaat und Kapital gelingen. Die Modernisierung hatte hohe Priorität für die Nachkriegsregierungen. In den begleitenden Texten, die sowohl auf deutsch als auch auf italienisch abgedruckt sind, schildert der Autor die Transformation der Kulturlandschaft als Ergebnis von Bodenreform, Landflucht, Wirtschaftsförderung und sozialstaatlicher Interventionen. Dass dies allerdings nicht als Verlusterfahrung, sondern im Gegenteil als Verheißung und Aufbruch empfunden wird, verdeutlichen nicht zuletzt die Postkarten als äußerst ansprechende Zeugnisse der Populärfotografie. Und das wirkt bis heute: Denn obwohl die Architekturen dieser Zeit getilgt werden können, ist die Umgestaltung der Landschaft nachhaltiger und folgenreicher als jeder Einzelbau – und prägt das Landschaftsbild bis in die Gegenwart. Das zu verstehen, ist auch das Verdienst des Bandes. Denn er erzählt die Transformation als nicht abgeschlossene Urbanisierung, als kontinuierlichen, aber gestalteten und letztlich gesellschaftspolitischen Prozess des kulturlandschaftlichen Umbaus.
Das Buch endet etwas abrupt mit dem Kapitel zu „Piazza und Passeggiata“, ein echtes Fazit fehlt. Ein Hinweis aber findet sich doch im letzten Abschnitt, der sich eigentlich wie ein roter Faden durch die Postkartensammlung zieht. Nämlich dass man in Italien den öffentliche Raum zunächst als Bühne, als sozialen und menschengemachten Raum begreift. Dieser ist eben vielfältig mit Bedeutung erfüllt und zu keinem historischen Zeitpunkt ein statischer. Dies ist auch die zentrale Botschaft des Buches. Bei allem Glanz der vorhergehenden Jahrhunderte, stolz ist man in unserem Lieblingsurlaubsland eben auch auf den Fortschritt. Und nicht ohne Grund, kann man nach der Lektüre resümieren, findet Brinkmann in den Postkarten sprechende Zeitzeugnisse dieser Errungenschaften.
Fakten
Autor / Herausgeber Ulrich Brinkmann
Verlag DOM Publishers, Berlin 2022
Zum Verlag
aus Bauwelt 25.2022
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