Im Licht so nah

Josepha Landes war seit Langem wieder einmal im Kino.

Text: Landes, Josepha, Berlin


Im Licht so nah

Josepha Landes war seit Langem wieder einmal im Kino.

Text: Landes, Josepha, Berlin

Musste Corona mich erinnern, wie sehr die Leinwand mein Sehnsuchtsort ist? Ich lie­be das Kino, seit ich ein Kind war. Gern denke ich zurück an den Saal des „Nordlicht“ in St. Peter-Ording. Dort gibt es Tische mit Lämpchen darauf und eine Klingel, bei deren Betätigung Eiskonfekt direkt am Platz erscheint.
Wer bringt mir Eiskonfekt ans Sofa, oder auch Popcorn? Obwohl: Das Kino ist überhaupt der einzige Ort, wo Popcorn schmeckt. Ich will wieder ins Kino! Das Kino ist auch der Raum geteilter Emotionen – was gibt es schon allein zu fühlen? Es ist der Raum des Tanzes von Licht und Schatten, der Dunkelheit, die alles Nebensächliche umfängt. Im Kino richten wir den Blick nach vorn, Ablenkung ausgeschlossen. Im Kino ploppen kleine, geflüsterte Kommentare zum Nachbarn auf wie des Fisches Nachtgesang. Nur im Kino und beim Küssen sehen wir Gesichter so detailliert, nirgends sonst sind wir so nah dran.
Als ich schließlich wieder dort war (in einem Berliner Kino, nicht an der Nordsee), war jede zweite Reihe frei. Trotzdem wirkte der Saal gut gefüllt. Es war der letzte Tag der ersten Kinowoche nach den Corona-Schließungen, aber mein Eindruck ist wohl nicht nur der verschrobenen Wahrnehmung nach vier Monaten Distanzgebot geschuldet. Schon vor März 2020 war oft die Rede von halbleeren Sälen. Nicht nur einmal saß ich sogar fast allein, als der Vorhang sichlüpfte. Das beschworene „Kinosterben“ ist Wirklichkeit. Kinos mussten seit dem Siegeszug der Home-Entertainment-Systeme massiv zurückstecken. Darüber können auch gut besuchte Freitagabendvorstellungen gut beworbener Festivalfilme nicht hinwegtäuschen.
Wir können nun die Gunst der Stunde nutzen und dem Kino post-Corona zu einer neuen Glanzzeit verhelfen. Ich möchte nach dieser Zeit des versagten Saals wieder mehr ins Kino gehen. Nicht nur zu den Filmen, die dieser oder jener Feuilletonist als „großartig“ feiert. Ich möch­te schauen, was läuft. Ich möchte, dass die Säle so brechend voll sind, dass der größte Zuschauer direkt in der Reihe vor mir sitzt und den Blick aufs Geschehen verdeckt. Ich muss mich dann, um der Geschichte zu folgen und ganz ohne Maske, zu meinem unbekannten Nachbarn neigen – eine Nähe, die es so nur im Kino gibt.

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