Ein Staatsbegräbnis für die Postmoderne

Der Sainsbury Wing der National Gallery in London soll ein „Update“ erfahren.

Text: Welzbacher, Christian, Berlin

Stau auf der Pilasterautobahn: Die Fassade des Sainsbury Wing am Trafal­gar Square
Foto: The National Gallery, London

Stau auf der Pilasterautobahn: Die Fassade des Sainsbury Wing am Trafal­gar Square

Foto: The National Gallery, London


Ein Staatsbegräbnis für die Postmoderne

Der Sainsbury Wing der National Gallery in London soll ein „Update“ erfahren.

Text: Welzbacher, Christian, Berlin

Das Ende einer Ikone! Der Sainsbury Wing, die 1991 eröffnete Erweiterung der Londoner National Gallery nach dem Entwurf von Robert Venturi und Denise Scott Brown, wird umgebaut. Unfreundlich und dunkel sei sein Entrée, erklärte das Museum zu Beginn des Sommers. Man wolle einen luftigeren Eingangsraum mit größerer Aufenthaltsqualität, einen Ort der Kontemplation, ehe es über die himmelsleiterartige Treppe empor in die heiligen Hallen der Kunst gehe.
Doch auch die Fassade wird verändert. Nicht etwa der augenzwinkernde Stau der sich drängenden Pilaster aus Portland-Stein wird aufgelöst. Vielmehr erhalten die bislang dunkel-bronzierten Fenster hellere Rahmen und die Attika bekommt eine weithin sichtbare Aufschrift. „I am a monument!“, in Anspielung auf Venturis Zeichnung aus seinem 1968 erschienenen Buch „Learning from Las Vegas“, die aufzeigte, dass man jede Kiste durch eine sprechende Hülle mit Bedeutung aufladen kann, soll dort allerdings nicht stehen. Auf der National Gallery wird einfach „National Gallery“ zu lesen sein. Und das hat dann auch mit Ironie, Selbstreferentialität, Reflexion über Form, Typus und Inhalt von Bauwerken nicht das Geringste zu tun.
Erstaunlich ist vor allem, wie nach der Ankündigung des Vorhabens die Meinungen in der englischen Fachöffentlichkeit auseinandergehen. Die Museumsverbände äußerten Verständnis, während Architekten und Denkmalpflege (der Bau hat Grade-A-Status) mit einer gewissen Anspannung reagierten, auch deshalb, weil das Haus Symbol einer ganzen Epoche ist. 1981 mischte sich Prinz Charles in den Wettbewerb ein. Er verhinderte den Bau des als „Karbunkel“ gegeißelten Siegerentwurfs von ABK und sorgte für die Umsetzung einer Alternativplanung (die im Wettbewerb keine Rolle gespielt hatte). Noch zwanzig Jahre später feierte das Museum diesen Coup in einem Staatsakt. 2019 erhielt der Sainsbury Wing sogar den AIA-Award Twenty Five-Year-Award, da er sich als dauerhaft und robust erwiesen habe. Und jetzt – das lassen die Umbaupläne durchaus erkennen – würde das Museum den Anbau wohl am liebsten ersetzen.
Ideologischen Grabenkämpfen um die sogenannte Postmoderne geht die National Gallery geflissentlich aus dem Weg. Die Gründe für die Planungen seien praktischer Art, heißt es. Das bedeutet: größere Verkaufs- und Konsumflächen etwa in Form von Café und Merchandise-Shop. Denn das Museum muss Strategien entwickeln, um den von Kürzungen bedrohten Zuschussetat abzufedern. Gemessen an den Besucherzahlen, die sich vor Corona auf jährlich sechs Millionen beliefen, ist die National Gallery eines der erfolgreichsten Museen der Welt. Das aber gilt es aus Sicht der Museumsmanager in bare Münze umzuschmieden, ähnlich wie es das British Museum zum Millennium mit der Überbauung des Innenhofs durch Foster und Partners vorgemacht hat.
Ein Kuriosum ist dabei übrigens, dass der Umbauauftrag am Trafalgar Square an das deutsch-amerikanische Büro Selldorf ging. Kein wirklicher Big Shot, aber im Kulturbetrieb durch kleinere Museen bekannt, hat Selldorf unter anderem ab 2014 die Ausstellungsfläche des Museum of Contemporary Art im kalifornischen San Diego verdreifacht und beherzt in die ältere Substanz eingegriffen. Die stammte ebenfalls von Venturi und Scott Brown.
Zufall oder Verschwörung – im Moment herrscht in London die angespannte Ruhe vor dem Sturm. Dass die Baumaßnahme ohne Widerstand über die Bühne gehen wird, kann man sich kaum vorstellen, zumal allmählich auch dem breiten Publikum dämmert, dass das sogenannte „Update“ enorme Kollateralschäden nach sich zöge. Torpediert wird hier ein intellektuelles Gesamt-Bau-Kunstwerk, das die „Learnings“ der Wüste von Las Vegas in die historisch vielschichtige Londoner Innenstadt transponierte und ebenso vielschichtig auf diese Umgebung rea­gierte, sozusagen als gebaute Architekturkritik. Muss man diese kritische Spitze wirklich brechen, indem man das Haus an den Massentourismus anpasst?

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