Die Ellipse bleibt

Nach Monaten des Schweigens und der Zurückhaltung: der Wettbewerb für den Neubau des Sitzungssaals des Europäischen Parlaments ist – nun auch offiziell – entschieden.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    1. Preis JDSʼ Entwurf basiert auf der Ellipse des Altbaus.
    Abb.: Verfasser

    1. Preis JDSʼ Entwurf basiert auf der Ellipse des Altbaus.

    Abb.: Verfasser

    Der Bestand
    Foto: Stijn Bollaert

    Der Bestand

    Foto: Stijn Bollaert

    JDS Architects
    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    JDS Architects

    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    Grundriss 9.OG
    Abb.: Verfasser

    Grundriss 9.OG

    Abb.: Verfasser

    Querschitt
    Abb.: Verfasser

    Querschitt

    Abb.: Verfasser

    2. Preis Jabornegg & Pállfy Architekten und Kuehn Malvezzi Associates
    Abb.: Verfasser

    2. Preis Jabornegg & Pállfy Architekten und Kuehn Malvezzi Associates

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Auch zum Park hin öffnet sich das Gebäude mit ei­ner weitgehend gläsernen Fassade und der Terrasse.
    Abb.: Verfasser

    Auch zum Park hin öffnet sich das Gebäude mit ei­ner weitgehend gläsernen Fassade und der Terrasse.

    Abb.: Verfasser

    2. Preis Jabornegg & Pállfy Architekten + Kuehn Malvezzi Associates
    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    2. Preis Jabornegg & Pállfy Architekten + Kuehn Malvezzi Associates

    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    3. Preis Moreau Kusunoki Architects
    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    3. Preis Moreau Kusunoki Architects

    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    4. Preis Belvedere Architecture
    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    4. Preis Belvedere Architecture

    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    5. Preis A2M
    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

    5. Preis A2M

    Modellfoto: Hans Joachim Wuthenow, 2020

Die Ellipse bleibt

Nach Monaten des Schweigens und der Zurückhaltung: der Wettbewerb für den Neubau des Sitzungssaals des Europäischen Parlaments ist – nun auch offiziell – entschieden.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Dieser Wettbewerb des Europäischen Parlaments in Brüssel hat eine quälend lange Geschichte von Terminverschiebungen hinter sich und ist trotz seiner Bedeutung kaum bekannt. Die lange Zeit der Ungewissheit, des Wartens und des Embargos begann nach der Jurysitzung im Februar 2021.
Die Entwurfsaufgabe war keine geringere als der Neubau des Sitzungssaals und einer Reihe weiterer Nutzungen des Europäischen Parlaments in Brüssel, der „Herzkammer der europäischen Demokratie“. Damit fängt das Problem aus politischer Sicht schon an, denn der Hauptsitz des Parlaments befindet sich nicht in Brüssel, sondern in Straßburg. Das mag erklären, warum bestimmte politische Kreise diesem Wettbewerb wohl nicht die gebührliche Öffentlichkeit geben wollten (Bauwelt 13.2022). Tatsächlich fanden die Sitzungen während der Pandemie nur in Brüssel statt – besonders in Frankreich keimte die Sorge, Straßburg könne an Bedeutung verlieren; und wirklich wünschen sich viele der 705 Abgeordneten, dass Brüssel zum Hauptsitz wird – hier tagen die Ausschüsse, sind der Europarat und die Europäische Kommission präsent. Das Pendeln zu den vorgeschriebenen mindestens zwölf Jahressitzungen in Straßburg ist zudem hinsichtlich der Klimakrise schwer vertretbar.
Am 22. November 2022 fand in Straßburg der Festakt zum 70. Bestehen des Parlaments statt –mit der obligatorischen Ode an die Freude von Beethoven. Hätte hier nicht eine Ausstellung mit den Wettbewerbsergebnissen gepasst? Die Gelegenheit verstrich. Stattdessen begnügte man sich mit einer Online-Präsentation der fünf Preise – wohlgemerkt ein Jahr und neun Monate nach der Juryentscheidung. Zuvor war auch den Planungsteams untersagt gewesen, ihre Entwürfe zu zeigen. Mehrmals wurden Termine der Freigabe genannt und wieder verworfen. Sicherlich waren die Pandemie und drängende politische Themen für Europa in der letzten Zeit ein Hindernis. Außerdem gab es einen Wechsel an der Spit­ze des Parlaments: Seit Januar 2022 ist Roberta Metsola aus Malta Präsidentin. Die konkreten Gründe der sehr großen Verzögerung bei der Bekanntgabe bleiben jedoch Spekulation.
Mit oder ohne Bestand
Den Teams war freigestellt, aus der Struktur des Altbaus von 1993 (Bauwelt 40–41.1993) etwas Neues zu entwickeln oder am Standort einen kompletten Neubau zu planen. Der Altbau, das sogenannte Spaak-Gebäude, steht am Parc Léopold mit altem Baumbestand. Der elliptische Baukörper hatte funktionale, haustechnische und energetische Mängel und einen zu kleinen Sitzungssaal. Außerdem war der Bau am Park eher ein Monstrum als ein „offenes Haus“ – ge­-nau dieses Bild war dem Auslober nun wichtig.
Für die zweite Runde des Wettbewerbs wurden 15 Teilnehmer und Teilnehmerinnen ausgewählt. Die Jury unter Vorsitz von Dorte Mandrup vergab den ersten Preis an den Entwurf „Europarc“ von JDS Architects, Kopenhagen, mit Coldefy, Lille, NL Architects, Amsterdam, Carlo Ratti Associati, Turin, Ensamble Studio, Madrid, Util, Brüssel, und Ramboll, Kopenhagen. Das sehr breit aufgestellte Team (Wie soll das in der Folge mit der Zusammenarbeit funktionieren?) hat sich entschieden, die bauliche Struktur des Bestands teilweise zu verwenden; so bleibt etwa die Ellipse gut erkennbar. Die ursprüngliche Betonkonstruktion vom Erd- bis zum siebten Obergeschoss wird genutzt, wodurch sich der CO2-Fußabdruck verringert. Der obere Teil des Altbaus soll demontiert werden, um Platz für drei neue Geschosse zu schaffen, die vor allem den neuen Sitzungssaal aufnehmen. Für die Jury stellt das Konzept „ein Gleichgewicht zwischen alter und neuer Bauteile her, um Nachhaltigkeit und Funktionalität in Einklang zu bringen“. Viel Altes ist allerdings nicht zu sehen. Ein zentraler Punkt des Wettbewerbs, dem die Preisträger viel Beachtung schenkten, war – trotz verschärfter Sicherheitsauflagen –, im Erdgeschoss eine größtmögliche Durchlässigkeit vorzusehen. Die gewünschte Transparenz und Leichtigkeit des Gebäudes unterstützt auch die markante neue Hül­-le mit Diagonalgitter. Nach oben hin soll sich das Gebäude zudem „auflösen“.
Die Dachlandschaft soll grün, hügelig und für Besucher zugänglich sein. Schaffte es 1999 kein einziger Baum aufs Dach des Berliner Reichstagsgebäude, von Norman Foster, wird hier zeitgemäß der Naturraum erhöht und zelebriert. Das Herzstück, der Sitzungssaal, ist holzgetäfelt und liegt direkt unter diesem Dachgarten – Politik und Öffentlichkeit können sich „zu einem gemeinsamen Spaziergang“ treffen. Die Pflanzenarten des rundum „vergitterten“ Dachgartens sollen als verbindendes Element aus allen Mitgliedsstaaten stammen und zu einem „europäischen Ökosystem“ zusammenwachsen.
Der zweite Preis ging an das Team Jabornegg & Pálffy, Wien, mit Kuehn Malvezzi, Berlin, und Axis, Wien. Die Architekten entschieden sich für einen in Symbolik wie auch Organisation des Gebäudes klaren, überzeugend wirkenden Neuanfang. Ihr Gebäude setzt sich aus zwei weitgehend transparenten Volumina zusammen. Der Sitzungssaal des Parlaments im oberen Volumen mit Pultdach und ein weiterer Saal darunter öffnen sich als „Schaufenster der Demokratie“. Zwischen den beiden gläsernen Blöcken ist eine weitläufige Besucherterrasse vorgesehen. Die Jury lobte u.a. die „hervorragende Organisation der Funktionen“. Die Ebenen des Gebäudes sind streng spiegelsymmetrisch aufgebaut, bieten aber Flexibilität und erleichtern die Orientierung im Gebäude. Der Entwurf profitiert davon, sich frei zu machen vom Zwang der elliptischen Grundform des Altbaus und braucht auch kein Fassadengitter – ein mehrschichtiges „Gitter“ umgibt bereits den Neubau des Europäischen Rats von Philippe Samyn (Bauwelt 38.2014).
Internationaler, nicht-offener Wettbewerb
1. Preis (120.000 Euro) JDS Architects, Kopenhagen, mit Coldefy, Paris, NL Architects, Amsterdam, Carlo Ratti Asso­ciati, Turin, Ensamble Studio, Madrid, UTIL Struktuurstudies, Schaarbeek, Ramboll Danmark, Virum
2. Preis (100.000 Euro) Jabornegg & Pállfy Architekten, Wien, mit Kuehn Malvezzi Associates, Berlin, AXIS Inge­nieur­leistungen ZT, Wien
3. Preis (80.000 Euro) Moreau Kusunoki Architects, Paris, mit Dethier Architecture, Lüttich, sbp schlaich bergermann partner, Paris, ME Engineers, London
4. Preis (60.000 Euro) Belvedere Architecture, Paris, mit ARUP, London
5. Preis (40.000 Euro) A2M, Ixelles, mit VK architects + engi- neers, Saint-Gilles, C.F. Møller Architects, Aarhus
Weitere Teilnehmer (Teams um) Belvedere Architecture, Paris; A2M, Brüssel; Baumschlager Eberle Architektur, Liechtenstein; Cobe, Kopenhagen; Dominique Perrault Architecture, Paris; Helin & Co Architects, Helsinki; KAAN Architecten, Rotterdam; Neutelings Riedijk Architecten, Rotterdam; Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam; Renzo Piano Building Workshop, Paris; Shigeru Ban Architects, Tokio; Snøhetta, Oslo
Jury
Marilyne Andersen, Kristiaan Borret, Manuelle Gautrand, Dorte Mandrup (Vorsitz), Carme Pigem, Olot Kazuyo Sejima, Dimitri Tenezakis, Rainer Wieland, Pedro Silva Pereira, Rudy Vervoort, Bety Waknine
Auslober
Europäisches Parlament, unter Mitwirken von UIA – Union Internationale des Architectes
Koordination
[phase eins], Berlin

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