Am Ende einer Spinnerei

Seit Kurzem heißt der Weg hinter der Leipziger Baumwollspinnerei nach Oscar Niemeyer. Auch ohne den Straßennamen ist das dort posthum entstandene Spätwerk kaum zu übersehen.

Text: Mausbach, Therese, Berlin

Das Runde muss ans Eckige. In Leipzig-Plagwitz hat ein Kranunternehmen seine Betriebskantine durch einen kugelförmigen Entwurf von Oscar Niemeyer erweitert.
Foto: Margret Hoppe

Das Runde muss ans Eckige. In Leipzig-Plagwitz hat ein Kranunternehmen seine Betriebskantine durch einen kugelförmigen Entwurf von Oscar Niemeyer erweitert.

Foto: Margret Hoppe


Am Ende einer Spinnerei

Seit Kurzem heißt der Weg hinter der Leipziger Baumwollspinnerei nach Oscar Niemeyer. Auch ohne den Straßennamen ist das dort posthum entstandene Spätwerk kaum zu übersehen.

Text: Mausbach, Therese, Berlin

Ludwig Koehne erinnert sich auf die Minute genau: am 30. Juni 2020 um 17.35 Uhr war der Bau vollends abgeschlossen. Der Geschäftsmann und Bauherr bewies in den letzten neun Jahren beharrlichen Unternehmergeist, überschüssige Liquidität sowie ungebrochene Begeisterung für die Umsetzung einer Niemeyer-Entwurfszeichnung zu seiner ungewöhnlichen Kantinenerweiterung.
Der Weg führt in den Westen von Leipzig, nach Plagwitz. Hier haben sichKunst- und Kulturquartiere in den ehemaligen Industriearealen wie dem Westwerk oder der Baumwollspinnerei angesiedelt. An ihrer Backsteinmauer entlang fällt der Blick auf eine große Kugel. Am Ende der Spinnerei beginnt dann das Werksgelände von Ludwig Koehne. Sein Maschinenbauunternehmen, das insbesondere Kräne, Schlackentransporter und Straßenbahnen herstellt, heißt Kirow. Koehne ist sich dem kreativen Umfeld bewusst und vermietet wie seine Nachbarn ebenfalls Ateliers an Künstler. Vor 35 Jahren lieferte Koehne Kräne nach Rio de Janeiro. Als er Niemeyers Architektur entdeckte, war er hellauf begeistert. Er suchte den Kontakt und bat den brasilianischen Altmeister für sein Werksgelände um den Entwurf eines großzügigen Tanz- und Speisesaals mit schönem Ausblick. Niemeyer lud daraufhin den Unternehmer zum Kennenlernen zu sich an dieCopacabana ein und schlug mit seinem allzu bekannten Filzstift vor, eine Kugel an der Oberkante des hundert Jahre alten Backsteinbaus zum Schweben zu bringen.
Es wäre nur ein Satellit in Plagwitz, wenn dazu das zweite weitaus größere Koehne-Projekt von Oscar Niemeyer auch realisiert worden wäre. Daraus wurde aber nichts. In Ulm planten die Kirow Werke ursprünglich den Hauptsitz der Kranunion, einem Verbund dreier Spezialhersteller. Niemeyers Pläne zeigen einen geschwungenen, flachen Betonbau entlang eines Sees, der zum Eingang hin mit einer weißen Halbkugel verschmelzt. Dunkle Glasflächen wie in Leipzig finden ebenfalls Verwendung. 2012, kurz vor seinem 105. Geburtstag, verstarb Oscar Niemeyer. Seinem Wunsch folgend setzte sein Büroleiter Jair Valera die Handzeichnung gemeinsam mit dem in Plagwitz ansässigen Architekten Harald Kern in einen ausge­arbeiteten Entwurf um. Nun thront auf einem ziegelrot durchgefärbten Schaft aus Beton eine weiße Kugel des gleichen Materials. Die zwanzig Zentimeter dicke Außenschale wurde aus drei Teilen gegossen und mit einem Durchmesser von 12 Metern zusammengefügt. Oberhalb wie unterhalb kleidet dunkles Glas die neue Gastronomie, dessen Fensterausschnittan die Naht eines Tennisballs erinnert. 147 dreieckige Scheiben lieferte die Firma Merck aus Flüssigkristallglas, um in Buckminster-Fuller-Manier der runden Form treu zu bleiben. Koehne liebt Technik: In Sekundenschnelle lässt sich der Lichteinfall steuern, und eine spezielle Dämmung schützt vorHitze wie vor Kälte. Den späten Baubeginn im April 2017 begründet das Unternehmen mit der besonderen bautechnischen Herausforderung des Projekts. Die Baugenehmigung stellte eine weitere Herausforderung dar. Nun dockt die Sphere unverfroren am Backsteingebäude der alten Betriebskantine an. Sie steht für jedermann offen und ihr Menü bietet – wie soll es anders sein – hausgemachte Kirow Bowl. Die darüber liegende Ebene des historischen Kesselhauses erweitert die Küche zur Vorbereitung von servierfertigen Speisen und führt mit einer Personaltreppe zur Kugel. Laut Kern war das sächsische Denkmalamt einverstanden mit der gewagten Anfügung, sofern sie im Kontrast zum Bestand stehe. Schon jetzt bei Fertigstellung ist sie in der Datenbank der Behörde zu finden. Gute Pers-pek­tiven um einmal selbst zum Kulturdenkmal aufzusteigen! Eine am alten Klinker klebende Kugel gibt es in Niemeyers Œuvre noch nicht. Dass Koehne noch vor der Fertigstellung mit seiner Kantinen-Kugel den Karl-Heine-Preis für Industriekultur in Empfang genommen hat, lässt Großes erwarten!
Schaut man zurück, so hegt der Freistaat Sachsen bereits seit Ende der Zwanziger eine Sympathie für Kugelhäuser. Der Architekt Peter Birkenholz fertigte ambitionierte Entwürfe an (mitunter für ein kugelrundes Hotel für die Messebesucher in Leipzig), realisiert werden konnte schließlich nur eine Kugel mit 30 Metern Durchmesser für Dresden. Aufgrund der aufwendigen Konstruktionsweise und der am Ende doch ungünstig ausfallenden Nutzungsmöglichkeiten, bleibt die runde Form vor allem ein Hingucker.
Bei Kirow führt eine geschwungene Öffnung an der Westseite des Betonschafts zu einem Aufzug, mit dem der Gast zur unteren Kugelhälfte gelangt. Dort, also südlich des Äquators, bildet eine weinrote Bar den Kern des Ganzen. Auf marmorner Oberfläche findet der Ausschank statt. Eine Wendeltreppe führt in die obere Kugelhälfte. Beim Besuch ertönt laute Musik. Die Technik übt für den Abend. Automatisch öffnet die Tür zu einer ausgedehnten Dachterrasse in nordöstlicher Richtung. Den Speise- und Barbereich schmücken Niemeyers Skizzen. Sie spielen wie bekannt auf weibliche Silhouetten an.
Die Kantine hat nun also eine exklusive Erweiterung erhalten. Essen kannman derzeit hier aber nicht. Das Personal speist momentan am Arbeitsplatz, denn die Hygiene schreibt es so vor. Dennoch wirken die Mitarbeiter sehr erquickt über die Vollendung des langjährigen Bauprojekts, das dem Weltmarktführer für Eisenbahnkräne veranlasste, seinen Markennamen zu „Techne Sphere Leipzig“ auszubauen. Eine ähnliche Idee für eine „Sushi Sky Lounge“ auf dem Dach des alten Kraftwerks von VW in Wolfsburg von Gunter Henn blieb unverwirklicht. Die Kugel ist ein Exot in Plagwitz, ein kurioses Souvenir, das aber Lust auf den Besuch von weiteren Bauten Niemeyers macht. Das Eingangsfoyer der Verwaltung von Kirow collagiert eine blasse Auftragsarbeit von Robert Rauschenberg. Koehne muss ein Händchen für Spätwerke besitzen.
Fakten
Architekten Niemeyer, Oscar (1907–2012)
aus Bauwelt 15.2020
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