Atari-Nerds und Buchhändler

Boris Schade-Bünsow sorgt sich um die heterogene Stadt und die Vielfalt der Straße

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin

Boris Schade-Bünsow sorgt sich um die heterogene Stadt und die Vielfalt der Straße

Boris Schade-Bünsow sorgt sich um die heterogene Stadt und die Vielfalt der Straße


Atari-Nerds und Buchhändler

Boris Schade-Bünsow sorgt sich um die heterogene Stadt und die Vielfalt der Straße

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin

Liebe Eltern, Kinder und Freunde der Schachschule, schieben Sie bitte Ihre Briefe unter der Jalousie durch. Um die weitere Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, bleibt unser Geschäft vorerst geschlossen.“ Nachrichten, ähnlich wie diese, stehen derzeit an praktisch jedem Ladenlokal in den Innenstädten Deutschlands. Hinter den nun verschlossenen Türen verbergen sich Cafés, Nagel- und Tattoo-Studios und Anbieter kosmetischer Fußpflege. Supermärkte und Tante-Emma-Läden, Eisdielen, Bäcker, italienische, indische, spanische, deutsche, türkische und chinesische Restaurants sowie italienische, indische, spanische, deutsche, türkische und arabische Friseure. Wäschereien, Take-away und To Go-Shops. Allen gemein ist, dass sie durch die Corona-Krise unter enormem, wirtschaftlichem Druck stehen, für alle ist zu hoffen, dass sie das überstehen und ihre Geschäfte fortsetzen können. Allen gemein ist aber auch, dass sie mit ihren Ladenlokalen maßgeblich den urbanen Charakter der Innenstädte prägen. Eine heterogene Innenstadt entsteht durch diese Vielfalt aber noch nicht, es fehlen die Schach- und Sprachschulen, Reisebüros, Buchhändler, Philatelisten, Kostümverleiher, DJ-Equipment-Services, Druckereien und Copyshops, Teppichverkäufer, Haushalts- und Künstlerbedarfsläden. Und viele mehr, zum Beispiel Süßwarenmanufakturen, E-Zigarettengeschäfte, Vinyl-LP-Stores, Vintageläden für Mode, Sonnenbrillen oder Möbel, für HiFi-Geräte-Enthusiasten, es fehlen die C64-, Amiga-, Atari-Nerds, die ihre Schätze in analogen PC-Shops anbieten, es fehlen die Cineasten mit ihren Filmverleihgeschäften und es fehlen die Fotolabore. Nur mit all diesen ist das Erdgeschoss komplett. Für die letztgenannten ist die Krise auch deswegen existenzbedrohend, weil ihre Geschäfte durch digitale Angebote ersetzt werden können und schon werden. Wenn sie nicht überleben und die Innenstädte und das Erdgeschoss verlassen müssen, dann überlebt auch die heterogene Stadt, wie wir sie uns wünschen und wie wir versuchen, sie am Leben zu halten, nicht. Die Zukunft der Stadt wird homogener und langweiliger werden, ohne die individuellen Erdgeschoss-Entrepreneure.

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