Zentralbibliothek in Helsinki


Mit einem schwungvollen Bibliotheksgebäude komplettieren ALA einen prestigeträchtigen Platz in Helsinki. „Oodi“ ist aber weit mehr als eine Bücherhalle, sie ist dazu an­gelegt, alle Aspekte von Wissen und Lernen im Fluss zu halten. Das schaffen die Architekten und Bibliothekare durch die Kombination von praktischen, lehrreichen und unterhaltsamen Angeboten sowie einer Architektur, die dazu einlädt, sie zu benutzen.


Text: Landes, Josepha, Berlin


    Aus dem Foyer fällt der Blickauf das finnische Parlament.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Aus dem Foyer fällt der Blickauf das finnische Parlament.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Die Bibliothek „Oodi“ liegt zwischen Helsinkis Hauptbahnhof und einem Platz, der als Kulturforum der Stadt gelten kann, dem „Kansalaistori“. Über dem Haupteingang kragt ein Balkon aus, der als „Terrasse des Volkes“ dem Regierungsbau Paroli bietet.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Die Bibliothek „Oodi“ liegt zwischen Helsinkis Hauptbahnhof und einem Platz, der als Kulturforum der Stadt gelten kann, dem „Kansalaistori“. Über dem Haupteingang kragt ein Balkon aus, der als „Terrasse des Volkes“ dem Regierungsbau Paroli bietet.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Das Gebäude lädt Flaneure ein zu entdecken.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Das Gebäude lädt Flaneure ein zu entdecken.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Eine Rolltreppe, deren gelbe Handläufe das alltägliche Element hervorheben soll, ...
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Eine Rolltreppe, deren gelbe Handläufe das alltägliche Element hervorheben soll, ...

    Foto: Tuomas Uusheimo

    ... verbindet neben einer doppelläufigen, schwarz gewandeten Wendeltreppe drei Etagen: Stadtplatz, Work-shop und Bücherhimmel.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    ... verbindet neben einer doppelläufigen, schwarz gewandeten Wendeltreppe drei Etagen: Stadtplatz, Work-shop und Bücherhimmel.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Den Raum der mittleren Ebene prägt das hölzern verkleidete Stahl-Fachwerk.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Den Raum der mittleren Ebene prägt das hölzern verkleidete Stahl-Fachwerk.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Bücherhimmel finden die Besucher Rückzugsorte und verschiedene Konfigurationen von Mobiliar ...
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Bücherhimmel finden die Besucher Rückzugsorte und verschiedene Konfigurationen von Mobiliar ...

    Foto: Tuomas Uusheimo

    ... und Einbauten, die effizientes Arbeiten, Schmökern oder Austausch mit Anderen zulassen.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    ... und Einbauten, die effizientes Arbeiten, Schmökern oder Austausch mit Anderen zulassen.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Die obere Ebene ist locker mit Regalen bestückt.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Die obere Ebene ist locker mit Regalen bestückt.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    An den Kurzseiten hebt sich der Boden, was Raum für Nebenräume ergibt.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    An den Kurzseiten hebt sich der Boden, was Raum für Nebenräume ergibt.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Mittelgeschoss können die Bürger Separees und Studios mieten.
    Foto: Josepha Landes

    Im Mittelgeschoss können die Bürger Separees und Studios mieten.

    Foto: Josepha Landes

    Technische Labore sind mit dem neuesten Stand der Technik ausgestattet.
    Foto: Josepha Landes

    Technische Labore sind mit dem neuesten Stand der Technik ausgestattet.

    Foto: Josepha Landes

    Die Bücher-Abfertigung verläuft fast voll-automatisiert.
    Foto: Josepha Landes

    Die Bücher-Abfertigung verläuft fast voll-automatisiert.

    Foto: Josepha Landes

    Die Sanitärräume im Untergeschoss sind unisex angelegt und barrierefrei ausgestattet.
    Foto: Josepha Landes

    Die Sanitärräume im Untergeschoss sind unisex angelegt und barrierefrei ausgestattet.

    Foto: Josepha Landes

    Im Bücherhimmel kann man auch anderen Interessen als dem Lesen nachgehen: Kinder zweckentfremden die Rampen als Rutschen, und der Ausblick lohnt den Ausflug aufs Oberdeck.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Bücherhimmel kann man auch anderen Interessen als dem Lesen nachgehen: Kinder zweckentfremden die Rampen als Rutschen, und der Ausblick lohnt den Ausflug aufs Oberdeck.

    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Foyer können sich Besucher über die Bibliothek, die Stadt und die EU informieren. Spielflächen, Cafés und Veranstaltungsräume machen den Ort zu einem attraktiven Indoor-Stadtplatz.
    Foto: Tuomas Uusheimo

    Im Foyer können sich Besucher über die Bibliothek, die Stadt und die EU informieren. Spielflächen, Cafés und Veranstaltungsräume machen den Ort zu einem attraktiven Indoor-Stadtplatz.

    Foto: Tuomas Uusheimo

Wörtlich bedeutet Bibliothek „Buch-Behälter“ – Bücher: Inkarnation des Wissens. Wen wundert, dass Bibliotheken der Gegenwart, wo das Wissen längst aus den Büchern hinausgeschwappt ist, sich neu erfinden ­– als Wissens-Behälter. In Helsinki eröffnete im Dezember ein solches Gebäude. Konzipiert wurde die neue Zentralbibliothek der Stadt von ALA Architects. Die Helsinkier waren 2013 als Gewinner aus einem zweiphasigen Realisierungswettbewerb hervorgegangen (Bauwelt 29–30.2013). Der Name der Bibliothek, „Oodi“, weist ihr die Funktion einer Ode an Wissenund Demokratie zu. Sie ist ein öffentlicher Raum für die Bürger, wo Wissen, Bildung und Miteinander rund um Bücher, aber eben auch um neue Medien und Tätigkeiten, ranken.
Die Bibliothek bereichert ihren Bücherschatz, der aus einer dynamischen Sammlung von circa 100.000 Büchern besteht, um institutionelle Anlaufpunkte der EU und der Stadt Helsinki, Werkstätten für digitale Arbeitstechniken, Musik- und Filmstudios, offene Arbeitsplätze, an denen die Bürger sich gegenseitig beim Umgang etwa mit Nähmaschinen und Computern helfen, Räume für Treffen von Interessengruppen verschiedenen Umfangs und eine Nachbarschaftsküche.
Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des von Eliel Saarinen (1873–1950) entworfenen und 1919 eröffneten Hauptbahnhofs. Es bildet den östlichen Abschluss des Kansalaistori-Platzes, der sich zwischen dem finnischen Parlament aus dem Jahr 1906, als Finnland noch unter russischer Herrschaft stand, dem Musik-Zentrum „Musiikkitalo“ von LPR (2011) und Steven Holls Museum für Gegenwartskunst „Kiasma“ (1998) spannt. Zudem nur einen Steinwurf entfernt von Alvar Aaltos Finlandia-talo (1971), einer Konzert- und Kongresshalle, deren Name auf einer sinfonischen Dichtung Jean Sibeliusʼ gründet, hält dieser Platz ohne Bedenken als finnisches Kulturforum her. ALA reihen ihren schwungvollen Baukörper hier in eine Reihe von Architektur ein, deren Bausteine über die Jahrzehnte hinweg stets auch Finnlands kultur-politischem Standpunkt Ausdruck verliehen haben.
Oodis äußere Form und Material lassen mannigfaltige Assoziationen zu: Die parametrisch entwickelte Form, verkleidet mit viel Holz und gespickt mit viel Glas, erinnert an den Durchbruch der Architekten, das 2012 im norwegischen Kristiansand eröffnete Zentrum für Darstellende Künste „Kilden“. Das sanft sich, wie in Wogen, hebende und senkende Dach, das ähnlich einer Baiser-Schicht den Abschluss bildet, ruft zum Beispiel Gedanken an die Hamburger Elbphilharmonie wach. Das Zusammenspiel von hölzernem Rumpf und leichter Haube lässt ein Ringen zwischen See und Schiff ausmachen, ein Bild, das sich im Innern fortdenken ließe. Jedoch, solch bildhafte Vorstellungen verbitten sich die Architekten mit dem Verweis auf eine rein konzeptuelle Herleitung – die Schwünge der Fassade seien ein Mittel zum Zweck, dem Gebäude den öffentlichen Raum einzuverleiben: So wie der Zugang im Erdgeschoss hineingestoßen ist und den Vorplatz ins Gebäude holt, gibt der darüber auskragende, weitläufige Balkon dem Gebäude Außenfläche zurück. Ob die Anleihen, die das Gebäude an die Finlandia-talo vorweist, im Sinne der Schöpfer sind, lässt sich nur vermuten. Denkbar scheint, dass das umlaufende Fensterband hinter der teils perforierten Holzlamellenwand, das beide Gebäuden vorweisen, kein Zufall ist.
Über drei Etagen staffeln ALA im Inneren ihres Gebäudes Stadtplatz, Workshops und Bücherhimmel, verbunden durch eine doppelläufige, schwarze Spiraltreppe und eine Rolltreppe mit gelbem Handlauf. Jede Ebene befindet sich in stetem Fluss diverser Einflüsse. Im Erdgeschoss sind das die Ereignisse, die aus dem Außenraum hinein dringen: ein Fest, der Winter, Tag oder Nacht. Im langgestreckten, weitgehend offenen Foyer bietet sich die Möglichkeit, mittels mobiler Trennwände einen Veranstaltungsraum einzuziehen. Zudem ist im nördlichen Abschnitt ein Kinosaal untergebracht, den die Bibliothek außerhalb der Spielzeiten vermietet.
Im Zwischengeschoss, der sogenannten Mansarde, fügen sich rund um eine Lernlandschaft eingestellte Räume zwischen das massige, hölzern verkleidete Stahltragwerk. All diese Räume stehen den Bürgern kostenfrei für diverse Aktivitäten zur Verfügung. Diese Aktivitäten halten das Zwischengeschoss im Fluss: Auf textil belegten Stufen machen Schüler ihre Hausaufgaben. In kleinen Separees treffen sich junge Eltern, um Kleinkinder in den Schlaf zu wiegen, in größeren versammelt sich ein Seniorenkreis. Die Küche dient zum kulinarischen Beisammensein. In den Kork-gewandeten Studio-Einbauten proben Musiksternchen der Zukunft oder tüfteln die Mitglieder eines Fotoclubs. Aus Schaukelstühlen folgen die Blicke Verweilender dem Strom derer, die es nach oben zieht, in den Bücherhimmel.
Dort auf der oberen Ebene sind es die Lichtverhältnisse und die freie, landschaftliche Anordnung des Mobiliars, die das Fließen von Bewegung und Gedanken unterstützen. Die Atmos­phäre des Raumes unter einer gewellten weißen Decke ändert sich unablässig. Ein leichter Motivdruck, der wie Schnee über der Fensterfront liegt, trägt zum Changieren des Lichts bei. Er mildert auch im Sommer das Blenden der Sonne ab. Von außen gesehen dient er zudem, die Schwerelosigkeit des Daches zu erhalten.
Der Bücherhimmel ähnelt dem Inneren von OMAs Qatar National Library in Doha: die gleichen Regale aus weiß lackiertem Aluminium, die gleiche Kombination von kompakten Bündeln dieser Regale, unterbrochen von freien Flächen, wo Verweilen, Zerstreuung und Austausch möglich werden. An den kürzeren Enden des langen Raumes hebt sich der Boden und umspült auf einer Seite einen Spielbereich, auf der anderen eine Tischgruppe, die zum konzentrierten Arbeiten angelegt ist. Die Stelle, wo sich die Ecke zum Platz hin hebt, nennen die Mitarbeiter von Oodi ihre Titanic-Spitze. Es ist einer der beliebtesten Orte der Bibliothek. Die Längsseite, zum Platz hin, flankiert ein Balkon – die „Terrasse des Volkes“, da auf Augenhöhe mit dem Parlament liegend. Gen Westen gerichtet, soll hier in Sommernächten gefeiert werden. Des Winters mummeln sich Besucher in Drehsessel hinter dem Panoramafenster und schwelgen in literarischen Welten.
Farben und Material der Innenausstattung bewegen sich innerhalb eines von der Natur inspirierten Spektrums, kontrastiert mit Weiß, Schwarz, Aluminium und gelben Akzenten an der Rolltreppe. In skandinavischer Designmanier gemusterteTeppiche und hochwertiges Mobiliar sind mit Bedacht gewählt. An Oodi zeigt sich die Verbindlichkeit des öffentlichen Bauherrn, das Steuergeld der Bürger für deren Bedürfnisse umzusetzen. Sicher kompensiert das Angebot in Oodi Defizite an anderen Stellen, etwa auf dem teuren und engen Wohnungsmarkt, nicht vollends, die Konsequenz aber, mit der bei diesem Bau Qualität und Gesellschaftsraum an erste Stelle gestellt wurden, beeindruckt. Das Konzept des Gebäudes scheint einem Entwurfsworkshop entsprungen, fußt aber auf expliziten, im Beteiligungsverfahren von den Bürgern zusammengetra­genen Wünschen, die tatsächlich Beachtung fanden.



Fakten
Architekten ALA Architects, Helsinki; Saarinen, Eliel (1873–1950)
Adresse Töölönlahdenkatu 4, 00100 Helsinki, Finnland


aus Bauwelt 5.2019
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