Bauwelt

Wohnhaus in Radebeul


Am Rand von Radebeul haben Summacumfemmer ein Wohnhaus aus der vorletzten Jahrhundertwende überarbeitet – mit einer Freude an der Gestaltung auch kleinster Details, die, weit entfernt von jeder DIY-Ästhetik, zwischen Arts & Crafts-Erinnerungen und Postmoderne changiert.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Vom grauen Entlein zum stolzen Schwan – die Talseite des Hauses vor ...
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Vom grauen Entlein zum stolzen Schwan – die Talseite des Hauses vor ...

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... und nach dem Umbau
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    ... und nach dem Umbau

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Viel Tageslicht fällt durch die kleinen, die tatsächli-che Geschossigkeit überspielenden Sprossenfenster des neuen Giebels der Talfassade in die Küche.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Viel Tageslicht fällt durch die kleinen, die tatsächli-che Geschossigkeit überspielenden Sprossenfenster des neuen Giebels der Talfassade in die Küche.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Die Außentreppe hinunter in den Garten haben Summacumfemmer in die Diagonale gedreht.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Die Außentreppe hinunter in den Garten haben Summacumfemmer in die Diagonale gedreht.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Den Wohnraum haben Summacumfemmer mit der Multiplikation der vorhandenen Fenster über Eck nach Süden, ins Elbtal, ...
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Den Wohnraum haben Summacumfemmer mit der Multiplikation der vorhandenen Fenster über Eck nach Süden, ins Elbtal, ...

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... maximal geöffnet, ohne das Prinzip „Lochfassade“ aufzugeben.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    ... maximal geöffnet, ohne das Prinzip „Lochfassade“ aufzugeben.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Die kleinen Quadratsprossenfenster sind ein prägendes Element des Umbaus, sie finden sich in der Fassade wie im Inneren und verfremden den Maßstab.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Die kleinen Quadratsprossenfenster sind ein prägendes Element des Umbaus, sie finden sich in der Fassade wie im Inneren und verfremden den Maßstab.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Huch, was ist denn das? Halbkreis- und dreieckförmige Fenster (wie hier an der Südostecke) lassen an das Formenvoka-bular der Postmoderne denken.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Huch, was ist denn das? Halbkreis- und dreieckförmige Fenster (wie hier an der Südostecke) lassen an das Formenvoka-bular der Postmoderne denken.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Der Hangseite schenkten Summacumfemmer ...
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Der Hangseite schenkten Summacumfemmer ...

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... einen Doppelgiebel ...
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    ... einen Doppelgiebel ...

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... unter dem opulent auskragenden Krüppelwalm.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    ... unter dem opulent auskragenden Krüppelwalm.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Der Eingangsbereich unter der Treppe ins Obergeschoss.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Der Eingangsbereich unter der Treppe ins Obergeschoss.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Der schlichte Nordgiebel bekam einen komplett neuen Erker spendiert.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Der schlichte Nordgiebel bekam einen komplett neuen Erker spendiert.

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Die ursprünglichen kleinen Halbkreisfenster ...
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    Die ursprünglichen kleinen Halbkreisfenster ...

    Foto: Summacumfemmer

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... finden sich in dessen großer Verglasung aufgegriffen.
    Foto: Summacumfemmer

    • Social Media Items Social Media Items
    ... finden sich in dessen großer Verglasung aufgegriffen.

    Foto: Summacumfemmer

Ältere Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht noch an die Anfänge der „Sesamstraße“. Die Kinderserie erklärte so anschaulich wie humorvoll Phänomene wie „leicht“ und „schwer“, doch widmete sie sich ab und an auch Fragen von größerer Brisanz. In der ersten in Deutschland ausgestrahlten Folge etwa – es war der 8. Januar 1973 – sah das Publikum Ernie und Bert über den Verbleib eines Stücks Schokoladenkuchen streiten. Die Zuschauenden hatten zu Beginn der Szene Ernie dabei beobachten können, wie dieser sich die Krümel der soeben verspeis-ten Leckerei vom Mund wischte und noch mit Kuchengabel und Serviette in der Hand am Tisch saß, als sein Freund Bert den Raum betrat, der sich den Kuchen als Nachtisch aufbewahrt hat-te. Als dieser, von den unübersehbaren Indizien geleitet, Ernie beschuldigte, seinen Kuchen verspeist zu haben, konterte jener mit einer alternativen Erzählung: Ein Monster sei hereingekommen, habe den Kuchen zerkrümelt, die Stücke dann heruntergeschlungen, sich das Maul ab-gewischt und zuletzt ihm, Ernie, Serviette und Gabel in die Hand gedrückt, bevor es, kurz vor Berts Erscheinen, geflohen sei. „Ist deine Geschichte nicht etwas zu weit hergeholt, Ernie, etwas zu weit?“, fragt Bert süffisant. „Nun ja, etwas ungewöhnlich für ein Monster, das gebe ich zu – aber ... es könnte so gewesen sein“, ver-teidigt sich Ernie. Um dann, als Bert wütend von dannen gezogen, verschmitzt zu ergänzen: „Es ist nicht so gewesen, aber: können könnte es!“
Alternative und gefühlte Wirklichkeiten sind fünfzig Jahre später auch außerhalb des Kinderfernsehens hoch im Kurs, und das legt nahe, dass diese Vermehrung der Weltwahrnehmung irgendwann auch im künstlerischen und kultu-rellen Raum bearbeitet wird. Im Metier der Architektur galt lange der Grundsatz, verschiedene Zeitschichten ablesbar zu gestalten, mit der berüchtigten Fuge aus Glas, die Alt und Neu sauber trennt und ein Sich-Vertiefen in die Regeln und Gestaltprinzipien des Vorgefundenen unnötig macht. So schlicht (und pädagogisch) agieren reflektiertere Entwerfende zwar schon länger nicht mehr, den Lauf der Zeit aber gänzlich in Frage zu stellen und ein quasi posthistorisches Verwirrspiel mit den Elementen eines Gebäudes zu treiben, haben sich bislang kaum je deutsche Architektinnen und Architekten getraut.
Auftritt Summacumfemmer. Die beiden Leip-ziger haben sich ein historistisches Wohnhaus vorgeknöpft, um sich an eben solchem Spiel zu versuchen. Leitend beim Entwurf war der Wunsch, die bereits zu DDR-Zeiten vereinfachte Architektur des einst von einem Knopffabrikanten errichteten Hauses nicht weiter zu ab-strahieren, sondern im Gegenteil wieder anzu-reichern, mit neuen Elementen und, oh Schreck, mit Ornamenten. Interessant ist dieser Ansatz weniger als solcher – Rekonstruktionsprojekte landauf, landab haben die Fachöffentlichkeit inzwischen abgehärtet gegen die Wiederkehr des Vergangenen –, sondern aufgrund seiner spezifischen Justierung: Es ging nicht um die Wiederannäherung an einen verlorenen Urzustand, sondern um das Weiterdenken der Architektur, um das Ausprobieren von Formen, Details, Raumbezügen. „Wir wollten das arg zusammengestutzte Gebäude wieder vibrieren lassen. Nicht im Sinne einer Rekonstruktion, sondern mit persönlichen Ausdrucksmitteln, die trotzdem die Möglichkeit beinhalten, dass es schon immer so gewesen hätte sein können“, erläu-tert das Büro seinen Ansatz.
In Radebeul, so ließe sich sagen, haben Summacumfemmer das „Reuse“- und „Recycle“-Prinzip, mit dem sie 2023 den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig mitgestaltet haben (Bauwelt 11.2023), auf den Umgang mit Referenzen angewendet. Steht man vor der Talseite des unterhalb der Radebeuler Weinberge gelegenen Wohnsitzes eines Empty-Nester-Paars, wird schnell klar, dass diese Beziehungen grenzüberschreitend aufgenommen wurden – wen erinnert der gestufte gläserne Erker mit seinen kleinen quadratischen Fenstern nicht an englische Landhäuser der Arts & Crafts-Bewegung? Hermann Muthesius hat diese Häuser hierzulande zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner opulenten dreibändigen Publikation „Das Englische Haus“ populär gemacht, mit starken Wirkungen auf den Villenbau im späten Kaiserreich; Florian Summa und Anne Femmer haben sie bei Aufenthalten in England sowie mit Professoren wie Adam Caruso und Peter St John an der ETH Zürich studiert. Doch sind es mehr noch die kleinen Unregelmäßigkeiten und gestalterischen wie funktionalen Details, die die experimentelle Herangehensweise deutlich machen. Nichts ist, was es scheint, sollte man beim Betrachten im Hinterkopf haben: Was alt wirkt, könnte neu sein, was neu daherkommt, war vielleicht schon immer da, was massiv-steinern aussieht, ist vielleicht ein Holzskelettbau.
Der größte Eingriff aber ist räumlicher Natur und betrifft die komplette Neuorganisation des Inneren. Ursprünglich bestimmte eine Erschließung in der Mittelachse mit Zimmern auf beiden Seiten den Grundriss. Nun wurde diese Zone zu einem verdichteten Kern, in dem sich das Bad und die (erhaltene) Treppe ins Obergeschoss verbergen: Man läuft nicht mehr mitten durchs Haus, sondern um dieses Zentrum herum. Die Küche mit ihrem freistehenden Block wurde in diesen Rundlauf integriert.
So auffällig-unauffällig der „Dress-up“ des Hauses von außen, so wenig 19. Jahrhundert hat nun noch im Wohnbereich Platz. Der Raum ist dank einer großen Verglasungen über Eck weit ins Tal geöffnet und von Tageslicht geflutet. Vor der Glasfassade stehen die Öffnungen der ursprüng-lichen Lochfassade und deren Copy-paste-Vervielfältigung durch Summacumfemmer.
Intimer (und dank der – neuen?, aufgearbeiteten? – Deckenmalerei näher an der Stimmung historistischer Wohnhäuser) wirkt dagegen der Raum auf der Nordseite. Doch auch er wurde aufgewertet, und zwar durch einen neuen Erker in der Giebelfassade. Dessen quadratische Fenstersprossung setzt sich fort im Übergang
in den angrenzenden Raum.
Die komplette Antithese zum Wohngeschoss ist dagegen der im neuen Dachstuhl entstandene Raum. Voneinander sorgfältig geschiedene Räume unterschiedlichen Charakters gibt es hier höchstens in Gestalt einer kleinen Saunakabine; schon die Dusche aber ist zum Hauptraum geöffnet. Summacumfemmer treiben ihr manieristisches Verwirrspiel mit der Wahrnehmung von Zeit hier oben weiter ins Konstruktiv-Tektonische: Das gewaltige Kreuz aus Leimbindern liegt in Ost- und Westfassade scheinbar auf Fenstern auf. Auf dieser Linie liegt auch der Einsatz der dunkelbraunen Farbe, die im Erdgeschoss Neues und Altes unterschiedlicher Materialität überzieht – „Material–echtheit war nicht das Thema“, so die Architektin.
„Hätte es nicht den Bestand gegeben, hätten wir uns nie getraut, solche Formen, Profile und Gesimse zu zeichnen ... Als Weiterentwicklung des Bestands erschien es uns möglich“, schreiben Summacumfemmer. Um den privaten Wohnhausbau aus seiner derzeitigen Misere zu befreien, braucht es in der Tat Mut, Neugier, Phantasie und gestalterisches Feingefühl. In Deutschlands Einfamilienhausgebieten herrscht an all dem kompletter Mangel, und es besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass diese Aufgabe für die Architektur zurückgewonnen werden könnte. Das Haus in Radebeul hält dem entgegen: Vielleicht kann es das nicht, aber – können könnte es!



Fakten
Architekten Summacumfemmer, Leipzig
Adresse Radebeul


aus Bauwelt 3.2026
Artikel als pdf

0 Kommentare


loading
x

3.2026

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.