Wohnhaus in der Kloppstockstrasse in Zürich
Sommerurlaub auf Balkonien oder Silvesterfeuerwerk zum Jahreswechsel – der Balkon hat seine Nebenrolle längst abgelegt. Das 2024 fertiggestellte Wohngebäude an der Klopstockstrasse in Zürich von Michael Meier und Marius Hug Architekten macht deutlich: Balkone und Loggien sind weit mehr als ein Freisitz, sie sind Vermittlerinnen zwischen innen und außen, privat und öffentlich, Rückzug und Teilhabe.
Text: Minet, Paulina, Konstanz
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Das Abschneiden der Spitze bildet einen kleinen Vorplatz aus, den das Café im Erdgeschoss nutzt.
Foto: Roman Keller
Das Abschneiden der Spitze bildet einen kleinen Vorplatz aus, den das Café im Erdgeschoss nutzt.
Foto: Roman Keller
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Von der Brandschenke-strasse ist der Blick frei auf die Hoffassade des Neubaus.
Foto: Roman Keller
Von der Brandschenke-strasse ist der Blick frei auf die Hoffassade des Neubaus.
Foto: Roman Keller
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In den als Dreispänner organisierten Regelgeschos-sen faltet sich eine polygonale Loggia zu den Eschen entlang der Straße auf.
Foto: Roman Keller
In den als Dreispänner organisierten Regelgeschos-sen faltet sich eine polygonale Loggia zu den Eschen entlang der Straße auf.
Foto: Roman Keller
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Raumhohe Fenster bringen eine Aussicht ins Grüne ...
Foto: Roman Keller
Raumhohe Fenster bringen eine Aussicht ins Grüne ...
Foto: Roman Keller
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... in den Tagesbereich der Wohnungen.
Foto: Roman Keller
... in den Tagesbereich der Wohnungen.
Foto: Roman Keller
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Einst Rebland im Umland von Zürich, ist die Klopstockwiese im Stadtkreis Enge seit 1907 eine gemeinnützige Grünanlage. Im Westen von der Sihl begleitet, vom Schloss Sihlberg auf der sanften Anhöhe gekrönt und östlich von haushohen Eschen gesäumt, bildet der Quartierspark das Gegenüber zum neuen Wohngebäude von Michael Meier und Marius Hug Architekten an der verkehrsberuhigten Klopstockstrasse.
Der etwa hundert Jahre an dieser Stelle bestehende Werkhof wurde 2016 zonenfremd, obso-let und infolgedessen in einen Vorort verlegt. Das Bauunternehmen De Capitani realisierte nach einem Studienauftrag im Jahr 2018 das fünfgeschossige Wohnhaus von Meier und Hug mit Eigentumswohnungen im Attikageschoss als Ersatzneubau. Während in den Obergeschossen 25 Wohnungen von zweieinhalb bis fünfeinhalb Zimmern angeordnet sind, befindet sich im Erdgeschoss die Café-Bar Klopstock.
Trotz der 1510 Quadratmeter großen Grundstücksfläche folgt das 2024 fertiggestellte Gebäude mit einer Geschossfläche von 4490 Quadratmetern komplexen Baulinien und vervollständigt den stadttypischen Blockrand. Auch mit seiner Fassadenordnung tritt der Neubau als städtisches Haus auf. Während heutzutage bei etlichen neuen innerstädtischen Wohngebäuden die Straßenseite geschlossen und die Hoffassade offen gestaltet ist, artikuliert sich das Gebäude von Meier und Hug auf entgegengesetzte Weise – nicht zuletzt, weil in den östlichen Hof erheblicher Straßenlärm eindringt, aber auch aufgrund der Lage an der Klopstockwiese. Diese Entscheidung ist nicht nur Signatur der äußeren Anmutung, sie wirkt sich ebenfalls auf die als Dreispänner organisierte Grundrissgestaltung aus. Ein effizienter Typus, der durch seine polygonale Grundform erstaunlich großzügig wirkt, da die schräg stehenden Wände vermitteln.
Der ruhige Wohn- und Essbereich mit seinen polygonalen Balkonen orientiert sich zur Straße. Auch gliedert er Kochen, Essen und Wohnen ganz klar in unterschiedliche Zonen. Die Brüstung rahmt den Blick, als würde der Baukörper auf die Baumkronen reagieren. Die Blätter auf Augenhöhe, im Frühling ein vibrierendes Grün, im Sommer ein dichtes Schattendach, im Herbst ein Leuchten aus Rot und Gelb, das den Innenraum färbt, im Winter kühl und beruhigend. Der Blick eröffnet die Tür zum Kreislauf der Natur. Die raumhohen Fenster lassen diese Bewegungen in die Wohnungen einsickern und verwischen die Grenze zwischen Innen und Außen. Die geschosshohen burgunderroten Stoffstoren stützen dieses Empfinden. Aufgrund ihrer Windanfälligkeit sind sie vor der Brüstung in Schienen angeordnet und verändern das Raumgefüge je nach Stellung: Mal integrieren sie den Außenraum nahezu schwellenlos in den Wohnraum, mal färben sie ihn warm ein oder lassen ihn hervortreten.
In der Mitte des Grundrisses sind Bäder, Reduits und Entrées sowie die vertikale Erschließung als kleinteiliges Rückgrat des Gebäudes angeordnet. Hofseitig befinden sich weitere Zimmer, die zu zweit eine Loggia einspannen. Diese dienen nicht nur dem Lärmschutz und der Belüftung, die Loggien wirken wie ein Gelenk, das die Räume miteinander verschränkt. Sie sind weder außen noch innen, sondern bilden eine Zwischenzone aus, die Blickbezüge innerhalb der Wohnung schafft.
Kleine Geschichten statt großer Geste
Das Wechselspiel von Kontrasten und Übergängen zwischen verschiedenen Zonen ist prägendes Thema des Hauses. Ob zwischen Balkon und Loggia, Hof- und Parkfassade, den durchgesteckten Eingangshallen, die Straße und Hof verbinden, oder dem Niveausprung innerhalb der Erdgeschosswohnungen, der ein Hochparterre mit Wohnraum zum Park und einen überhohen Essraum zum Hof ausbildet.
Aus ökologischen Aspekten wurde der Neubau nach dem Minergie-Standard erbaut und zertifiziert. Die Konstruktionsweise der Hoffassade wurde beispielsweise in Einsteinmauerwerk und mit einem mineralischen Verputz erstellt, um auf umweltbelastende Dämmstoffe verzichten zu können. Außerdem wurden die Mi-nergie-ECO-Ausschlusskriterien eingehalten sowie eine maximal ausgelegte PV-Anlage auf dem Dach angebracht, die in Verbindung mit der Erdsondenwärmepumpe für eine umweltfreundlichere Wärmeerzeugung Sorge trägt.
Das Wohngebäude von Meier und Hug an der Klopstockstrasse macht keine große Geste, sondern erzählt viele kleine Geschichten. Von Jahreszeiten, die in die Wohnung hineinwandern. Von Räumen, die vermitteln statt trennen. Von Architektur, die bewohnt wird. Ausblick wird zu Weitblick. Zwischen Eschen und Zimmern entsteht ein Rückzugsort für die Bewohnerinnen und Bewohner, nah an der Natur – inmitten der Stadt.
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