Bauwelt

Wohngebäude "Home Spirit" in Toulouse-Montaudran


Gemeinschaft plus Individualität – das Wohngebäude von Taillandier Architectes im Stadtentwicklungsgebiet Toulouse-Montaudran will die Vorzüge eines großen Appartementgebäudes mit denen des Wohnens im Einfamilienhaus kombinieren. Ein Schlüssel dafür: die gestaltprägenden Balkone.


Text: Kabisch, Wolfgang, Paris


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    Der Neubau von Taillandier erhebt sich am südlichen Ende der „Piste de Géants“.
    Foto: Roland Halbe

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    Der Neubau von Taillandier erhebt sich am südlichen Ende der „Piste de Géants“.

    Foto: Roland Halbe

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    Viel ist nicht übrig vom einstigen Flugplatz, seine Start- und Landebahn ...
    Foto: Roland Halbe

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    Viel ist nicht übrig vom einstigen Flugplatz, seine Start- und Landebahn ...

    Foto: Roland Halbe

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    ... dient heute der Erschließung eines Wohngebiets.
    Foto: Roland Halbe

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    ... dient heute der Erschließung eines Wohngebiets.

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    Die üppig dimensionierten Außenräume der Wohnungen sollen eine eher dem Einfamilienhaus zuneigende Klientel gewinnen.
    Foto: Roland Halbe

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    Die üppig dimensionierten Außenräume der Wohnungen sollen eine eher dem Einfamilienhaus zuneigende Klientel gewinnen.

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    Hinter dem gleichmäßigen Fensterraster der Nord-ostfassade ...
    Foto: Roland Halbe

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    Hinter dem gleichmäßigen Fensterraster der Nord-ostfassade ...

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    ... verbirgt sich ein elaborierter Erschließungsraum.
    Foto: Roland Halbe

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    ... verbirgt sich ein elaborierter Erschließungsraum.

    Foto: Roland Halbe

Als 1970 die Airbus Industrie gegründet wurde, konnte sich kaum jemand die beachtlichen Auswirkungen vorstellen, die dieser Vorgang auf die südfranzösische Stadt Toulouse haben würde. Heute ist diese nicht nur das unbestrittene Zen-trum der europäischen Luftfahrtindustrie, sondern wächst trotz aller nationalen und internationalen Krisen unaufhörlich weiter. Und das wirtschaftlich wie demographisch. Viele der über 500.000 Einwohner (1,5 Millionen im gesamten Ballungsgebiet) schwärmen von einer hohen Lebensqualität. Dabei hat Toulouse eine der niedrigsten Verschuldungen aller von der Größe her vergleichbaren Städte in Europa. Und das alles dank der Flugzeuge?
Im Grunde genommen: Ja! Selbst wenn die Initialzündung für den wirtschaftlichen Aufschwung ursprünglich eher von der Erfindung der Luftpost „Aéropostale“ ausging. Das war viel früher und fand am südlichen Ende der Stadt statt, in Mont-audran. Der heutige zivile Flughafen Toulouse-Blagnac, u.a. Mittelpunkt von Airbus, ATR und vielen Zulieferfirmen, liegt im Nord-Westen. In Montaudran begann der umtriebige Großunternehmer Pierre-Georges Latécoère schon 1917, eine Fluglinie für den Postverkehr zwischen Frankreich und Senegal über Spanien und Marokko einzurichten. Diese Idee gilt mittlerweile als revolutionär. Nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs wollte Latécoère seine Heimat-basis möglichst weit entfernt vom deutschen Kriegsgegner anlegen. Da erschien ihm Toulouse-Montaudran als bestens geeignet. Es entstanden eine Start- und Landebahn mit regelmäßigem Flugbetrieb. Später konstruierte Latécoère hier auch erfolgreich Flugzeuge. Der Standort entwickelte sich zu einer Wiege der Zivilluftfahrt. Übrigens arbeitete auch der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry – selbst Pilot bei l’Aéropostale – für diesen Unternehmer und schrieb in Toulouse seinen Roman „Vol de nuit“ (Nachtflug).
Nähert man sich heute dem geschichtsträchtigen Ort von Süden, erregt ein strahlend wei-ßer, zehn Geschosse hoher Neubau schon aus größerer Entfernung die Aufmerksamkeit. Er befindet sich direkt neben der ehemaligen Flug-piste, die zwar unter Denkmalschutz steht, aber kaum noch zu erkennen ist. Air France, die zuletzt das weitläufige Gelände für Flugzeugreparaturbetriebe genutzt hat, stellte bereits 2003 sämtliche Aktivitäten ein. Die Planungen von Stadt und Region für einen neuen Stadtteil in Montaudran konnten aufgrund bestehender
Eigentumsverhältnisse aber erst mehr als zehn Jahre später beginnen. Das wie ein Signal für einen Neuanfang wirkende große Wohngebäu-de ist Ergebnis eines Wettbewerbs, der 2020 stattfand.
Bei genauerer Betrachtung beeindrucken nicht nur die Farbe und das Volumen dieses Neubaus, sondern vor allem die große Zahl überdimensioniert wirkender Balkone, die an allen Seiten aus dem Baukörper herausragen. Sie sind mit zweiseitig umlaufenden Hochbeeten ausgestattet und erweitern die Wohnfläche der 73
Eigentumswohnungen eindrucksvoll in den Außenbereich. Noch macht das im Süden Frankreichs durchaus Sinn. Auf jeden Fall verhilft es dem Entwurf vonTaillandier Architectes Associés zu einer imponierenden Unverwechselbarkeit.
Bautechnisch gesehen sind die Brüstungen der mächtigen Balkone aus Stahlbeton und vorgefertigt. Die Geländer dienen auf diesen Balkonen als vollwertige Strukturelemente mit einer Verbindung zu dem vor Ort gegossenen Boden. Die Einheit wird schließlich mit dem Innenboden der Wohnungen verbunden. Die Fläche der Balkone variiert zwischen 16 für Zweizimmer- und 40 Quadratmeter für Fünfzimmerwohnungen.

Das gestapelte Einfamilienhaus

Die Balkone sind ein essenzieller Teil eines von den Promotoren unter dem Titel „Home Spirit“ angepriesenen Architekturkonzepts, das die Wohnungen, üppig begrünt, als Mischung zwischen klassischen Appartements und individuellen Einzelhäusern vorstellt. Der zugrunde liegende, schon von Le Corbusier bearbeitete Bautyp kommt offensichtlich in Großstädten unter den aktuellen Raumordnungs- und Finanzierungsbedingungen wieder in Mode.
Dem Architekturbüro Taillandier kam es in der Tat darauf an, auf 5100 Quadratmeter Bruttogrundfläche ein Höchstmaß von Einfamilienhaus-ähnlicher Individualität zuzulassen. So entstanden überwiegend Maisonette-Wohnungen in Duplex- oder Souplex-Anordnung (die „Cité Radieuse“ lässt grüßen). Und es entstand eine offene Erschließungszone an der Gebäudenordseite mit privaten und gemeinschaftlichen Bereichen. Große Räume im Erdgeschoss sind der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten; hier finden sich etwa ein Fitnessraum, eine Kinderspielbereich und ein Mehrzweckraum.
Die Gärten auf „Pistenniveau“ sind den Bewohnern der beiden unteren Stockwerke vorbe-halten. Sie können ihre Wohnungen auch über Außentreppen direkt erreichen. Da dieser „Gebäudesockel“ insgesamt in brauner Farbe gehalten ist, lässt er das Gebäude weniger massiv erscheinen. Es schwebt!
Die fünf doppelstöckigen „Villen“ auf dem Dach bilden den luxuriösen oberen Abschluss des weißen Riesen. Sie verwirklichen den angestrebten „Home Spirit“ am ehesten. Wobei man bedenken sollte, dass sich hier im Süden ein solches „Home Sweet Home“ mit freiem Blick auf die Pyrenäen wesentlich einfacher finanzieren lässt als etwa in Paris. Die Quadratmeterpreise in dieser Vorstadt von Toulouse liegen aktu-ell bei etwa 3500, die von Paris bei rund 10.000 Euro.
Selbst wenn bisher nur wenige Neubauten auf dem ehemaligen Flugplatz errichtet wurden – aus den ehemaligen Flugzeug-Montagehallen ist bereits ein beachtliches Innovations- und Start-up-Zentrum auf knapp 14.000 Quadratmeter Grundfläche entstanden, geplant ebenfalls von Taillandier Architectes. Seit 2011 arbeitet man an einem Technologiecampus, der auf vierzig Hek-tar die wichtigsten Akteure der Ausbildung und Forschung im Bereich der Luft- und Raumfahrt versammeln soll; eine U-Bahn mit zwei Stationen im Entwicklungsgebiet ist im Bau, und „Airbus Defence and Space“, der Zweig der Airbus-industrie, der Verteidigung und Raumfahrt zusammenfasst, ist an der historischen Piste bereits vertreten. Um die Zukunft der Stadt Toulouse muss man sich wahrlich keine Sorgen machen.



Fakten
Architekten Taillandier Architectes, Toulouse
Adresse Piste des Géants, 31400 Toulouse, Frankreich


aus Bauwelt 4.2026
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