Schwemme-Brauerei in Halle an der Saale
Stadtentwicklung von unten: Ein bürgerschaftlicher Verein rettet mit viel Engagement und in Eigenleistung ein Baudenkmal in Halle/Saale und schenkt der Stadt einen „Dritten Ort“ für Kultur und leibliches Wohl. Die Lehmbau-Lehrbaustelle ist ein Vorzeigeprojekt in der gegenwärtigen Diskussion um das Bauen im Bestand, mit Strahlkraft bis nach Brüssel.
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
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Hier geht es in den Feierabend: Im Sommer ist der Biergarten der Schwemme auch ein Anlaufpunkt, um den Tag ausklingen zu lassen.
Foto: Steffen Spitzner
Hier geht es in den Feierabend: Im Sommer ist der Biergarten der Schwemme auch ein Anlaufpunkt, um den Tag ausklingen zu lassen.
Foto: Steffen Spitzner
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Bis unter den First reicht der Veranstaltungsraum im Nordtrakt der Schwemme. Vom Brand 2015 verschont, lässt sich hier der historische Holzbau erleben.
Foto: Steffen Spitzner
Bis unter den First reicht der Veranstaltungsraum im Nordtrakt der Schwemme. Vom Brand 2015 verschont, lässt sich hier der historische Holzbau erleben.
Foto: Steffen Spitzner
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Der Südtrakt der Schwemme ist bereits weitgehend saniert.
Foto: Steffen Spitzner
Der Südtrakt der Schwemme ist bereits weitgehend saniert.
Foto: Steffen Spitzner
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Im letzten Jahr wurde der Innenausbau als Lehmlehrbaustelle vorangetrieben.
Foto: Steffen Spitzner
Im letzten Jahr wurde der Innenausbau als Lehmlehrbaustelle vorangetrieben.
Foto: Steffen Spitzner
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Die Bar im Souterrain.
Foto: Steffen Spitzner
Die Bar im Souterrain.
Foto: Steffen Spitzner
Phantasie brauchte in der Tat, wer vor zehn Jahren von der Hallenser Herrenstraße in die Straße An der Schwemme blickte, um etwas anderes zu sehen als eine Brandruine, die bald abgerissen werden dürfte, um entweder einem mehr oder weniger anspruchsvollen Wohnungsbau oder einem mehr oder weniger banalen Bürogebäude Platz zu machen. Von Beispielen beider Kategorien hat man bereits genug gesehen, wenn man heute am Glauchaer Platz aus der Straßenbahn gestiegen ist, um diese besondere Stelle im Gefüge der Stadt zu besuchen.
Besonders ist der Ort, weil hier ganz unterschiedliche Maßstäbe, Zeitschichten und Geschwindigkeiten aufeinanderstoßen: Da ist zunächst die Magistrale aus den 1960er Jahren, die, teilweise als Hochstraße geführt, Halle-Neustadt mit dem Stadteingang am Riebeckplatz (einst Thälmannplatz) und mit dem Hauptbahnhof verbindet, und deren Zukunft ungewiss ist. Den einen ist sie unverzichtbare Verkehrsinfrastruktur, den anderen eine Versündigung am Stadtbild. Nur wenigen ist sie Teil des großen, ja großartigen Ensembles der sogenannten Ostmoderne, das die Stadt noch bis zur Jahrtausendwende prägte und das seitdem mehr und mehr fragmentiert worden ist (
Bauwelt 28–29.2015). Dann ist da die Saale, die dem historischen Zentrum im Westen mehrere Inseln vorlagerte, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Teil vorstädtisch bebaut waren, zum Teil als Lagerplätze dienten und wohl auch ab und an mit dem Wasserstand zu kämpfen gehabt haben. Und dann sind da die großmaßstäblichen Neubauten der Nachwendezeit wie der „MDR Sputnik“ oder ein von städtischen Betrieben genutztes Bürogebäude, die, nach Abrissen maroder Altbauten, eine Megalomanie einführten, die auf keine bauliche wie landschaftliche Charakteristik mehr einging.
„An der Schwemme“ aber lässt sich noch ein Eindruck der Situation gewinnen, wie sie sich bis zur vorletzten Jahrhundertwende entwickelt hatte: Hier stehen kleinere Wohngebäude der einstigen Siedlung Strohhof, am nördlichen Ende, wo die Mansfelder Straße kreuzt, blickt man auf einen historischen Ausspannhof, in dem die aus Richtung Frankfurt kommenden Fuhrleute ihre Gäule tränken konnten, und an ihrem südlichen Eingang erhebt sich jenes Objekt, das am Bauen Interessierte herzulocken vermag: die Schwemme.
Eigentlich sind es mehrere Gebäude – vom Fachwerkständerbau aus dem frühen 18. bis zum Wohntrakt aus dem beginnenden 20. Jahrhundert reicht die Baugeschichte des 1718 von den Bewohnern des Strohhofs gegründeten Brauhauses. Die letzte Erweiterung, das Wohnhaus des Braumeisters, das den südlichen Abschluss bildet, war am stärksten vom besagten Brand im Jahr 2015 betroffen. Heute ist dies der bereits am weitesten sanierte Trakt: Ein neuer Dachstuhl ist gezimmert, gedeckt ist er mit wiederverwendeten Dachziegeln, die teilweise vor Ort, teilweise auf anderen Baustellen gewonnen, gesäubert und neu verlegt worden sind, und auch das verwitterte Pelikan-Relief, das den Südgiebel ziert und dem hier gebrauten Bier seinen Namen gab und wieder gibt, wurde von einem Bildhauer rekonstruiert.
Was damit anklingt: Die „Schwemme“ ist eine handwerkliche Baustelle. Getragen wird sie von einem bürgerschaftlichen Verein, der sich nach dem Brand um die Projektleiterin Johanna Voll und den Architekten Christian Hartwig gründete, um das alte Brauhaus zu retten. Und so ist der Weg mindestens so wichtig wie das Ziel, hier einen „Dritten Ort“ für die Stadtgesellschaft zu etablieren. Die Sanierung der Schwemme steht allen offen: Jungen wie Alten, Laien wie Fachleuten, Nachbarn wie für die wöchentlichen Baustelleneinsätze aus der Umgebung Anreisenden. Dabei werden traditionelle Handwerkstechniken im Holz- und vor allem im Lehmbau vermittelt und geübt – die Schwemme ist eine Schaubaustelle zukünftiger Kreislauf- und Ressourcenwirtschaft, mit Kursen für Schulklassen, Praktika für Studenten, Seminaren für Handwerkerinnen und einer Einsatzstelle für ein FSJ in der Denkmalpflege.
Das alles mag inzwischen ganz im Trend der Bau-Avantgarde liegen, ist aber regional tief verwurzelt: Jahrhundertelang wurde hier Lehmbau praktiziert; in der Schwemme soll diese Tradition weiterentwickelt werden. Kompetente Partner stehen dem Verein dabei zur Seite: Mit dem sachsen-anhaltinischen Bündis GOLEHM und dem Dachverband Lehm e.V., den Technischen Universitäten Braunschweig und Dresden und der Kunsthochschule Burg Giebichenstein spannt sich ein großer Schirm der Unterstützung über die Schwemme.
Darunter wird aber auch an einer Gemeinschaft gewerkelt, die mit verschiedenen Aktivitäten in die Stadt strahlt: mit Kulturveranstaltungen wie Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Workshops und Performances, mit Lehrveranstaltungen und schließlich auch mit einem gas-tronomischen Angebot – der Garten an der Schwemmsaale ist schließlich ein idealer Ort, um im Sommer ein Glas Pelikan-Bier oder eine Brause zu genießen. Sollte ein Regenschauer aufziehen, kann sich die Gästeschar in den bereits sanierten Schankkeller zurückziehen, der, mit historischen Brauschildern und anderen auf dem Grundstück gefundenen Utensilien der Hausgeschichte geschmückt und stimmungsvoll beleuchtet, deutlich macht, dass hier auch mit gestalterischem Feingefühl, mit dem Wissen um Atmosphäre vorgegangen wird.
So beispielhaft, wie die Schwemme in der Projektlandschaft der „Bauwende“ steht, verwundert es nicht, dass der Verein seit 2025 auch vom Neuen Europäischen Bauhaus gefördert wird. Anfang November gewann die Sanierung zudem einen von zwei vergebenen „Stadtumbau Awards“ des Bundeslands Sachsen-Anhalt.
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