Sanatorium in Braunlage von Chipperfield Architects


Das Sanatorium in Braunlage ist in Teilen ein Spätwerk des Darmstädter Jugendstils. Nichts weist darauf hin, dass David Chipperfield den Gebäudekomplex umplant. Die Gerüste am Vorderhaus und bei der Lufthütte deuten auf einen behutsamen Bauerhalt hin. Sehr viel mehr ist zurzeit auch nicht geplant. Das Projekt ist dennoch faszinierend.


Text: Redecke, Sebastian, Berlin


    Foto: Werner Huthmacher

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Die Nachricht erstaunte. Ließ sich David Chipperfield in der Fachklinik Dr. Barner behandeln, die sich speziell mit Burnout-Patienten befasst? Hat der Architekt, der von Erfolg zu Erfolg eilt, eine Phase der Entspannung im Harz hinter sich? Schnell stellt sich heraus, dass es hier um etwas anderes geht. Das Baudenkmal im Kurort Braunlage, das in großen Teilen von Albin Müller (1871–1941) in den Jahren 1905–14 vergrößert und eingerichtet wurde, ist in die architektonische Obhut von David Chipperfield gelangt. Sein Büro erhielt den Auftrag, den gesamten Gebäudekomplex zu begutachten, Stück für Stück instandzusetzen, in einigen Bereichen umzubauen und vielleicht in ferner Zukunft zu ergänzen.
Das Sanatorium mit seiner besonderen Geschichte war zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2000 in der Presse und fand dadurch in Architektenkreisen Beachtung. 2004 machte der Linoleumhersteller DLW Armstrong den Ort mit der Präsentation seiner neuen Kollektion publik. Jetzt, mit einer großen Initiative von Seiten des Sanatoriums, geht es darum, sich heutigen Anforderungen mit Blick auf die Krankenkassenvorgaben und den Patienten zu stellen. Es stehen außen wie in­nen wichtige Instandsetzungen und Umstrukturierungen an, dazu sind im Dachgeschoss Räume für die Psychotherapeuten zu ergänzen und vieles aus dem Originalbestand – nicht nur von Müller – zu sichern.
Warum kam nun gerade Chipperfield zu diesem Auftrag im entlegenen Braunlage? Was interessiert ihn an diesem verwinkelten, kompliziert erschlossenen Gebäudekomplex? Auch hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Johannes Barner, der heutige Geschäftsführer des Sanatoriums, ist mit Martin Reichert, einem der Partner im Büro Chipperfield, befreundet. Reichert kennt den Gebäudekomplex gut. Basis des Auftrags waren natürlich Chipperfields Erfahrungen beim Neuen Mu­se­­um in Berlin (Bauwelt 13.09). Eine bessere Referenz gibt es nicht. So lag es nahe, dass Anke Fritzsch, damals die Koordi­natorin der Restaurierungsplanung beim Museum, für das Sanatorium die Projektleitung übernahm.
Bei allen Maßnahmen in Braunlage geht es als erstes um die Instandsetzung, eine bescheidene Heransgehensweise in Etappen. Schon beim Eintritt ins Sanatorium bleibt dem Besucher nicht verborgen, dass hier nicht im großen Stil alles in einem Zug „grundsaniert“ werden soll. Es sind die kleinen Schritte, bei denen jeder Bereich einzeln betrachtet und beurteilt wird, die die Projektplanung interessant machen. Denn bei der punktuellen Ausführung bleibt nach einer Reparatur vieles so, wie es war, auch wenn es sich um nachträgliche Umbauten handelt, die die Architektur von Müller ergänzt haben. So werden zum Beispiel später eingefügte Brandschutztüren, die kaum ins Auge fallen, nicht wieder ausgetauscht. Da das Sanatorium mit nur 70 Patienten bei den Kosten gerade so am Limit arbeitet, sind alle Maßnahmen und funktionalen Neuordnungen nur im laufenden Betrieb über einen langen Zeitraum bis Ende 2023 möglich.
Der Masterplan
Grundlage der Projekts bildet eine mit größter Sorgfalt ausgeführte Vorarbeit. Chipperfield lieferte nach intensiven Studien im August 2008 eine Analyse, in der Geschoss für Geschoss detailliert der aktuelle Zustand dargestellt wird. Diese Analyse mündete in einen umfassenden Masterplan, der die Abfolge der Arbeiten auflistet und eine Kostenermittlung beeinhaltet. Mit ihr gelang es auch, erfolgreich finanzielle Mittel bei der Denkmalfachbehörde zu beantragen. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, das Land und die Europäische Union (ELER-Fonds) waren bereit, sich an der Instandsetzung zu beteiligen. Die Förderer gewähren allerdings nur Gelder für die Außenhaut. Bei den Innenräumen ist das Sanatorium selber tätig. Basis dieses Vorhabens ist, dass sich die Geschäftsführung in der Tradition der Familie sehr dafür einsetzt, dass der originale Zustand so weit es geht bewahrt und wieder instandsetzt wird. Das einzigartige Sanatorium hat inzwischen einen Namen, und es kommen Patienten ins Haus, die eine solche „altmodische“ Einrichtung suchen. Die Architektur und das Interieur sind auch noch heute Teil der Therapie. Die Warteliste ist lang.
In der Analyse von David Chipperfield wurde jeder einzelne Bereich, zusätzlich untergliedert in Außenhaut und Innenraum, detailliert unter die Lupe genommen und ein Konzept für die jeweils anstehenden Maßnahmen erarbeitet. Dazu gehören alle Gebäudeteile: Die Schwimmhalle (ein flacher An­bau aus den siebziger Jahren) ebenso wie das Stiftungshaus, das Vorderhaus (früher Haus Sonnenblick), die Villa am Wal­de, das Mittelhaus mit dem Wandelgang und die Dächer der Veranden.
Kleine Eingriffe sind heute schon erkennbar. Chipperfields Büro ist also bei der Ausführungsplanung und Umsetzung bereits aktiv geworden. So wurde das Schwimmbad saniert. Dabei bekam der ziemlich düstere hölzerne Anbau um das Wasserbecken herum den von Chipperfield geschätzten Gussasphaltboden. Außerdem wurde in einen bestehenden Erker eine neue stählerne Treppe, mit Trittstufen ebenfalls aus Gussasphalt, eingefügt. Über sie gibt es jetzt eine direkte Verbindung vom Vorderhaus in die Schwimmhalle. Unter der Regie eines Planers aus der Region werden derzeit im Dach des Vorderhauses neue Räume mit Gauben ein­gerichtet. Von einem möglichen Anbau liegen nur eine Skizze und ein Grundriss von Chipperfield vor. Zwischen jetzigem Haupteingang und der Schwimmhalle sind eine große Eingangshalle und ein Wellness- und Bewegungsraum als schlichte Holzbauten vorgesehen. 
Dr. Friedrich Barner
Zurück zur Geschichte des Hauses, ohne die die heutige Situation vor Ort nicht erklärt werden kann. Alles begann im Jahr 1900, als der Sanitätsrat Dr. Friedrich Barner die beiden Gebäude Villa Sonnenblick und Villa am Walde erwarb, umbaute und ergänzte. Bis heute ist das medizinische Konzept des Sanatoriums den ganzheitlichen Ideen seines Gründers verpflichtet: Körper und Seele werden gleichermaßen behandelt. Im Laufe der Jahre hat sich das Sanatorium zu einer Fachklinik für Psychosomatik, Psychotherapie und Allgemeinmedizin gewandelt, in der man weiterhin von der thearpeuti­schen Wirkung des Gebäudeensembles und der Außenanlagen überzeugt ist. Dr. Barners Privat-Sanatorium entwickelte sich schnell zu einem beliebten Ort, an dem sich Gäste wie Paul Klee zur Luftkur einfanden. Das noch komplett vorhandene Krankenblattarchiv der Patienten ist ein besonderes medizinhistorisches Dokument und befindet sich im Keller des Hauses.
Das Sanatorium ist heute in der vierten Generation in Familienhand. Dabei war es ein Glück, dass die Wertschätzung des Überlieferten immer gewahrt wurde und Eingriffe verhindert werden konnten. Das Mittelhaus wird in kleinen Teilen noch von Mitgliedern der Familie privat genutzt. Zur langfristigen Sicherung des Gebäudeensembles wurde vor zehn Jahren eine „Stiftung Sanatorium Dr. Barner“ gegründet.
Albin Müller
Der 32-jährige Architekt musste sich 1903 im Sanatorium mehrere Monate von einem Leiden erholen. Während seines Kuraufenthaltes lernte er den Arzt und Leiter des Sanatoriums Dr. Friedrich Barner kennen, der ihn alsbald als Planer für die weiteren Um- und Neubauten sowie die Inneneinrichtung einsetzte. Mit Müller gelangte eine für die Region unbekannte Architektursprache nach Braunlage, mit zahlreichen Bezügen zu den großen Namen der Zeit wie Henry Van der Velde und Peter Behrens. Albin Müller war in der Nachfolge von Joseph Maria Olbrich von 1908 bis 1914 Leiter der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. Das Wissen um diesen Hintergrund ist entscheidend, um seine Arbeit in Braunlage einordnen zu können.
Der Autodidakt Müller erhielt nach ersten kleineren Arbeiten für das Interieur der bestehenden Bauten (Neugestaltung des Arzt-Wartezimmers) den Auftrag, den Gebäudekomplex im großen Stil zu erweitern. An den Ergänzungen und Neubauten sind Bezüge zur regionalen Holzarchitektur gut erkennbar, so die schwarz-braune Holzschalung. Müller verband die beiden Altbauten mit einem mächtigen Mittelbau. Es liegt nahe, dass er, aus dem Kunsthandwerk der Darmstädter Schule kommend, ein besonderes Augenmerk auf die Innenräume legte. Die Aufenthalts- und ein Teil der Erschließungsräume erhielten Wandbespannungen mit für die Zeit typischen Mustern. Im kreisrunden Musikzimmer leistete man sich Mooreichenparkett und goldene Zierleisten. Das Rund sind durch flache Wandvorlagen gegliedert. Insgesamt scheint das Interieur den großbürgerlichen Villen und den Hotels der Zeit entsprungen zu sein. Nicht für nur Böden, Treppen und Möbel, sondern auch für Deckenlampen, Vertäfelungen, Türgriffe und sogar für das Geschirr wurden Entwürfe des „Raumkünstlers“ Müller umgesetzt.
Die einzelnen Räume werden heute zum Teil anders genutzt. Auch das Internet ist in das Sanatorium von Baunlage längst eingezogen: Im ehemaligen Herrenzimmer stehen zwei Rechner. In einem der Speisesäle, in dem Dr. Barner persönlich am Kopf eines langen Tischs mit den Patienten Platz nahm, standen lange Zeit einzelne runde Tische, die nun wieder durch größere ersetzt worden sind, um den Kontakt zwischen den Patienten zu fördern.
Im Park des Sanatoriums steht u.a. eine „Lufthütte“, ein einfaches Holzhaus auf vier Stützen aus dem Jahr 1905. Die Idee war, von Skandinavien inspiriert, für die Lufttherapie eine Gruppe von 20 dieser einfach ausgestatteten Einzimmerbauten in die Natur zu stellen. Wegen der Wetterbedingungen im Harz konnte dies aber nicht funktionieren. So blieb es bei einem Bau, der zurzeit außen instandgesetzt wird. Müllers Lufthütte ist ein wichtiges Beispiel für die Anfänge vorfabrizierten Bauens in Deutschland.
Auf dem Dachboden
Der heutige Geschäftsführer Johannes Barner führte mich beim Rundgang auch auf den Dachboden des Hauptgebäudes. Hier kann man die Geschichte des Hauses noch einmal Revue passieren lassen. Es stapeln sich alte Stühle, Sessel und gepol­sterte Chaiselongues, auch Schränke, Kommoden, Tische und andere Ausstattungsgegenstände. An der Gestaltung der hölzernen Füße der Chaiselongues zum Beispiel, so erklärt mir Barner, könne man gut erkennen, aus welcher Epoche des Sanatoriums sie stammen. Die Originalmöblierung scheint vollständig erhalten. Warum gelangte sie auf den Dachboden? Ein großer Teil sei, so der Geschäftsführer, für heutige Patienten zu fragil. So mussten alle Stühle in den Speisesälen ausgetauscht werden, da sich deren Rückenlehnen lockerten oder gar abbrachen. Man ist dennoch bemüht, die Möbel vom Boden zu ho­len. Eine gute Idee hierfür gibt es aber noch nicht. 



Fakten
Architekten Müller, Albin (1871–1941); Chipperfield Architects, Berlin/London
Adresse Dr. Barner-Str. 1 38700 Braunlage


aus Bauwelt 45.2012
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