Modellhaus in Potsdam


Sind die Einfamilienhaus-Neubaugebiete verlorenes Terrain für Stadt und Architektur? Der Berliner Architekt Klaus Theo Brenner will sich damit nicht abfinden und schlägt ein Modell vor, das auf gestalterische Prinzipi­en der Zwischenkriegsmoderne zurückgreift, um mehr Zusammenhang entstehen zu lassen. In Potsdam ist eins der Häuser realisiert worden.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    „Villenpark“ nennt Klaus Theo Brenner seinen Vorschlag für ein dichtes Wohngebiet, ...
    Abbildung: Architekten

    „Villenpark“ nennt Klaus Theo Brenner seinen Vorschlag für ein dichtes Wohngebiet, ...

    Abbildung: Architekten

    ... dessen unterschiedliche Haustypen aber auf einer gemeinsamen Formensprache beruhen.
    Abbildung: Architekten

    ... dessen unterschiedliche Haustypen aber auf einer gemeinsamen Formensprache beruhen.

    Abbildung: Architekten

    Im Potsdamer Wohngebiet Bornstedter Feld ist ein Haus ...
    Abbildung: Architekten

    Im Potsdamer Wohngebiet Bornstedter Feld ist ein Haus ...

    Abbildung: Architekten

    ... als eine Art Modellprojekt entstanden.
    Foto: KristinaB

    ... als eine Art Modellprojekt entstanden.

    Foto: KristinaB

    Der zweigeschossige Raum des Galeriehauses liegt auf der Westseite, zum Garten hin, und wird über ein hohes Fenster belichtet.
    Foto: KristinaB

    Der zweigeschossige Raum des Galeriehauses liegt auf der Westseite, zum Garten hin, und wird über ein hohes Fenster belichtet.

    Foto: KristinaB

    Die Grundrisse sind um die 2-läufige Treppe herum organisiert ...
    Foto: KristinaB

    Die Grundrisse sind um die 2-läufige Treppe herum organisiert ...

    Foto: KristinaB

    ... mit Wohnraum und Küche im Erdgeschoss, Kinder- und Schlafzimmern ...
    Foto: KristinaB

    ... mit Wohnraum und Küche im Erdgeschoss, Kinder- und Schlafzimmern ...

    Foto: KristinaB

    ... sowie Galerie im 1. Ober­geschoss und Arbeits- und Gästezimmer mit Dachterrasse im 2. Obergeschoss.
    Foto: KristinaB

    ... sowie Galerie im 1. Ober­geschoss und Arbeits- und Gästezimmer mit Dachterrasse im 2. Obergeschoss.

    Foto: KristinaB

    Der zweigeschossige Raum des Galeriehauses liegt auf der Ostseite, zur Straße hin, und wird über ein hohes Fenster belichtet.
    Foto: KristinaB

    Der zweigeschossige Raum des Galeriehauses liegt auf der Ostseite, zur Straße hin, und wird über ein hohes Fenster belichtet.

    Foto: KristinaB

    Natürliche Materialien wie Glattputz, Holzfenster, Parkett prägen Außen und Innen.
    Foto: René Wildgrube

    Natürliche Materialien wie Glattputz, Holzfenster, Parkett prägen Außen und Innen.

    Foto: René Wildgrube

Stachelig und trocken ist die Wüste, ein Meer aus rötlichem Sand und Kakteen, die einmal im Jahr nur Blüten treiben. Barfuß mag hier niemand gehen, schon der Hitze wegen – es wäre ein Marsch wie über ein Feld aus noch glimmender Asche. Wie weit entfernt der nächste Schatten, der nächste Diner, das nächste Motel, der Wanderer weiß es nicht; der Horizont flirrt in der Son­-ne. Doch plötzlich steht da ein Haus: ein getreppter Rechtkant, drei Geschosse hoch mit Flachdach und Terrassen, über ein großes Fenster einladend in die dürre Landschaft geöffnet – nur eine Fata Morgana oder etwa doch die Rettung aus ausweglos geglaubter Lage?
Klaus Theo Brenner arbeitet seit Jahrzehnten mit Collagen, um die Wirkung konkreter Gebäudeentwürfe, aber auch mögliche städtische Szenarien auszuloten. Die Spannbreite dieser Bilder reicht von den abstrakten Volumen, die dramatische Großstadt-Schluchten imaginieren, in seinem Buch „Stadttheater“ (1994) bis zu der polemischen Serie „Das ist keine Architektur!“ (2013). Die jüngste dieser Collagen ist die beschriebene Wüsten-Szenerie (der Berliner Architekt hat noch eine zweite angefertigt, in der das Haus in einer Steinwüste steht). Sie ist im Rahmen sei­­-nes Projekts Villenpark entstanden, mit dem Bren­ner eine Alternative zu den gängigen Neubaugebieten vorlegt, die mit einem Katalog klar definierter Haustypen zwar eine Bandbreite unterschiedlicher Wohntypologien auffächert, dabei aber formaler Kohärenz beharrt. Die beschriebene Collage dazu ist ein anspielungsreiches Bild: Es lässt einerseits an die „Araberdorf“-Polemik der konservativen Presse gegen die Weißenhof-Siedlung vor neunzig Jahren denken, ist andererseits aber auch eine Spitze gegen die heutigen Einfamilienhausgebiete, die sich zumindest einem Architekten nicht anders als eine ästhetische Wüste ohne Hoffnung auf Entkommen darstellen. Wie kann ihrer immer weiteren Ausbreitung Einhalt geboten werden? Verfügen wir über so unendlich viel Platz, dass wir bedenkenlos bauen können, ohne auch nur im Ansatz so etwas wie Stadt oder wenigstens Siedlung entstehen zu lassen? Baugebiet um Baugebiet hochziehen, ohne wenigstens hie und da einen Ort zu entwickeln, der Gemeinschaft entstehen lässt? Die von Brenner geplante, soeben in Realisierung begriffene Gartenstadt in Berlin-Lichtenberg oder sein innerstädtisches Wohnprojekt St. Leonhardtsgarten in Braunschweig (2011) sind unmissverständlich auf das Wohnen an einem gemeinschaftlichen Außenraum hin konzipiert. Der Villenpark wirkt dagegen stärker über die optische Verwandschaft der Häuser zusammengehörig, die sich an einer Straße als Variationen eines Themas gruppieren: als Punkthaus, Winkelhaus, Galeriehaus, Terrassenhaus. Auffällig ist die weitgehend zweiseitige Orientierung der freistehenden Körper, die eine extrem dichte „Packung“ erlaubt, bis hin zu nur noch gassenförmigen Außenräumen zwischen den Häusern – der Villenpark ist auch eine Verarbeitung der Dichte in der wachsenden Stadt, an der die coronabedingte neue Distanz auf Dauer schon aus ökologischen Aspekten nicht viel ändern dürfte.

Modellhaus Bornstedter Feld

In Potsdam hat Brenner ein Gebäude aus der „Typenreihe“ realisiert. Das „Galeriehaus“ mit Dachterrasse steht im Wohngebiet „Bornstedter Feld“ am Ende der Hermann-Mattern-Prome­nade, kurz vor dem am Nordende angrenzenden Remisenpark. Das Quartier ist seit den neunziger Jahren im Entstehen, zuvor befand sich hier ein Übungsplatz des Militärs. Die Absichten jener Zeit, daraus ein städtisches Wohngebiet zu machen, wie es bis in die fünfziger Jahre noch hier und dort gelungen ist, wird deutlich, wenn man von Süden die Straße hinauf geht: Die Hermann-Mattern-Promenade ist ein breit bemessener Raum mit Baumreihen und Mittelstreifen, der tatsächlich eine Wiedererkennbarkeit besitzt, auch wenn die angrenzenden Häuser von eher bescheidener Gestaltqualität sind und auch nicht einem gemeinsamen Formenvokabular verpflichtet. Am nördlichen Ende wechselt der Charakter: Die Straße wird schmaler, und statt Steildachhäuschen ist ein Ensemble von kubischen Wohngebäuden im Werden, die an die Zwischenkriegsmoderne denken lassen. Das Haus von Brenner fügt sich hier ein, gleichzeitig hebt es sich in seiner Machart ab. Das Relief der Fassaden ist anders: Die Fenster mit ihren Holzrahmen liegen nicht in der Tiefe hinter einer Styroporverkleidung, der Sockel aus Klinkern verschwindet nicht optisch unter dem Überhang des Wärmedämmverbundsystems, die Putzober- fläche besitzt eine andere Tiefe und Struktur als die der Nachbarhäuser. Tatsächlich ist das Gebäude eine monolithische Konstruktion aus Porenbeton – ein Statement wider die Bauqualität in den Einfamilienhausgebieten der Gegenwart. Ein Blick ins Innere war, corona-bedingt, kurzfristig nicht möglich.



Fakten
Architekten Klaus Theo Brenner – Stadtarchitektur/Brenner Krohm und Partner, Berlin
Adresse Bornstedter Feld Potsdam


aus Bauwelt 2.2021
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