Bauwelt

Konzerthaus College Trinity Hall in Cambridge


Für das College Trinity Hall haben Níall McLaughlin Architects ein Probe- und Konzerthaus gebaut, das widersprüchlichen Anforderungen genügen sollte: innen so groß, außen so klein wie möglich.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


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    Der Bauplatz im Schatten der Kapelle des benachbarten Clare College erlaubte einen hohen Glasanteil der Fassade.
    Foto: David Valinsky

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    Der Bauplatz im Schatten der Kapelle des benachbarten Clare College erlaubte einen hohen Glasanteil der Fassade.

    Foto: David Valinsky

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    Das Glas musste aber möglichst schwer sein, um viel Schall zu dämmen.
    Foto: David Valinsky

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    Das Glas musste aber möglichst schwer sein, um viel Schall zu dämmen.

    Foto: David Valinsky

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    Indem die Architekten den „Tempietto“ nach Süden, zur Clare College Chapel, gerückt haben, bleibt im Norden Platz für das Publikum bei Freiluftkonzerten.
    Foto: Nick Kane

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    Indem die Architekten den „Tempietto“ nach Süden, zur Clare College Chapel, gerückt haben, bleibt im Norden Platz für das Publikum bei Freiluftkonzerten.

    Foto: Nick Kane

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    Mit den sorgfältig ausgewählten Steinen wollten die Architekten die Geologie der britischen Insel zelebrieren.
    Foto: Nick Kane

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    Mit den sorgfältig ausgewählten Steinen wollten die Architekten die Geologie der britischen Insel zelebrieren.

    Foto: Nick Kane

Enge und Weite, Ferne und Nähe, Härte und Weichheit, Geschlossenheit und Durchlässigkeit – die englische Universitätsstadt Cambridge für die Schönheit ihrer College-Architekturen zu rühmen, ist naheliegend, wird dem Ganzen aber nicht gerecht, denn mindestens ebenso reichhaltig und vielfältig ist ihr Raum-gefüge. Die weite King’s Parade etwa verengt sich im Norden in die Trinity Street, von dort zweigt nach Westen die schmale Trinity Lane ab, von der nach einem Hakenschlag gen Süden wiederum nach Westen die Garret Hostel Lane abgeht, und diese führt über den River Cam in die Backs, jenen Wiesen- und Auenstreifen, zu dem sich die Colleges Queens‘, King’s, Clare, Trinity und St. John’s mit ihren Höfen und Häusern wenden. Soweit eine typische Folge städtischer Räume. Ergänzt und erweitert wird dieses Netz aus Straßen, Gassen und Grünflächen aber von den Höfen, um die sich die einzelnen Colleges herum entwickelt haben und die noch immer an die klösterlichen Ursprünge des Bautyps erinnern. Diese Entwicklung aber ist mitnichten zum historischen Bild eingefroren, sondern geht weiter, und dabei entstehen nicht nur neue Gebäude von Rang, wie beispielsweise die mit dem RIBA-Stirling-Prize ausgezeichnete Bibliothek des Mag-dalene College von Níall McLaughlin Architects (Bauwelt 18.2023), es verändern sich auch Charakter und Rolle einzelner Hofräume.

Etwa zeitgleich zur Planung besagter Bibliothek war McLaughlin mit seinem Team auch für das College Trinity Hall tätig. Dort ging es um den Neubau eines kleinen Gebäudes für die Musikabteilung, und mit ihm auch um die Aufwertung des umgebenden Hofs: Avery Court war einst der Eingangshof des College, verlor diese Rolle im 17. Jahrhundert aber mit dem Umbau des heutigen Front Court im Norden. Viele Jahre schon wartete dieser Hof, überwuchert von nicht eben gärtnerisch gepflegter Vegetation, auf eine neue Bestimmung – nun ist sie gefunden. Man könnte die WongAvery Gallery, so der Name des Neubaus, als Ausstellungspavillon für das historische Cembalo des College bezeichnen: ein hoch empfindliches Instrument, das ein konstantes Raumklima benötigt, um nicht seine gute Stimmung zu verlieren. Dafür sorgt nun kontrollierte Frischluftzufuhr aus dem Haustechnikraum im Untergeschoss. Das Instrument steht im Zentrum des kreuzförmigen Grundrisses des kleinen Gebäudes, das wiederum, nach Süden, in die schattige Hälfte des Hofraums verschoben, auf der Mittelachse des Avery Court steht: eine Idealarchitektur, die an Veduten der Renaissance oder Bauten aus jener Epoche wie Bramantes Tem-pietto in Rom denken lässt – gute Stimmung garantiert.
Die sehr bedachte Materialität des Gebäudes trägt dazu das ihre bei: Für die tragenden Elemente wurde Portland Limestone aus Dorset verwendet, für die Brüstungsfelder kam ein anderer Stein mit größerem Muschelanteil zur Anwendung, als Bodenbelag innen Purbeck-Stein (ebenfalls aus Dorset), außen Yorkstone und Schiefer, Granit für den Sockel – „wir wollten die Vielfalt der Geologie der Insel feiern“, begründet Projektpartner Tim Allen-Booth beim Besuch im Juli letzten Jahres die Entscheidung, die ursprüngliche Idee zu verwerfen, einen Marmor zu verwenden, wie ihn die Kirche Santa Maria dei Miracoli in Venedig ziert. Aus Italien aber kamen die Fensterrahmen aus patinierter Bronze.
Die edlen Materialien zeigen: Der Neubau ist weit mehr als ein bloßer Aufbewahrungsort. Er dient vor allem als Proberaum, nicht nur für Cembalisten, sondern auch für den Chor von Trinity Hall, und bei Bedarf auch als kleines Konzerthaus: Das Publikum findet dann in den Armen des Kreuzes Platz, mit Blick auf Cembalo oder Chor, in den Wandscheiben neben sich die golden glänzenden Aufbewahrungskassetten der Notensammlung des College, die hier nun auch angemessen aufbewahrt werden kann. Für den Fall, dass es mal nicht regnet, können auch die Fenster geöffnet werden, so dass das Spiel der Cembalistin den ganzen Hof erfüllen kann: Platz genug für Publikum ist jedenfalls in der sonnenbeschienenen Nordhälfte des Avery Court.
Mit dem Neubau hat der Hof eine neue Bestimmung gefunden, und darüberhinaus wurde die Rolle und Bedeutung der Musik im Leben von Trinity Hall mit ihm sichtbar und gestärkt – welch eine Verbesserung gegenüber dem vorigen, schlecht zugänglichen, unzureichend klimatisierten und akustisch unbefriedigenden Proberaum!



Fakten
Architekten Níall McLaughlin Architects, London
Adresse Trinity Ln, Cambridge CB2 1TJ, Vereinigtes Königreich


aus Bauwelt 11.2024
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