Kletterhalle in Campodolcino
In Campodolcino in den italienischen Alpen scheint ein neuer Menhir aus dem Erdboden gewachsen zu sein. Doch er ist gebaut. Und wurde geschaffen, um beklettert zu werden.
Text: Demirovic, Marko, Willingen
-
Auf 1071 Metern liegt das Örtchen Campodolcino. Wen die umliegenden Berge zu sehr herausfordern, kann jetzt in einem 18 Meter hohen Turm klettern.
Foto: Marcello Mariana
Auf 1071 Metern liegt das Örtchen Campodolcino. Wen die umliegenden Berge zu sehr herausfordern, kann jetzt in einem 18 Meter hohen Turm klettern.
Foto: Marcello Mariana
-
Der Turm bietet an einer Ecke der bestehenden Sporthalle eine weitere Form der Leibesertüchtigung an.
Foto: Marcello Mariana
Der Turm bietet an einer Ecke der bestehenden Sporthalle eine weitere Form der Leibesertüchtigung an.
Foto: Marcello Mariana
-
Wie beim echten Bergsteigen werden Kletterer, oben angekommen, mit guter Aussicht belohnt.
Foto: Marcello Mariana
Wie beim echten Bergsteigen werden Kletterer, oben angekommen, mit guter Aussicht belohnt.
Foto: Marcello Mariana
Beim Klettern verändert sich eine Wand mit jedem Schritt – ihre Oberfläche, ihre Kante, ihr Widerstand. Diese Wand ist dann mehr als ein bloßes Hindernis, sie wird zu einem Raum, zum Stück eines Wegs, das zur Auseinandersetzung auffordert. Das befragt, untersucht und überwunden werden will. Eine derartige Haltung gegenüber einer Wand prägt auch den Entwurf von Enrico Scaramellini in Campodolcino, einem Dörfchen in der Nähe des Splügenpasses, wo der Architekt einen Bestandsbau um eine Kletterhalle erweiterte.
Wobei man weniger von einer Halle als von einem Turm sprechen muss. Was auf den ersten Blick wie ein überdimensionierter Findling erscheinen mag, markiert einen Eingriff in die Topografie des Tals. Zwischen Waldrand und eine Felskante gesetzt, entwickelt der Turm eine gebrochene Figur, die sich aus den Höhen der Bäume und der Silhouette der Berge ableitet, die ihn einrahmen. 18 Meter hoch, auf der kleinstmöglichen Grundfläche, wirkt der Turm von weitem unscheinbar, seine Präsenz wird erst beim Näherkommen spürbar.
Ist es ein Quarzitblock, ein Silo, ein Denkmal? Steht man schließlich davor, verrät ihn die Verbindung zum Bestand, einer Sporthalle, als einen Raum, der zum Klettern gedacht ist. Umrundet man ihn, scheint er sich zu verschmälern, wieder zu weiten, mit einem Mal spitz in die Höhe zu wachsen. Die unterschiedlich geneigten Fassadenflächen sind es, die dafür sorgen, dass sich die Erscheinung des Turms mit jedem Schritt verändert, nie zeigt er sich ganz, immer nur ausschnitthaft. Diese Wirkung rechtfertigt seine polygonale Geometrie, mit präzise ausgeführten Ecken. Der Baukörper ist in fünf gestapelte Segmente gegliedert, die vor Ort gegossen wurden. An jedem Gießtag entstanden drei Meter Betonwand. In weniger als einem Jahr war der Bau vollendet: ein rauer Turm aus Beton und Stahl, mit kleinen quadratischen Metallplatten, die zwischen einigen der Segmente eingelassen sind.
Das Innere birgt für all jene, die dort klettern, eine besondere Bedeutung. Über die typischen Einlässe, Beulen und Noppen einer Kletterwand besteigt man die Innenwände des Turms. Und wer die Spitze erreicht, blickt durch ein großformatiges Fenster Richtung Süden in die umliegenden Berge – ein Moment, der den Aufstieg mit einem Gefühl der Eroberung belohnt. Dieses Fenster erhellt auch den Innenraum und gibt denen, die sich der Wand stellen, eine Orientierung in Richtung Licht.
Die Farbwahl des pigmentierten Betons wurde mit Sorgfalt vor Ort getroffen. Bearbeitet mit unterschiedlichen Graden der Sandstrahlung, erhielt er eine sich wandelnde Oberfläche, deren Farbe sich je nach Tageszeit und Witterung ändert. Die Farbe wurde in der Absicht ausgesucht, dass sie die Felsen widerspiegelt, fast so, als sei der Turm selbst ein Fels. Die Metallklappen, die in die Segmente eingelassen sind, reflektieren das Tageslicht, das sich schillernd über die Fassadenflächen bricht.
Im Sommer verschwindet der Turm im dichten Laub der Bäume, während im Winter die klare Silhouette der Berge ihn stärker in den Vordergrund treten lässt. Es seien Illustrationen im Büro entstanden, die den Turm als Ruine im Dschungel oder als Totem in der Szenerie einer postapokalyptischen Wüste zeigen, erklärt der Architekt im Gespräch. Die Zeichnungen sollen verdeutlichen, dass der Turm, auch dank seines Materials, dem Beton, über seine eigene Zeit hinausgedacht ist. Die Verwechslungsgefahr zwischen Natur und vom Menschen geschaffener Skulptur ist somit Teil seiner Identität. Ob auch das Äußere des Turms dann und wann beklettert wird? Das bleibt offen, ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht. Beton, rau und pigmentiert, wird zum Felsen, zur Wand, zum Raum.
Fakten
Architekten
es arch enricoscaramelliniarchitetto, Madesimo/Giussano
Adresse
Via Giavere, 4, 23021 Campodolcino, SO, Italien
aus
Bauwelt 2.2026
Artikel als pdf
x
Bauwelt Newsletter
Immer freitags erscheint der Bauwelt-Newsletter mit dem Wichtigsten der Woche: Lesen Sie, worum es in der neuen Ausgabe geht. Außerdem:
- » aktuelle Stellenangebote
- » exklusive Online-Beiträge, Interviews und Bildstrecken
- » Wettbewerbsauslobungen
- » Termine
- » Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und jederzeit wieder kündbar.
Beispiele, Hinweise: Datenschutz, Analyse, Widerruf
0 Kommentare