Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin


Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wird vielfältig, auch für den Breitensport, genutzt. Nun soll das emblematische Sta­dion weichen. Einwände hinsichtlich seines baukulturellen Werts bleiben gegenüber vorgeblichen Belangen behinderter Sportler nahezu ungehört.


Text: Jäger, Frank Peter, Berlin


    Die Ostfassade der Tribüne des Jahnstadions: Über die sogenannte „Mielke-Rampe“ konnten Funktionäre mit ihren Volvos und Wolgas direkt vor die VIP-Lounge im Obergeschoss rollen.
    Foto: Daniele Ansidei

    Die Ostfassade der Tribüne des Jahnstadions: Über die sogenannte „Mielke-Rampe“ konnten Funktionäre mit ihren Volvos und Wolgas direkt vor die VIP-Lounge im Obergeschoss rollen.

    Foto: Daniele Ansidei

    Das Stadion im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wurde 1950/51 nach Plänen des Architekten Rudolf Ortner erbaut und 1986/87 um eine Tribüne ergänzt.
    Foto: Daniele Ansidei

    Das Stadion im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wurde 1950/51 nach Plänen des Architekten Rudolf Ortner erbaut und 1986/87 um eine Tribüne ergänzt.

    Foto: Daniele Ansidei

    Die Tribüne soll, wie das gesamte Stadion und das umgebende Sportgelände, einem „Inklusionssportpark“ weichen. Ob der barrierearme Umbau tatsächlich unmöglich ist, scheint nicht hinreichend eruiert.
    Foto: Daniele Ansidei

    Die Tribüne soll, wie das gesamte Stadion und das umgebende Sportgelände, einem „Inklusionssportpark“ weichen. Ob der barrierearme Umbau tatsächlich unmöglich ist, scheint nicht hinreichend eruiert.

    Foto: Daniele Ansidei

    Nicht die Farbe der Tribüne markiert das auch „Cantian“ genannte Stadion als wichtigen Vertreter der Ostmoderne. Die sportlichsozialistische Baugeschichte an der Grenze zum Westen begann zehn Jahre vor Mauerbau.
    Foto: Daniele Ansidei

    Nicht die Farbe der Tribüne markiert das auch „Cantian“ genannte Stadion als wichtigen Vertreter der Ostmoderne. Die sportlichsozialistische Baugeschichte an der Grenze zum Westen begann zehn Jahre vor Mauerbau.

    Foto: Daniele Ansidei

    Mit knapp 20.000 Plätzen ist das Jahnstadion das drittgrößte Stadion Berlins.
    Foto: Daniele Ansidei

    Mit knapp 20.000 Plätzen ist das Jahnstadion das drittgrößte Stadion Berlins.

    Foto: Daniele Ansidei

    Der Zeugniswert des Stadions besteht nicht zuletzt darin, dass in ihm die früheste und die letzte Phase der ostdeutschen Moderne verschmelzen.
    Foto: Daniele Ansidei

    Der Zeugniswert des Stadions besteht nicht zuletzt darin, dass in ihm die früheste und die letzte Phase der ostdeutschen Moderne verschmelzen.

    Foto: Daniele Ansidei

    An der Rückseite gründet die Tribüne brutal und offenbart ihren Betonkern.
    Foto: Daniele Ansidei

    An der Rückseite gründet die Tribüne brutal und offenbart ihren Betonkern.

    Foto: Daniele Ansidei

    Das an der Unterseite weißverschalte Dach der Tribüne verjüngt und erhebt sich zum Stadioninnern. Es scheint über den Fenstern der VIPLounge zu schweben.
    Foto: Daniele Ansidei

    Das an der Unterseite weißverschalte Dach der Tribüne verjüngt und erhebt sich zum Stadioninnern. Es scheint über den Fenstern der VIPLounge zu schweben.

    Foto: Daniele Ansidei

    Mehr zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und dem geplanten Abriss in Frank Peter Jägers Artikel "Die unwertbaren Jahre" in der kommenden Bauwelt 21.20
    Foto: Daniele Ansidei

    Mehr zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und dem geplanten Abriss in Frank Peter Jägers Artikel "Die unwertbaren Jahre" in der kommenden Bauwelt 21.20

    Foto: Daniele Ansidei

Wieder einmal sollen die Abrissbagger anrollen. Wieder einmal ist es ein Werk der Ostmoderne, das bald verschwinden soll, weil es großen Plänen im Weg steht: der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark Berlin, ein traditionsreiches Sportareal, gelegen am Schnittpunkt der Bezirke Pankow, Wedding und Mitte, neben dem als Mauerpark bekannten Grünstreifen. Herzstück des 16 Hektar großen Geländes ist das 1950/51 nach Plänen des Architekten Rudolf Ortner entstandene Jahnstadion, mit knapp 20.000 Plätzen das drittgrößte Stadion Berlins. Neben Plätzen für verschiedene Sportarten ist es eingebettet in eine parkartige Anlage.
Im Frühjahr ist ein Streit entbrannt um die Zukunft des Geländes – zwischen Abbruch- und Umgestaltungsbefürwortern bei Sportverbänden und der Senatsverwaltung für Inneres und Sport (SenInnDS) und kritischen Anwohnern, lokalen Politikern sowie Architektenverbänden. Die SenInnDS möchte das Ensemble schon seit einigen Jahren zum „Inklusionssportpark“ umgestalten, eine für behinderte Sportler und Zuschauer bestmöglich ausgelegte Anlage. Moderne Technik soll es etwa blinden Läufern ermöglichen, ohne Begleitung sicher ihre Runden zu drehen. Öffentlichkeitswirksam sekundiert werden die Senatspläne von Berlins Behindertensportverband, Fußballclubs und deren Dachorganisation, dem Landesportbund. Einen Umbau des alten Stadions hält die Sportverwaltung für nicht machbar.
Als Kernstück des Inklusionssportparks soll ein komplett neues Stadion entstehen, das als Fußballarena zweitligatauglich ist. Kritiker sind überzeugt, dass die erweiterte Fußballnutzung das primäre Ziel ist, das sich jedoch im Schulterschluss mit den Belangen behinderter Sportler weitaus wirkungsvoller propagieren lässt.
Philipp Dittrich von der Anwohner-Initiative „Jahn- sportpark“ fordert wie Michail Nelken, Linke-Politiker im Abgeordnetenhaus, eine qualifizierte Planung und eine echte Bürgerbeteiligung. Umbauoptionen für das bestehende Stadion müssten ernsthaft geprüft werden. Dittrich ist überzeugt, dass sich das Bauwerk umbauen lässt.
Nachdem Sportverbänden und Verwaltung bisher eine Machbarkeitsstudie des Projektsteuerers Drees & Sommer sowie des Büros SpOrtConCept als Grundlage ihrer Neubauplanungen genügte, teilte die federführende Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Juli 2020 mit, dass nun doch die Durchführung eines Wettbewerbs geplant sei. Jedoch sollen städtebaulicher und Architekturwettbewerb parallel durchgeführt werden, auch zum Abbruch. Wie so ein ergebnisoffenes Verfahren funktionieren soll, bleibt Geheimnis der Senatsverwaltung. Die beschränkt sich auf eine koordinierende Rolle und überlässt alle inhaltlichen Entscheidungen der SenInnDS. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Nelken an die Senatskulturverwaltung hieß es im Sommer, weder Stadion noch Gesamtensemble besäßen aus Sicht des Landesdenkmalamts Denkmalwert. Jedoch sei 2019 der Sportpark „erfasst“ worden. Unklar bleibt, weshalb diese Erfassung nicht wie üblich in ein förmliches Verfahren zur Abwägung der Denkmalwürde mündete.
Dass selbst für das Stadion kein Denkmalrang erkannt wurde, erstaunt. An der Sportarena überlagern sich in bemerkenswerter Weise historische Stränge. Anlass für ihre Errichtung auf dem seit 1900 bestehenden Sportgelände waren die III. Weltfestspiele der Jugend in Ostberlin 1951. Zwiespältige Berühmtheit erlangte die von Bauhaus-Absolvent Rudolf Ortner konzipierte Are­-na später als Heimspielstätte des als Stasi-Klub verschrienen BFC-Berlin. Bei der Ost-Berliner 750-Jahr-Feier war das Stadion erneut Schauplatz von Festlichkeiten und wurde 1986/87 ergänzt um die leuchtend rote Tribüne an der Westseite sowie die geneigten, fächerförmigen Stützenbündel der Flutlichttürme. Der Zeugniswert des Stadions besteht nicht zuletzt darin, dass in ihm die früheste und die letzte Phase der ostdeutschen Moderne verschmelzen.
Ortner nutzte wie fast zur gleichen Zeit SelmanSelmanagić, ebenfalls ein Bauhäusler, bei seinem Stadion am heutigen Standort des Bundesnachrichtendiensts Trümmerschutt, um einen umlaufenden Wall zu formen und darauf die ansteigenden Zuschauerränge anzulegen. Der aufziehende kalte Krieg findet sich 1:1 in Architektur umgesetzt: Die DDR, als das bessere, friedliebende Deutschland, errichtet auf und aus den Trümmern der Nazi-Barbarei Stadien, in denen sich dieJugend der Welt zum sportlichen Wettkampf trifft. Zu einer bauhistorischen Rarität macht beide Stadien, dass sie noch vor der Ära des „Zuckerbäckerstils“ sowjetischer Prägung entstanden und schlichte Modernität ausstrahlen.
Das beachtlich dimensionierte Ortner-Stadion selbst verschwindet beinahe in den Wällen aus Schutt und Erdreich. So ist neben den stählernen Flutlichtstützen die Haupttribüne der Blickfang. Ihre Vorhangfassade, rhythmisiert durch ein Raster vertikaler Profile, besteht aus Glaselementen, die mit kräftig korallroten Segmenten die farbige Hülle der Tribüne zur Stadtseite bilden. Das weit gespannte Dach und ein durchgehendes Fensterband betonen die Horizontale, sodass ein Wechselspiel stehender und liegender Rechtecke die Fassade beherrscht. Das Dach macht die Tribü­-ne unverwechselbar. Charakteristisch sind seine eigenwillige Faltung und sein asymmetrisch ausgebauchtes seitliches Profil, in dem sich die Tragkonstruktion verbirgt. Über dem Hochpunkt der Tribüne ist das Dach am breitesten, zum Stadion­inneren verjüngt es sich und steigt dann mit einem sanften Knick in flachem Winkel empor. Auch an der Eingangsseite ist der Abschluss der Dachhaube elegant aufgefaltet. Dachlandschaft und Ränge bilden mit dem kompakten Kubus für Kabinen etc. einen emblematischen, gut proportionierten Baukörper. Er scheint den späten 60ern entsprungen. Dass er erst 1987 entstand, drei Jahre nach dem ornamentstrotzenden (jüngst unter Denkmalschutz gestellten) Friedrichstadtpalast und in einer Zeit, als die DDR-Städte mit postmodernen Giebelhäusern um die schönste „Plattenbau-Altstadt“ wetteiferten, macht den Bau anachronistisch im besten Sinne. Von wem stammt dieses so sachliche, farbenfrohe Raumschiff?
In der Fachliteratur findet sich nur ein Hinweis auf „OKR Báňské projekty Ostrava KUO“. Die Baufirma aus dem tschechischen Ostrava (wohl ein Baukombinat) war auf Industrie- und Bergwerksbauten spezialisiert. Etwas mehr Licht in die Vorgeschichte bringt der Entwurf eines umfangreichen bauhistorischen Gutachtens; anders als das Landesdenkmalamt attestiert er dem Gebäude vielerlei Attribute, die klar für einen Denkmalrang sprechen. Auch werden darin eine Architektin Fisarova als Entwurfsverfasserin und ein Architekt Ondrej benannt. Es hätte einen Anflug vonTragik, wenn das Gebäude just in dem Moment, an dem seine Entwerfer benennbar sind und seine Identität besser greifbar wird, dem Abriss zum Opfer fiele. Der Fall macht deutlich, dass der Forschungsstand und denkmalpflegerische Erfassung zu Bauten der Nachkriegsmoderne noch immer erhebliche Lücken aufweist.
Die Forderung nach inklusiven Sportanlagen begrüßen auch die meisten Abrissgegner ausdrücklich. Philipp Dittrich von der Anwohner-Initiative betont, dass der Jahn-Sportpark schon heute inklusiv sei. Jung und Alt, Freizeitsportler, Profis und Amateure unterschiedlichster Diszi­plinen, mit und ohne Behinderung, trainierten hier.
Man mag sich ärgern über die Ignoranz von Sportverbänden und Verwaltung gegenüber Anwohner- und Denkmalbelangen; weitaus ärger­licher ist, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung keine Gestaltungsverantwortung für das überbezirklich bedeutsame Areal übernimmt.



Fakten
Architekten Ortner, Rudolf (1912–1997)
Adresse Cantianstraße 24, 10437 Berlin


aus Bauwelt 21.2020
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