Fenix I in Rotterdam


In einer Halle am Rotterdamer Rijnhaven lagerten früher die Habseligkeiten der Menschen, die in die neue Welt aufbrachen. Nun kann dort gearbeitet, getanzt und – dank vertikaler Erweiterung – auch gewohnt werden.


Text: Crone, Benedikt, Berlin


    Fenix I am innerstädtischen Rijnhaven.
    Foto: Ossip van Duivenbode

    Fenix I am innerstädtischen Rijnhaven.

    Foto: Ossip van Duivenbode

    Die Passage in der Halle ...
    Foto: Ossip van Duivenbode

    Die Passage in der Halle ...

    Foto: Ossip van Duivenbode

    ... und die Südseite mit rekonstruierter Betonfas­sade im Stil des Originalzustands der 1920er Jahre.
    Foto: Marc Goodwin

    ... und die Südseite mit rekonstruierter Betonfas­sade im Stil des Originalzustands der 1920er Jahre.

    Foto: Marc Goodwin

    Im Westteil der Halle befindet sich u.a. ein großer Übungsraum für einen Circus und eine Tanzschule, im Ostteil ein Parkhaus und Gastronomie.
    Foto: Ossip van Duivenbode

    Im Westteil der Halle befindet sich u.a. ein großer Übungsraum für einen Circus und eine Tanzschule, im Ostteil ein Parkhaus und Gastronomie.

    Foto: Ossip van Duivenbode

    Im Hof des Neubaus: Laubengänge erschließen ...
    Foto: Marc Goodwin

    Im Hof des Neubaus: Laubengänge erschließen ...

    Foto: Marc Goodwin

    ... die 40 bis 300 Quadratmeter großen Wohnungen.
    Foto: Ossip van Duivenbode

    ... die 40 bis 300 Quadratmeter großen Wohnungen.

    Foto: Ossip van Duivenbode

    Foto: Ossip van Duivenbode

    Foto: Ossip van Duivenbode

In der Nacht vom 19. November 1887 erlebte die Menschheit einen frühen Kollateralschaden ihrer Globalisierungsgeschichte. Aus dem dichten Nebel des Ärmelkanals tauchte der Ozeandampfer W. A. Scholten auf und krachte, Steuerungsversuchen des jungen Kapitäns zum Trotz, in einen britischen Kohlefrachter. An Bord des Dampfers, der sich auf dem Weg von Rotterdam nach New York befand, brach Panik aus: Wasser schoss in den Rumpf, Passagiere, bereits in ihren Nachthemden gekleidet, fielen auf die Knie und beteten, andere rannten an Deck und schlugen sich um einen Platz in den wenigen seetüchtigen Rettungsbooten.
Das Unglück mit 132 Toten war ein Tiefpunkt der Holland-America Line (HAL), aber nicht ihr Ende. Die Reederei brachte in den folgenden Jahrzehnten über eine Millionen Menschen sicher von der alten in die neue Welt, die meisten von ihnen vom Rotterdamer Rijnhaven aus. Steht man heute an dem Hafenbecken, das zwischenzeitlich von deutschen Bombern geglättet und mit Hochhäusern neubebaut wurde, wirkt die Welt der Reisenden wortwörtlich hinfortgezogen. Es ist ruhig, von der Erasmusbrücke weht ein kalter Wind vorbei an den Glastürmen von De Rotterdam und lässt das Wasser glucksend gegen die Kaimauer schwappen. Die wenigen Zeugnisse der Vergangenheit sind neben dem ehema­ligen Hauptgebäude der HAL, heute das Hotel New York, zwei das Becken begleitende Lagerhallen: die Fenixloods. An ihrer Stelle war 1923 eine lange Umschlaghalle errichtet worden, die der Lagerung größerer Transportgegenstände der Passagiere diente. Einer Sprengung der Hal­le im Krieg folgte ein erster Wiederaufbau, und 1954, nach einem Brand im mittleren Teil des Gebäudes, ein zweiter. Diesmal mit einer Verbreiterung zur Kaiseite und als zwei voneinander getrennten Halle: Fenix I und Fenix II.
Während Fenix II derzeit einen Umbau zu einer kulinarischen Erlebnishalle und einem Museum über Migrationsgeschichte erlebt, hat Fenix I bereits seinen Umwandlungsprozess hinter sich. Die Rotterdamer Architekten mei haben im Auftrag des Immobilienunternehmens Heijmans die zweigeschossige Halle mit einem Wohngebäude aufgestockt, das von neun Geschossen am Wasser auf fünf Geschosse zur Südseite abtreppt. Der Neubau aus Betonfertigteilen ruht auf einer eine Million Kilo Stahl umfassenden Tragwerkskonstruktion, von den Architekten auch als „Tischtragwerk“ bezeichnet. Dank ihr bleibt der alte Lagerbau vom neuen Wohnungsbau statisch unberührt. Dennoch hat das aufgesattelte Gebäude sichtbaren Einfluss auf das Innenleben der für Gastronomie, Parkhaus, Tanz- und Sportstudio umgenutzten Lagerhalle. In ihre Decke bohren sich nun in regelmäßigen Abständen glattglänzende Pfeiler, die nicht zu den nackten Betonwänden passen wollen und stets daran erinnern, dass sich hierüber noch 212 Wohnungen samt Dachterrassen stapeln.
Dieses physische Ineinanderschieben von Zeit-ebenen löst in Robert Winkel spürbare Begeis­terung aus. In der Passage, dem 40 Meter langen Erschließungsgang des Gebäudes, fährt der Architekt und Büroleiter demonstrativ mit seiner Hand über Betonwände, die sich in ihrer Körnung und Qualität unterscheiden, da sie aus zwei Zeiten stammen: dem Originalzustand der 1920er und dem Wiederaufbau der 1950er Jahre. Das historische Kombinieren setzt sich bei der Fassadengestaltung fort. Zur südlichen Straßenseite wurde der Zustand von 1922 als eine glatte und von reduzierten Lisenen geprägte Betonfassade rekonstruiert. Dabei wurden die über Jahre von Blech überdeckten Hallenöffnungen, die dem Be- und Entladen dienten, als Glasfassade wiederhergestellt. Zur nördlichen Wasserseite entschieden sich die Architekten für den Erhalt der in den 1950er Jahren durchgeführten Hallenerweiterung mit auskragendem Zwischengeschoss und öffnete auch hier wieder Lade-tore durch Fensterbänder. Von dieser geschichts­trächtigen Hybris förmlich abgehoben wirken die Wohngeschosse.
Fährt man mit dem Fahrstuhl hinauf in den Neubau, ist es, als würde man der Geschichte entgleiten. An der östlichen Fahrstuhlseite zieht hinter Glas ein Autoparkhaus vorbei, das in den Ostteil der Halle integriert wurde und nicht sonderlich ausgelastet scheint. Dann öffnet sich ein tiefer Innenhof, um den die Laubengänge der mit Holz verkleideten Wohnungen verlaufen. Eine Material- und Farbwahl, die nach der rauen Hallenästhetik so überraschend wie kontextlos erscheint und bei der man sich wünscht, dass aus den rhythmisch versetzten Blumenkübeln alsbald Kletterpflanzen über die schneeweißen Stahlvorrichtungen sprießen.
In den Wohnungen – die 78 Miet- und 134 Eigentumswohnungen wurden nach individuellen Grundrissen von 40 bis 300 Quadratmeter angefertigt – wird dafür wieder ein Kontaktversuch zur Industrieästhetik gewagt. Innen mit Sichtbeton und außen, auf den umlaufenden Balkonen, mit auskragenden Betonträgern, die mit einem Besenstrichputz versehen wurden. Hier oben, beim Blick über das Kai und das sich stark wandelnde Viertel Katendrecht, kehren auch Gedanken zurück, die wieder bis zur Seefahrtsgeschichte reichen. Mit dem Unterschied, dass die Menschen inzwischen hier auf einer Umschlaghalle sesshaft geworden sind und nicht den Anschein erwecken, als wollten sie in eine andere, ferne Welt aufbrechen.



Fakten
Architekten Mei architects and planners, Rotterdam
Adresse Veerlaan 15, 3072 AN Rotterdam, Niederlande


aus Bauwelt 11.2020
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