Das Einkaufszentrum „Bregu i diellit“ in Pristina


Entwurf: 1989; Fertigstellung: 2001.


Text: Luzhnica, Donika, Zürich; König, Jonas, München


    Die verspringende Kubatur greift die Hanglage des Komplexes auf.
    Foto: Jetmir Idrizi

    Die verspringende Kubatur greift die Hanglage des Komplexes auf.

    Foto: Jetmir Idrizi

    Die verschiedenen Arten von Nahversorgung und Shoppinggelegenheit reihen sich unter Oberlichtern ...
    Foto: Jetmir Idrizi

    Die verschiedenen Arten von Nahversorgung und Shoppinggelegenheit reihen sich unter Oberlichtern ...

    Foto: Jetmir Idrizi

    ... und in Straßen, die über Fenster mit dem Stadtraum verknüpft sind.
    Foto: Jetmir Idrizi

    ... und in Straßen, die über Fenster mit dem Stadtraum verknüpft sind.

    Foto: Jetmir Idrizi

Mit einem Wettbewerb für ein Einkaufszentrum im Südosten Pristinas sollte 1987 die Entwicklung des Wohnviertels „Bregu i diellit“ (Albanisch: Sonnenhügel) abgeschlossen werden. Aufgabe war es, die nach Entwürfen des Zagreber Büros Plan errichtete Nachbarschaft nicht nur um Versorgungsfunktionen, sondern auch um ein soziales Zentrum zu ergänzen und so Bregu i diellit als autonomen Teilraum innerhalb Pristinas zu positionieren. Nicht zu erahnen war allerdings, dass bis zur Realisierung des Einkaufszentrums vierzehn Jahre vergehen würden – und mit ihr mehr als nur die Entwicklung eines Quartiers zu Ende ging.
An dem Wettbewerb nahmen führende Architekturbüros aus ganz Jugoslawien teil. Als Gewinner gingen 1989 jedoch mit Sali Spahiu (*1946) und Hamdi Binakaj (*1953) zwei Architekten des Pristinaer Büros für Städtebau hervor. Sali Spahiu hatte bereits kurz zuvor das Kosovafilm-Gebäude realisiert, das 1988 mit dem Architekturpreis der landesweit erscheinenden Zeitung Borba ausgezeichnet wurde.
Der Entwurf Spahius und Binakajs überzeugte vor allem dadurch, wie er mit dem stark geneigten Baugrundstück umgeht: Die Architekten schlugen vor, das Einkaufszentrum mit Hilfe von mehreren abgestuften Volumen in das unebene Gelände einzubetten. Drei Haupteingänge auf un­terschiedlichen Ebenen sollten zu fließenden Bewegungen durch das Gebäude einladen und es zu einem Knotenpunkt machen, der die topographisch getrennten Außenräume des Quartiers miteinander verknüpfet. Im Inneren sollten von oben belichtete oder nach Außen geöffnete Wege den Raum durchziehen, sich in einem zentralen Forum treffen und so klar konturierte Zugangs- und Aufenthaltszonen schaffen. Um diese herum sollten verschiedene Einzelhandelstypen, vom Kaufhaus über kleine Handwerksläden bis hin zu einem „Markt“, gruppiert sein, die im Zusammenspiel das Leben im Quartier bereichern würden.
Bei der architektonischen Formulierung wurden die Architekten von einer Reise nach Paris und­ dem Umbau des Quartier des Halles (1970–79) inspiriert. Die Fassade ihres Gebäudes sollte durch quadratische Module und zwei Hauptmaterialien, Aluminiumplatten und verspiegelten Glasflächen, gegliedert werden. An den drei Haupteingängen sollten gelbe, fili­grane Dachvorbauten die Eingangssituation markieren. In Summe refe­renzierte der Entwurf einen gleichzeitig feingliedrigen und massiven Indus­triepalast und zeichnete sich durch raffinierte Eleganz aus.
Besucht man das Einkaufszentrum Bregu i diellit heute, ist diese Eleganz – trotz mangelnder Instandhaltung, Vandalismus und Leerstand – unmittelbar zu erkennen. Beim Vergleich von Entwurf und Umsetzung fallen allerdings neben informellen Umbauten größere systematische Abweichungen auf, von denen die Verwendung blauer statt ockerfarbener Fassadenelemente nur die augenfälligste ist.
Angesichts einer Baugeschichte, die parallel zum Zerfall Jugoslawiens verlief, sind diese Abweichungen allerdings weniger bemerkenswert als die Tatsache, dass das Einkaufszentrum überhaupt realisiert wurde. Bereits direkt nach dem Wettbewerbsbescheid sorgte der Umstand für Ver­zögerung, dass die Arbeit zweier albanisch-stämmiger Architekten nach der Beendigung des kosovarischen Autonomiestatus bei der serbischen Zentralverwaltung keine Unterstützung mehr fand. Weiter erschwert wurde der Bauprozess dann durch die 1991 ausbrechenden Jugoslawienkriege. Ein (sanktionsbedingter) Mangel an Baumaterialien führte 1992 zum vorläufigen Baustopp. Bis nach dem Kosovo-Krieg 1999 diente der Rohbau einzig Straßenhunden als Quartier. Die Entscheidung des staatlichen Bauunternehmens NPK, das Einkaufszentrum schließlich in der Nachkriegszeit fertigzustellen, wurde allgemein eher als Versuch interpretiert, Norma­lität herzustellen, weniger galt sie als Fortführung eines architektonischen Projekts.
Als Schlussstein für die Entwicklung eines Quartiers war das Einkaufszentrum Bregu i diellit geplant, geworden ist es zum Schlussstein der jugoslawischen Moderne in der Stadt. Realisiert unter veränderten politischen und ökonomischen Bedingungen, war es bereits bei der Eröffnung ein Relikt. Bis heute bleibt es ein in seiner Qualität zu erahnendes, zu entdeckendes Meisterwerk.



Fakten
Architekten Spahiu, Sali, Pristina; Binakaj, Hamdi, Pristina
Adresse 42°39'3"N 21°10'2"E


aus Bauwelt 19.2022
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