Bauwelt

Einfeldsporthalle in Ingerkingen


15 auf 27 Meter fordert die DIN für eine Einfeldsporthalle. Was tun mit einer zu schmalen, sanierungsbedürftigen Halle aus den 1960ern? Atelier Kaiser Shen gibt mit Ingerkingen bei Ulm eine Antwort.


Text: Minet, Paulina, Konstanz


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    Bestand und Ergänzung sind zu einer Einheit verbunden, lassen sich jedoch klar lesen: Der neue Holzbau umklammert den verputzt in die Welt blicken-den Altbau.
    Foto: Brigida González

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    Bestand und Ergänzung sind zu einer Einheit verbunden, lassen sich jedoch klar lesen: Der neue Holzbau umklammert den verputzt in die Welt blicken-den Altbau.

    Foto: Brigida González

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    Die Halle öffnet sich über die komplette südliche Langseite. Auch der neue Zugang ist hier, zum (Spiel-)Feld gerichtet, integriert.
    Foto: Brigida González

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    Die Halle öffnet sich über die komplette südliche Langseite. Auch der neue Zugang ist hier, zum (Spiel-)Feld gerichtet, integriert.

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    Die Form der Holzträger zeichnet den Momentenverlauf nach.
    Foto: Brigida González

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    Die Form der Holzträger zeichnet den Momentenverlauf nach.

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    Der Großteil der Lasten wird über die Stützen ...
    Foto: Brigida González

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    Der Großteil der Lasten wird über die Stützen ...

    Foto: Brigida González

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    ... an der niedrigeren Südseite abgetragen.
    Foto: Brigida González

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    ... an der niedrigeren Südseite abgetragen.

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    Die Bühne, auf der u.a. der örtliche Musikverein spielt, ...
    Foto: Brigida González

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    Die Bühne, auf der u.a. der örtliche Musikverein spielt, ...

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    ... ist hinter einer mobilen, einfach auf- und abbaubaren Holztafelwand verortet.
    Foto: Brigida González

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    ... ist hinter einer mobilen, einfach auf- und abbaubaren Holztafelwand verortet.

    Foto: Brigida González

Umgeben von Feldern, im Hügelland des Rißtals liegt etwa auf halbem Weg zwischen Biberach und Ehingen die kleine oberschwäbische Gemeinde Ingerkingen. Hier wurde im vergangenen Jahr ein Projekt fertiggestellt, das sich der Brisanz des Bestandsumbaus im ländlichen Raum annahm: Mit der Grundschule, dem Musikverein, der Freiwilligen Feuerwehr und dem örtlichen Sportplatz bildete die Mehrzweckhalle viele Jahrzehnte das Zentrum des Dorflebens. Sie war in den sechziger Jahren als Turnhalle der angrenzenden Grundschule errichtet worden, im Laufe der Jahre wurde sie jedoch mehrfach um-gebaut und zu einer Mehrzweckhalle erweitert. Nach langjährigem Betrieb und wegen drängendem Sanierungsbedarf entschied sich der Gemeinderat, die Halle neu zu denken.
Der ausgelobte Wettbewerb ließ offen, ob das Bestandsgebäude integriert oder durch einen Neubau ersetzt würde. Gefragt war eine Halle mit Räumen, die sowohl für Schulunterricht als auch Vereinssport oder Veranstaltungen genutzt sowie vermietet werden könnten. Einzig Ate-lier Kaiser Shen schlug vor, Erhalt und Sanierung des Bestands Abriss und Neubau vorzuziehen, und stellte sich damit der Frage des Weiterbauens im ländlichen Raum. Das Projekt konnte sechzig Prozent der Gebäudemasse erhalten. Dies spiegelt sich auch im architektonischen Ausdruck wider, der den Dialog zwischen Alt und Neu gut lesbar darstellt: Vom Mauerwerk des Bestands, das im Norden und an den Giebelfassaden neu gedämmt und weiß verputzt wurde, hebt sich die Aufstockung und Erweiterung in Holzbauweise durch eine Verblendung aus sägerauer Fichte deutlich ab. Die Südfassade musste aufgrund der unzureichenden Spielfeldbreite weichen.
Doch wie konnte dieses Konzept wirtschaftlich und technisch umgesetzt werden? Auch wenn die Initiative der Architekten und das Vertrauen der Bauherrschaft den Anstoß gaben, spielten die wirtschaftliche Argumente eine entscheidende Rolle. Insbesondere die Finanzierung einer Hälfte der etwa sieben Millionen Euro Baukosten durch verschiedene Förderprogramme, etwa die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) oder das Holz Innovativ Programm des Landes Baden-Württemberg, trugen maßgeblich zur Entscheidung für den Bestandserhalt bei. Unterstützt wurde der Rückbau außerdem von örtlichen Vereinen. Die Mitglieder haben teils mit angepackt und Materialien nachgenutzt, beispielsweise für den Bau einer Waldhütte. Dieser Umstand wäre im städtischen Kontext kaum denkbar, im ländlichen Raum sind derlei Symbiosen allerdings altbewährt, naheliegend und Gold wert für das kreislaufgerechte Bauen.
Technisch besonders herausfordernd war die Statik. Das vom Ingenieurbüro str.ucture ent-wickelte Tragwerk machte den Bestandserhalt trotz erhöhter Spannweiten möglich. Die auf dem bestehenden Achsraster platzierten, biegesteifen Zweigelenkrahmen aus Brettschichtholz sind an der Nordseite höher und gelenkig gelagert, sodass an dieser Stelle nur vierzig Prozent der Vertikallasten aufgenommen werden. Die übrige Vertikal- sowie Horizontalast entfällt auf die eingespannte Ecke der ersetzten Südfassade und wird über deren neue Fundamente abgetragen. Die Auskragung an dieser Seite stellt außerdem den konstruktiven Holzschutz sowie eine ausreichende Verschattung im Sommer sicher. Die Form der Träger folgt, inklusive einer leichten Bauchigkeit, dem natürlichen Kräfteverlauf und wird zum gestalterischen Element, das Leichtigkeit im Innenraum erzeugt. Auch im Inneren sind die Spuren der Geschichte anhand von Holz und von Kalk-geschlemmten Flächen spürbar. Darüber, ob es wirklich nötig war, die Relikte einzelner Materialabschnitte an der Bühnenrückwand in Szene zu setzen, lässt sich streiten – vor dem Umbau waren sie nicht sichtbar.
Der Wunsch nach Multifunktionalität äußert sich im Raumprogramm, aber auch in Detail-Lösungen. So gibt es neben der Halle und den dazugehörigen Nebenräumen für Geräte und Umkleiden ein Stuhllager, eine Küche mit Ausschank und mobiler Theke sowie eine höhenverstellbare Garderobe und Vereinsräume der Narrenzunft. Spezielle Lösungen für die flexible Nutzung bieten zudem der zusätzliche Sportlereingang und die Zuwegung der Umkleiden über eine Galerie, die breit genug ist, um gleichermaßen als Tribüne zu dienen.
Im Sinne des nachhaltigen Gesamtkonzepts wurde das Dach mit PV-Modulen bestückt. Die Halle selbst verbraucht nur ein Drittel des erzeugten Stroms, zwei Drittel fließen in eine Bürgerenergiegenossenschaft. Zur Sicherung der Eigenversorgung verfügt die Halle zudem über einen 40-Kilowatt-Stromspeicher. Für den sensiblen Umgang mit dem Bestand wurde das Projekt mit einer Auszeichnung beim Deutschen Architekturpreis 2025 geehrt. Die Jury lobte den vorbildhaften Charakter der Mehrzweckhalle für viele weitere Objekte dieser Art in Deutschland. Entscheidend könnte dabei wohl die greifbare Größe des Projekts sein.



Fakten
Architekten Atelier Kaiser Shen Architekten, Stuttgart
Adresse Schlägweidestraße 3, 88433 Schemmerhofen


aus Bauwelt 2.2026
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