Bauwelt

Médiathèque Charles Nègre in Grasse


Die Médiathèque Charles Nègre von Beaudouin Architectes und Ivry Serres Architectures im historischen Zentrum von Grasse ist eine Aufwertung der Altstadt und ein klares Statement für den Erhalt historischer Stadtkerne.


Text: Koller, Michael, Marseille


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    Ein weißer Schein­riese in einer bunten Altstadt.
    Foto: Fernando Guerra

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    Ein weißer Schein­riese in einer bunten Altstadt.

    Foto: Fernando Guerra

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    Haupteingang an der Place du Rouachier.
    Foto: Fernando Guerra

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    Haupteingang an der Place du Rouachier.

    Foto: Fernando Guerra

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    Foto: Fernando Guerra

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    Die 15 Zentimeter dicken Säulchen vermitteln zwischen innen und außen: Sie schützen vor direkter Sonneneinstrahlung und geben trotzdem einen Eindruck von Durchlässigkeit.
    Foto: Fernando Guerra

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    Die 15 Zentimeter dicken Säulchen vermitteln zwischen innen und außen: Sie schützen vor direkter Sonneneinstrahlung und geben trotzdem einen Eindruck von Durchlässigkeit.

    Foto: Fernando Guerra

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    Foto: Fernando Guerra

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    Das Tonnengewölbe ermöglichte es, die Deckenstärke zu reduzieren.
    Foto: Fernando Guerra

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    Das Tonnengewölbe ermöglichte es, die Deckenstärke zu reduzieren.

    Foto: Fernando Guerra

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    Foto: Fernando Guerra

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    Das Dach der Mediathek ist als Terrasse nutzbar. Im seitlichen Gebäudeteil erschließt eine Rampe die oberen Stockwerke.
    Foto: Fernando Guerra

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    Das Dach der Mediathek ist als Terrasse nutzbar. Im seitlichen Gebäudeteil erschließt eine Rampe die oberen Stockwerke.

    Foto: Fernando Guerra

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    Foto: Higo (Agathe Rosa)

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    Foto: Higo (Agathe Rosa)

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    Das Gebäude muss das Gefälle zwischen der Place du Rouachier und der Rue Charles Nègre ausgleichen.
    Foto: Fernando Guerra

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    Das Gebäude muss das Gefälle zwischen der Place du Rouachier und der Rue Charles Nègre ausgleichen.

    Foto: Fernando Guerra

Die rund 52.000 Seelen zählende südfranzösische Stadt Grasse verdankt ihr internationales Renommee in erster Instanz der Parfumproduktion. Sie liegt, wie viele Städtchen im Hinterland der Côte d’Azur, auf einem Hügel. Die zum Teil steile Hanglage des historischen Stadtzentrums erklärt die dichte und enge Bebauung mit mehrgeschossigen Häusern, zwischen denen sich schmale und verwinkelte Straßen und Gassen ziehen. Nur an wenigen Stellen reißt die Bebauung auf und erlaubt den Blick über die Stadt und die dicht besiedelte Umgebung. Einer dieser Plätze ist die neu gestaltete Place du Lieutenant Georges Morel, von der aus man einen ausgezeichneten Blick auf die von Beaudouin Architectes und Ivry Serres Architectures entworfene und realisierte neue Mediathek bekommt. Benannt ist sie nach dem aus Grasse stammenden Künstler und Fotopionier Charles Nègre (1820–1880).
Koloss in kleinteiligem Kontext

Was auf den ersten Blick wie ein geschlossener Koloss im urbanen Geflecht aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Bauwerk, das die Vielseitigkeit der historischen Stadtstruktur mit ihren Plätzen, Brücken, Gassen und Aussichtspunkten fortsetzt. Das Bauwerk wird von verschiedenen Plätzen und engen Gassen gefasst: Der Hauptzugang erfolgt über einen Teilbereich der erwähnten Place Georges Morel, die Place du Rouachier, von Nordwesten. Das Marseiller Stadt- und Landschaftsplanungsbüro STOA entwickelte für das teilweise unbewohnte, vernachlässigte und heruntergekommene Stadtviertel rund um die Mediathek ein weitreichendes System neuer Straßen, Gassen und Plätze, das seinen zentralen Punkt im Brunnen und Wasserbecken vor der Mediathek findet. Auch an der Nordostseite entstand ein kleiner Freiraum zwischen dem Neubau und den bestehenden Wohnhäusern: die Place du Caporal Jean Vercueil. Sie ist über einen schmalen Verbindungsweg, die Traverse Nègre, mit der Rue Char­-les Nègre – die die Grasser Altstadt fast mittig durchschneidet – im Südosten verbunden. Westlich zwischen Mediathek und alten Wohnhäusern verläuft ein Fußweg, die Rue de la Lauve, die wiederum in die Place du Rouachier mündet.

Von der Rue Charles Nègre ist die Mediathek kaum sichtbar, obwohl auch einige der historischen Gebäude entlang dieser kleinen Straße Teil des Projekts sind – die Architekten haben die Häuser ohne wesentliche Veränderungen der Fassaden in Stand gesetzt und für administra­tive Funktionen umgerüstet. Nur an der Kante zur Traverse Nègre tritt der Neubau mit einem turm­artigen Volumen hervor, das sich eng an die benachbarten Wohnhäuser schmiegt. Von der Place du Rouachier her gesehen wirkt die kompakte Form des Neubaus nahezu brutal gegenüber der kleinteiligen Häuserstruktur des Stadtkerns. Lediglich ein schmales, wie mit einem Hobel herausgelöstes Volumen bricht aus dem Kubus aus, in ihm befindet sich eine Rampe. Zugute kommt der kräftigen Volumetrie jedoch die kleinteilige Fassadengestaltung aus schmalen weißen „Säulen“, die an Papierrollen erinnern. Die zarten, länglichen Elemente konterkarieren die Masse des Baukörpers und vermitteln zu den umliegenden Häusern. Ohnehin ist das Gebäude viel größer, als es sich auf dem von Wasserspielen belebten Vorplatz zeigt – seinen Fuß setzt es an der Rue Charles Nègre. Zur Place Rouachier liegt es um etwa zehn Meter eingegraben. An der seitlichen Place du Caporal Jean Vercueil wird der Schnitt sichtbar, der das Bauwerk, um den Höhenversprung zu vermitteln, in einen teils unterirdischen Sockel und einen Oberbau teilt. Die Hauptzugangsebene befindet sich auf Niveau der Place du Rouachier in diesem, von einer weiten Auskragung markierten Schnitt. Gewährleistet wird die kragende Geste von zwei massiven, etwa zwei Meter breiten und fünfzig Zentimeter dicken Stahlbetonplatten. Zusammen mit zwei Stahlbetonkernen, die einerseits der vertikalen Erschließung und andererseits sekundären (Lager-)Funktionen dienen, bilden diese beiden plattenförmigen Stützen die Haupttragstruktur des Gebäudes und ziehen sich durch alle Geschosse.

Eingegraben und freigespielt

Die Mediathek ist in mehrere ein- bis zweigeschossige Niveaus aufgeteilt, die über zahlreiche Deckendurchbrüche, Galerien und Rampen miteinander verbunden wurden. Die insgesamt 3663 Quadratmeter sind auf sieben Ebenen angelegt, von denen fünf der Öffentlichkeit zugänglich sind. Das dritte Untergeschoss, der „Fuß“ des Hauses, ist über die Altbauten an der Rue Charles Nègre zugänglich. Es ist in erster Linie mit Spiel- und Betreuungsräumen für Kinder und Ateliers bestückt. Zur Rückseite wurden ein Auditorium und ein Vorlesesaal eingerichtet, die von einem zentral liegenden Foyer aus zugänglich sind. Diese beiden, teils unterirdischen Räume reichen über die Gebäudekonturen des darüberliegenden Geschosses hinaus. Dieses zweite Untergeschoss liegt auf Höhe der Place du Corporal Jean Vercueil und ist in erster Linie Ausstellungen und der Dokumentation der Arbeit von Charles Nègre vorbehalten. Es ist über die Place zugänglich und rückseitig von einem Durchgang zur Rue de la Lauve flankiert. Dieser Durchgang entlang der mit Natursteinen verkleideten Mauer liegt über einem Teil des eingegrabenen Audi­toriums. Die Räumlichkeiten des ersten Untergeschosses dienen beinahe vollständig den technischen Einrichtungen und als Bücherlager.

Das Erdgeschoss schließlich bezieht sich klar auf die Place du Rouachier. Neben dem Eingangsbereich der Mediathek ist ein Teil der Räumlichkeiten an der Schnittstelle zwischen dem Neubau und den Bestandsgebäuden der Artothek zur Dokumentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst, sowie der Abteilung der bildenden Künste vorbehalten. Die darüberliegenden zwei Geschosse sind als Open-Space-Plateaus konzipiert, auf denen sich die verschiedenen Abteilungen für Zeitschriften, Musik, Literatur, CDs, DVDs, Kino, Videospiele und grafische Romane und Comics, sowie verschiedene Computerarbeitsplätze befinden. Den krönenden Abschluss bildet eine Dachterrasse mit Café im Südosten, von der aus sich ein Rundblick über die umliegende Hügellandschaft bietet.

Erscheinung mit luftiger Massivität

Die weißen, 15 Zentimeter breiten Säulen der Fassade – sie lassen auch an Bambus- oder Holzstämme denken – lichten sich nur an wenigen Stellen, wie am Haupteingang oder vor den Zugängen zu den Ausstellungsräumen. Die mehr als 13.000 von ihnen, mit Längen von 74, 42 und 32 Zentimetern, ummanteln den Bau in einem Achsabstand von zwanzig Zentimetern. Sie lagern auf Stahlwinkeln, die an den vor Ort gefertigten, U-förmigen Betonbalken befestigt sind, die die Geschossdecken seitlich abschließen. Aus Gründen der Erdbebensicherheit wurden die im Kern hohlen Elemente vom Sockel bis zur Dachkante mit Stahlkabeln verbunden. Die Säulen aus weißem Beton mit ihrer geriffelten Oberfläche überziehen das Bauwerk wie ein Vorhang. Etwa einen Meter zurückversetzt befindet sich die eigentliche Glasfassade. So dienen sie in den Sälen der Obergeschosse als Filter, der das direkte Sonnenlicht abhält und vor Überhitzung schützt. Gleichzeitig gewährleisten sie eine ruhige Atmosphäre im Inneren, die die Arbeit und Lesen erleichtert. Laut den Architekten soll die Fassadengestaltung dem Bauwerk eine explizit fremdartige Identität verleihen.
Das zweite Element, das dem Neubau eine besondere Identität verleiht, sind gewölbte, vor Ort gegossene Deckenelemente – eine Referenz an den Architekten Josep Lluís Sert und die Fonda­tion Maeght in Saint-Paul-de-Vence, wie Laurent Beaudouin betont. Gleichzeitig zitieren sie ein konstruktives Element, das in Grasse vielerorts zu sehen ist. Ivry Serres erläutert außerdem, dass es durch das Prinzip der Wölbungen gelang, die großen Deckenstärken, die aufgrund der Spannweiten und Auskragungen notwendig wurden, zu reduzieren: „Mit diesem System gelang es, Gewicht zu reduzieren und gleichzeitig eine rigide, den Erdbebenanforderungen gerechte Struktur zu entwickeln“. Einhergehend mit den Gewölbedecken entwickelten die Planer einen Installationsboden zur Leitungsführung sowie ein System von Lichtbändern an der unteren Kante der Wölbungen. Diese sorgen für eine homogene Belichtung der Arbeitsplätze und setzen die Wölbungen zusätzlich in Szene.

Ein unwägbar lohnendes Unterfangen

Im Gespräch mit Ivry Serres wird deutlich, dass das Bauvorhaben komplexer und langwieriger war, als es das Endergebnis vermuten lässt. Archäologische Funde aus der frühen Bronzezeit, die Errichtung von temporären Konstruktionen zur Absicherung der Fundstätte, Umplanungen der Geschosshöhen, der Einsturz eines baufälligen Nachbarhauses und die dadurch notwen­dige Neuplanung der integrierten Bestandsgebäude sind nur einige der Punkte, die zu einer jahrelangen Verzögerung der Fertigstellung führten. Parallel dazu musste das Gelände terrassiert werden, die Mauern der Zisternen und Fundamente benachbarter Wohnhäuser mussten verstärkt werden. Serres betont, dass das Projekt ein Bekenntnis zum Erhalt historischer Stadtkerne ist: „Selbst wenn das Projekt im Nachhinein gesehen für Außenstehende unrentabel und verrückt erscheint, wird damit ein Stück Stadt und Stadtgeschichte erhalten und wieder zum Leben erweckt. Das alleine rechtfertigt eine derart komplexe und langwierige Operation.“

Im vergangenen Jahr wurde die Mediathek Charles Nègre mit dem Architekturpreis „Prix de l’Equerre d’argent“ ausgezeichnet. Sie ist ein Vorbild für die Region, indem sie zeigt, wie zeitgenössische Architektur im heißen Klima des Mittelmeerraumes gestaltet werden kann. Und sie birgt Potenzial für den konkreten Ort – als Katalysator für weitere Veränderungen.



Fakten
Architekten Beaudouin Architectes; Ivry Serres Architectures
Adresse 3-1 Pl. du Caporal Jean Vercueil, 06130 Grasse, Frankreich


aus Bauwelt 18.2023
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