Bauwelt

Revisited: Messestadt Riem in München


In der Fachwelt genießt die Münchner Messestadt Riem einen ambivalenten Ruf. Wie präsentiert sich derzeit diese große, vor dreißig Jahren begonnene Stadterweiterung?


Text: Stock, Wolfgang Jean, München


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    Blick von Osten auf die Wohnstadt, links der Landschaftspark mit großem See.
    Foto: Sebastian Schels

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    Blick von Osten auf die Wohnstadt, links der Landschaftspark mit großem See.

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    Seit 2018 rahmt der „Portikus“ den Willy-Brandt-Platz vor dem architektonisch wenig ambitionierten Einkaufszentrum.
    Foto: Sebastian Schels

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    Seit 2018 rahmt der „Portikus“ den Willy-Brandt-Platz vor dem architektonisch wenig ambitionierten Einkaufszentrum.

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    Der Turm des 2004 vollendeten Kirchenzentrums ist der einzige Hochpunkt in der Wohnstadt.
    Foto: Sebastian Schels

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    Der Turm des 2004 vollendeten Kirchenzentrums ist der einzige Hochpunkt in der Wohnstadt.

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    Das Wohnmodell „San Riemo“ wurde 2022 mit dem DAM-Preis ausgezeichnet.
    Foto: Sebastian Schels

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    Das Wohnmodell „San Riemo“ wurde 2022 mit dem DAM-Preis ausgezeichnet.

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    Den zweiten Bauabschnitt in der östlichen Wohnstadt prägt übliche Investoren­architektur.
    Foto: Sebastian Schels

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    Den zweiten Bauabschnitt in der östlichen Wohnstadt prägt übliche Investoren­architektur.

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    Die Messestadt Riem (Planmitte)
    schwarzplan.eu

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    Die Messestadt Riem (Planmitte)

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Das Jahr 1992 markiert für die Münchner Stadtentwicklung eine Zäsur. Damals wurde der Münchner Flughafen ins Erdinger Moos verlagert – nun war auf dessen ehemaligen Flächen der Weg frei für die größte Stadterweiterung seit der von 1967 an errichteten „Entlastungsstadt“ Neuperlach. Im Jahr 1992 trat zugleich die Stadtbaurätin Christiane Thalgott ihr Amt an. Ihr erklärter Anspruch war es, bei der Stadtentwicklung neue Ideen zu wagen, was ihr zunächst auch Kritik einbrachte. Doch konnte sie den Stadtrat schon bald für ihre Vorstellungen gewinnen. Die Messestadt Riem im äußersten Münchner Osten wurde zum wichtigsten städtebaulichen Projekt in ihrer bis 2007 dauernden Amtszeit. Für ihre Konzeption erfand sie den Dreiklang von „kompakt – urban – grün“. Kompakt bedeutete flächensparendes Bauen mit standortgerechter Dichte und kurzen Wegen. Urban sollte eine vielfältige und lebendige Nutzungsmischung sein. Grün hieß, wohnungsnahe Grün- und Spielflächen zu schaffen sowie wertvolle Freiflächen zu sichern. Diese Begriffe bildeten dann die Grundlage für die 1998 beschlossene „Perspektive München“ mit der Messestadt als Leitprojekt. Als das Projekt im Jahr 2004 – zur ursprünglich vorgesehenen Halbzeit – evaluiert wurde, stand der grundlegende Planungsgedanke noch immer im Mittelpunkt: „Es soll keine ‚vorstädtische‘ bauliche Struktur entstehen, sondern eine ‚innerstädtische‘, auch im Sinne eines ‚urbanen‘ Stadtteils.“1
Leitlinien für die Überplanung der früheren Flughafenflächen waren die Funktionstrennung und eine Dreiteilung: im Norden ein Drittel für die neue Messe sowie Gewerbe, in der Mitte ein Drittel für die Wohnstadt mit Einkaufs- und Kirchenzentrum, im Süden ein Drittel für den Landschaftspark. Erste Meilensteine waren 1998 die Eröffnung des Messegeländes und ein Jahr später die Fertigstellung der U-Bahnlinie2 zur Messestadt. Ausgangspunkte für die parallel begonnene Wohnbebauung waren die beiden U-Bahnstationen im Westen und im Osten des neuen Stadtteils. Als die ersten Zeilen vollendet waren, hagelte es Kritik, vor allem in der veröffentlichten Meinung. Die Bauten seien banale Stangen, die Fassaden einfallslos, die Straßenfluchten öde. Diese Kritik war berechtigt, umso mehr, als die ersten Bewohner eine nur rudimentäre Infrastruktur vorfanden. „Riem braucht eben seine Zeit“, antwortete die Stadtbaurätin, als sie auf die Defizite angesprochen wurde.2 Dieser Satz bewahrheitete sich, als nach der Jahrtausendwende der Anteil an qualitätvoller Architektur anstieg.3 Ein Vorläufer war die 1998 eröffnete Grund- und Hauptschule der Stuttgarter Architekten Mahler Günster Fuchs an der Promenade, ein weiterer – als „ökologisches Pilotprojekt“ – das 1999 bezogene „Galeriahaus“ mit 172 Sozialwohnungen an der Lehrer-Wirth-Straße, für das der Münchner Architekt Karl-Heinz Röpke sofort den städtischen Ehrenpreis für guten Wohnungsbau erhielt.
In den folgenden Jahren bildeten sich wahre Inseln der Baukultur – mit weiteren Schulen, mit Kindergärten und sozialen Einrichtungen. Ein herausragendes Beispiel ist das 2004 vollendete ökumenische Kirchenzentrum von Florian Nagler am Platz der Menschenrechte, eine nach außen hin markant geschlossene Anlage mit einem gemeinsamen Kirchturm, dem einzigen Hochpunkt in der Wohnstadt (Bauwelt 35.2005). Auch im Wohnungsbau nahmen die Ambitionen zu. So entstanden an der Heinrich-Böll-Straße bis 2011 zwei Zeilen mit dreigeschossigen Reihenhäusern der Architekten Bucher Beholz: Diese im individuellen Eigentum befindliche Anlage wurde nicht nur mit dem Deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet, sondern sogar in den Kanon vorbildlicher Münchner Gegenwartsarchitektur aufgenommen.4
Lange Zeit unbefriedigend war die bauliche Situation am Willy-Brandt-Platz, der unmittelbar an der U-Bahnstation Messestadt West liegt. Verkehrstechnisch optimal erschlossen, wurden dort die Riem Arcaden als „Herzstück und Marktplatz“ des neuen Stadtteils geplant. Nachdem 2004 das architektonisch banale Einkaufszentrum eröffnet worden war, sorgten die Architekten Allmann Sattler Wappner schrittweise für eine Aufwertung des Platzes. Zunächst auf der Ostseite durch ein Hybridgebäude mit integriertem Hotelbetrieb, dessen Fassade aus unterschiedlich gefalteten und gelochten Metallpaneelen wie ein Vorhang wirkt.
Im Jahr 2018 erhielt der Platz endlich eine Fassung: Zwischen die vorderen Bauwerke legten die Architekten ein von acht Stützenpaaren getra­genes Flugdach, das seither als „Portikus“ den Eingang zum Stadtteilzen­trum betont.
Alltag im Grünen
Nicht nur die Zeit, auch das Grün heilt manche Wunden. Wenn man in diesem Frühling durch die Wohnstadt wandert, fällt einem ins Auge, wie sehr sich ihre Erscheinung verbessert hat. Selbst die ersten, seinerzeit hart kritisierten Sozialbauten an der Helsinkistraße machen zwar noch immer keinen spannenden, doch immerhin versöhnlichen Eindruck. Entscheidend dafür ist, dass sich der Grünraum entwickelt hat. Auf der Straßenseite begleitet eine Allee die Häuser, in den Höfen erlebt man gepflegte Anlagen aus Hecken, Baumgruppen und Spielplätzen.
Die ambivalente Sicht auf solche neuen Wohnquartiere beruht wohl darauf, ob man sie in erster Linie bau- oder soziokulturell beurteilt. So mag auch bei der Messestadt Riem überraschen, dass die Zufriedenheit der Bewohner ziemlich hoch ist. Wer mit ihnen spricht, hört vor allem von jungen Familien, wie angenehm die Wohnsituation sei. Sie verweisen auf die eigenen Gartenanteile in den Erdgeschossen, auf die Straßen ohne Durchgangsverkehr, auf die nahen Kindergärten, auf den großen Landschaftspark. Eine Urbanität wie in den historischen Münchner Stadtteilen Schwabing, Haidhausen oder Isarvorstadt wird freilich nicht entstehen können. Dieses vermutlich unvermeidbare Defizit an Urbanität wurde bereits 2004 in der Evaluierung der Messestadt benannt: „Dazu fehlen Vielfältigkeit und gewachsene Strukturen; vorstädtische Ballung macht noch keine Urbanität.“
Das Wohnen im Grünen hat auch seinen Preis. Vor allem dann, wenn die Bebauung überwiegend zwei- bis viergeschossig ausfällt. Angesichts der wachsenden Münchner Wohnungsnot würde man inzwischen sicherlich höher und dichter bauen. Teilweise wirkt die Messestadt wie eine ruhige Gartenstadt. Vitales Leben an jeder Ecke findet hier nicht statt. Junge Familien mögen zufrieden sein, junge Leute sind es eher nicht. So war denn auch für die neue Genossenschaft „Kooperative Großstadt“ ein Grundstück in der Messestadt nicht die erste Wahl, wie uns die Gründungsmitglieder Reem Almannai und Florian Fischer bestätigen. Umgekehrt hat das Quartier Glück gehabt: Mit dem genossenschaftlichen Wohnmodell „San Riemo“ der Architekten Summacumfemmer und Juliane Greb beherbergt es ein innovatives Gebäude, das auch mit dem DAM-Preis 2022 ausgezeichnet wurde.

Sozialer Brennpunkt

Gökhan Deger wohnt seit zwanzig Jahren in der westlichen Messestadt und vertritt die Freien Wähler im örtlichen Bezirksausschuss, dem gewählten Stadtteilparlament. Seine Bilanz fällt zwiespältig aus. Auf der einen Seite lobt er die mittlerweile gute Versorgung mit Kindergärten und Schulen, andererseits beklagt er die Zunahme an Jugendkriminalität und Vandalismus. Früher habe man sich wie auf dem Dorf gekannt, nun machten sich immer mehr „komische Leute“ breit, etwa auf dem Platz der Menschenrechte. In den Münchner Zeitungen waren Drogenhandel, Einbrüche und Überfälle erst kürzlich ein großes Thema. Für die Sozialarbeit gibt es mehr denn je zu tun. Dem Vandalismus begegnet man vor allem im Landschaftspark, der von den Gestaltern auch durch lange Mauern gegliedert wurde. Dort gibt es kein Element, das nicht mit Parolen oder Zeichen beschmiert wäre – weit entfernt von bereichernder Street Art. Doch der mangelnde Respekt vor dem öffentlichen Raum bis hin zur Vermüllung prägt längst auch Münchner Innenstadtbereiche. Da wirkt es nur noch possierlich, wenn im grün-rot dominierten Stadtrat ständig von einer „Verbesserung der Aufenthaltsqualität“ die Rede ist.

1 Landeshauptstadt München: Die Evaluierung der Messestadt Riem 2004, Kurzfassung zur Ausstellung, München 2005, S. 10

2 Münchner Spezialitäten. Wolfgang Jean Stock im Gespräch mit Christiane Thalgott, in: Der Architekt, 1999, Heft 2, S. 23

3 Siehe Nicolette Baumeister: Neues München. Münchner Baukultur 1994–2004, Berlin, 2004, S. 121-145

4 Technische Universität München und Bayerische Akademie der Schönen Künste (Hrsg.): Die Tradition von morgen. Architektur in München seit 1980, München 2012, S. 128 f.




Adresse Elisabeth-Castonier-Platz 25, 81829 München


aus Bauwelt 13.2023
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