Bauwelt

Unsicherheit

Die Münchner Konferenz Architecture Matters stand im Zentrum eines Veranstaltungsfrühlings, der zeigte, wie sich die Debatten von Architektur und Immobilienwirtschaft angenähert haben. Von der Mipim bis zum Tag der Immobilienwirtschaft kreisten sie um dieselben Fragen: Sicherheit, Resilienz und Transformation.

Text: Christian Brensing

  • Architecture Matters beging in diesem Jahr sein 10. Jubiläum

    Architecture Matters beging in diesem Jahr sein 10. Jubiläum Foto: Tanja Kernweiss

    Architecture Matters beging in diesem Jahr sein 10. Jubiläum

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Keynote von Elisabeth Diller

    Keynote von Elisabeth Diller Foto: Tanja Kernweiss

    Keynote von Elisabeth Diller

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Keynote von Reinier de Graaf

    Keynote von Reinier de Graaf Foto: Tanja Kernweiss

    Keynote von Reinier de Graaf

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Carlo Ratti, David Basulto, Martha Thorne

    Carlo Ratti, David Basulto, Martha Thorne Foto: Tanja Kernweiss

    Carlo Ratti, David Basulto, Martha Thorne

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Nadin Heinich mit Elisabeth Merk

    Nadin Heinich mit Elisabeth Merk Foto: Tanja Kernweiss

    Nadin Heinich mit Elisabeth Merk

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Keynote von Gerald Knaus

    Keynote von Gerald Knaus Foto: Tanja Kernweiss

    Keynote von Gerald Knaus

    Foto: Tanja Kernweiss

  • Diskussion mit Gästen aus der Immobilienbranche

    Diskussion mit Gästen aus der Immobilienbranche Foto: Tanja Kernweiss

    Diskussion mit Gästen aus der Immobilienbranche

    Foto: Tanja Kernweiss

Unsicherheit

Die Münchner Konferenz Architecture Matters stand im Zentrum eines Veranstaltungsfrühlings, der zeigte, wie sich die Debatten von Architektur und Immobilienwirtschaft angenähert haben. Von der Mipim bis zum Tag der Immobilienwirtschaft kreisten sie um dieselben Fragen: Sicherheit, Resilienz und Transformation.

Text: Christian Brensing

Ernüchterung

Mipim, Cannes | 9.–13. März 2026
„Nicht die beste aller Mipims“, fasste eine langjährige Teilnehmerin die diesjährige Immobilienmesse in Cannes zusammen. Tatsächlich wirkte die Mipim ungewohnt verhalten. Angesichts der anhaltenden Krise der europäischen Immobilienmärkte und geopolitischer Turbulenzen präsentierte sich die Messe kleiner als in den Vorjahren. Einige Städte – darunter Stuttgart – blieben ganz fern, Berlin teilte sich erneut den Pavillon mit Manchester. Auch traditionell stark vertretene Akteure wie Paris, London oder Saudi-Arabien traten zurückhaltender auf. Übrig blieb ein Flickenteppich einzelner Investitionsstandorte. Auffällig war der Beitrag Albaniens: Der Messestand inszenierte Architekturprojekte als Schallplatten-Cover in einem Plattenladen. Architektur erschien hier als hitverdächtiges Produkt, das im Wettbewerb um Investitionen Aufmerksamkeit erzeugen und Identität stiften sollte. Wer wollte, konnte eine Schallplatte als Werbegeschenk mitnehmen.

Haltung

Architecture Matters, München | 15.–16. April 2026
Dass sich Architektur und Stadtentwicklung heute keinesfalls noch isoliert diskutieren lassen, zeigte bereits der Auftaktabend von Architecture Matters. Die Eröffnungsvorträge des Verteidigungsanalysten Frank-Stefan Gady über den Krieg in der Ukraine – in einer Videoschalte mit Nadin Heinich, der Initiatorin der Konferenz – und von Gerald Knaus von der European Stability Initiative über die geopolitischen Herausforderungen Europas spannten den Bogen weit über die Disziplin hinaus. Das Konferenzmotto „How to connect to an uncertain future?“ erhielt dadurch eine unmittelbare politische Dimension.
Architektur sieht sich heute mit Krisen konfrontiert, die weit über das Bauen hinausreichen: geopolitische Konflikte, Klimawandel oder die Frage nach der Verantwortung beim Arbeiten für autoritäre Regime. Wie unterschiedlich die Antworten darauf ausfallen können, zeigten zwei der prägendsten Vorträge der Konferenz.
Elizabeth Diller (Diller Scofidio + Renfro) plädierte für eine Architektur, die Haltung bewahrt. Anhand des Sarjadje-Parks in unmittelbarer Nachbarschaft des Kreml schilderte sie, wie ein als öffentlicher Freiraum konzipiertes Projekt nachträglich politisch vereinnahmt wurde. Ihre Konsequenz daraus war jedoch nicht der Rückzug. Vielmehr machte Diller deutlich, dass Architektur ihre gesellschaftliche Verantwortung gerade unter veränderten politischen Bedingungen behaupten müsse.
Reinier de Graaf stellte dieser Position eine grundsätzliche Skepsis gegenüber. Mit seinem vierzehn Punkte umfassenden Manifest Architecture against Architecture hinterfragte der OMA-Partner den Anspruch der Disziplin, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen zu können. Zu seinen provokanteren Thesen gehörte die Beobachtung, dass Sicherheit die ökologische Nachhaltigkeit zunehmend als leitendes Paradigma verdränge. Seine Diagnose erinnert an Philipp Staabs Analyse in Systemkrise (2025): „Die Fortsetzung der Verhältnisse, nicht die Überwindung des Status quo steht im Fokus. Nicht die transformative Zukunft, sondern Gegenwartsverlängerung bildet das eigentliche Motiv.“ Passenderweise lag Staabs Buch neben den Publikationen der Referenten auf dem Büchertisch.
Diller und de Graaf entwarfen keine gegensätzlichen Zukunftsbilder, sondern markierten die Spannweite, innerhalb derer sich Architektur heute bewegt: zwischen dem Beharren auf gesellschaftlicher Verantwortung und der selbstkritischen Einsicht in die Grenzen ihrer Wirksamkeit. Pragmatischer fiel die anschließende Diskussion mit Vertretern aus Immobilienwirtschaft, Politik und Finanzwesen aus. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Planung unter veränderten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wieder handlungsfähig werden kann. Thomas Sevciks Verweis auf Houston als Stadt ohne klassische Bauleitplanung markierte dabei die wohl radikalste Position, die nicht unwidersprochen blieb.
Als besonders produktiv erwiesen sich die parallel stattfindenden Focus Sessions. Hier ging es weniger um große Zukunftserzählungen als um konkrete Fragen der Finanzierung, des Einsatzes Künstlicher Intelligenz, den Fallstricken der Nutzungsmischung oder der Rückkehr industrieller Produktion in die Stadt. Die Diskussionen blieben nah an der Planungspraxis und gewannen durch die aktive Beteiligung des Publikums an Tiefe.

Handlungsfähigkeit

polis Convention, Düsseldorf | 6.–7. Mai 2026
Nach der verhaltenen Stimmung auf der Mipim wirkte die polis Convention beinahe wie ein Gegenbild. Rund 8000 Besucher füllten die Schmiedehalle im Areal Böhler. Der Andrang spiegelte jedoch weniger eine Erholung des Marktes als den wachsenden Abstimmungsbedarf zwischen Kommunen, Planern, Immobilienwirtschaft und Energieversorgern. Planung erscheint heute zunehmend als Gemeinschaftsaufgabe.
Unter dem Leitthema „Neue Horizonte“ versammelte die Messe rund 400 Aussteller aus Stadtentwicklung, Planung, Immobilienwirtschaft, Politik und Energiewirtschaft. Neu hinzu kam der Themenbereich „Energie und Netze als Raumfrage“. Mit der begleitenden polis tomorrow rückten kommunale und regionale Infrastrukturen stärker in den Mittelpunkt. Planung wurde hier weniger als Gestaltung einzelner Projekte verstanden, sondern als Koordination komplexer Transformationsprozesse.
Entsprechend pragmatisch fielen viele Diskussionen aus. Im Mittelpunkt standen Fragen der kommunalen Wärmewende, der Transformationsfinanzierung, resilienter Energiesysteme, oder des vielfach beschworenen und gescholtenen Bauturbos. Wichtig war die Suche nach praktikablen Lösungen. Diesen Anspruch formulierte auch Katja Domschky, Präsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, in ihrer Eröffnungsrede: „Wir sprechen über nachhaltige Bestandsentwicklungen und verantwortungsvolles Weiterbauen. Und darüber, welche Rahmenbedingungen wir dazu brauchen. Wir wollen vorankommen, ohne dabei die Baukultur aus dem Blick zu verlieren.“
Dennoch blieb die wirtschaftliche Lage allgegenwärtig. Die Schwierigkeiten klassischer Assetklassen – vom Büro bis zum Wohnungsbau – bildeten den Hintergrund vieler Gespräche. Umso größere Aufmerksamkeit erhielt die Diskussion über Spezialimmobilien. Sie machte deutlich, dass die Branche ihre Zukunft zunehmend in stärker ausdifferenzierten Marktsegmenten sucht.

Neuorientierung

Tag der Immobilienwirtschaft, Berlin | 19. Mai 2026
Der Tag der Immobilienwirtschaft schließlich verfestigte den Eindruck, wie stark sich der Fokus der Branche verschoben hat. Begriffe wie Sicherheit und Resilienz, die lange vor allem politische Debatten prägten, bestimmen inzwischen auch den ökonomischen Diskurs. Bereits der Titel der Keynote von Jens Südekum und des anschließenden Gesprächs mit ZIA-Hauptgeschäftsführerin Aygül Özkan „Sicherheit. Resilienz. Souveränität – Der neue ökonomische Rahmen“ setzte den Ton der Veranstaltung.
Wie schon auf der Mipim oder bei Architecture Matters stand weniger die kurzfristige Marktentwicklung im Mittelpunkt als die Frage, welche Rolle Immobilien künftig in einer zunehmend instabilen Welt spielen. Eine erstaunliche Annäherung fällt auf: Architektur und Immobilienwirtschaft sprechen heute zunehmend über dieselben Herausforderungen – Unsicherheit, Transformation und Resilienz. Ob daraus auch neue Formen der Zusammenarbeit entstehen, dürfte die spannendere Frage sein als die nächste Marktprognose.


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