Bauwelt

Von Supermanzanas zu Pantoffelkirchen

Unser Autor sprach im Rahmen der Manifesta 16 mit ihrem „First Creative Mediator“ Josep Bohigas, Architekt und Stadtplaner aus Barcelona

Text: Text und Übersetzung: Englert, Klaus

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Josep Bohigas, Architekt und Stadtplaner aus Barcelona, kuratiert und konzipiert die Manifesta 16 in leitender Funktion
Foto: Daniel Bartolome Bermudez

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Josep Bohigas, Architekt und Stadtplaner aus Barcelona, kuratiert und konzipiert die Manifesta 16 in leitender Funktion

Foto: Daniel Bartolome Bermudez


Von Supermanzanas zu Pantoffelkirchen

Unser Autor sprach im Rahmen der Manifesta 16 mit ihrem „First Creative Mediator“ Josep Bohigas, Architekt und Stadtplaner aus Barcelona

Text: Text und Übersetzung: Englert, Klaus

Klaus Englert Josep Bohigas, seit Ende 2024 arbeiten Sie als eine Art Chefkurator an dem künstlerischen Konzept für die Manifesta 16 Ruhr. Wie würden Sie als Architekt und Stadtplaner, der viele Jahre lang die öffentliche Agentur „Barcelona Regional“ geleitetet hat, dieses Konzept beschreiben? Und worin besteht die „Urban Vision“, auf die sich die jetzige Manifesta bezieht?
Josep Bohigas Die von uns für die Manifesta ausgewählten Kirchen in den vier Ruhrgebietsstädten Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum bilden ein Netz. Für mich als Stadtplaner ist die Beschäftigung mit diesem Projekt der Versuch, einen umgekehrten Urbanismus zu praktizieren. Es ist das Gegenteil dessen, was wir als Stadtplaner sonst machen. Denn im Allgemeinen betrachten wir die Dinge von außen, wir betrachten die Dinge gänzlich neu, wir kommen zu großen Entscheidungen und Projekten, um schließlich das Leben der Menschen zu verbessern.
Im jetzigen Fall ist die Perspektive umgekehrt, denn wir gelangen vom Inneren zum Äußeren. Prägend für uns war der nach dem Krieg im Bistum Essen entwickelte Begriff der „Pantoffelkirche“. In der Nachkriegszeit war es das Ziel, „um die Ecke“ für jeden Bergmann und Arbeiter einen zentralen Ort der Gemeinschaft zu schaffen. „Pantoffelkirche“ ist ein phantastisches Konzept, man brauchte nur seine Pantoffel anziehen, um zur nächsten Kirche zu gelangen. Das bestehende Kirchen-Netz gestattet es, die jeweiligen Kirchen und Quartiere untereinander zu verbinden. Die Veränderung und die Aufwertung der Stadtviertel geschieht also ausgehend von diesen Ankerpunkten. Der sich von innen nach außen gerichtete Urbanismus müsste komplementär zum traditionellen Urbanismus aufgefasst werden. Dieser umgekehrte Urbanismus macht die „Urban Vision“ der Manifesta 16 Ruhr aus.
Klaus Englert Wie ist es denn zu der Entscheidung gekommen, profanierte und entwidmete Ruhrgebietskirchen in Austragungsorte für die Kunst-Manifesta zu transformieren?
Josep Bohigas Ich muss gestehen, dass mich persönlich Kirchen nicht so sehr interessieren, stattdessen geht es mir um die Quartiere, in denen die Kirchen stehen. Nachdem ich zur Ruhr-Manifesta eingeladen worden war, erfuhr ich von den wirtschaftlichen Umbrüchen, die sich auf die Manifesta auswirkten: vom Niedergang der Montanindustrie, der neuen programmatischen Ausrichtung vieler Fabriken, den Auswirkungen der IBA Emscherpark und der ökologischen Transformation vieler Landstriche an der Ruhr. Das sind die zentralen Ausgangspunkte.
Weil ich mich als Stadtplaner intensiv mit den Barrios in Barcelona auseinandergesetzt habe, ging es mir im Ruhrgebiet darum, die Potentiale und Gefährdungen der Stadtviertel zu untersuchen. Dabei fand ich heraus, dass die Stadtquartiere im Ruhrgebiet zu den gefährdetsten in ganz Deutschland gehören. In Gelsenkirchen, einer der ärmsten Städte des Landes, konzentrieren sich in vielen Vierteln die größten sozialen Probleme. Ich stellte fest, dass sich die Stadtviertel, die in früheren Jahren von Bergarbeitern bewohnt wurde, heute stark von Einwanderern bevölkert sind. Damals haben die Kirchen als Bindeglied in den Viertel hineingewirkt und dabei den sozialen Zusammenhalt gefördert. Spätestens seit der Aufgabe der Kirchengebäude ist diese Zeit endgültig vorbei. Heute haben sich die Stadtviertel komplett verändert. Dabei sind die aufgegebenen und leeren Kirchen zum Reflex dieser Veränderung geworden. Ein zentraler Ausgangspunkt unserer Überlegungen besteht darin, in den Vierteln einen Ort der Nähe wiederherzustellen. Das ist ein Versuch, der am besten in den Quartieren zu realisieren ist. Beispielsweise haben wir die Türen der Gelsenkirchener Kirche St. Josef geöffnet und zusammen mit den Anwohnern Werkstätten eingerichtet.
Klaus Englert Worin besteht Ihre Erfahrung, die Sie aus Barcelona in die Ruhrgebiet-Städte übertragen konnten?
Josep Bohigas Unsere Herangehensweise geht auf meine Erfahrungen mit den „Supermanzanas“ in Barcelona zurück, die ich zehn Jahre lang begleitet habe. In Barcelona haben wir die Idee der 15-Minuten Stadt realisieren wollen, die mit ähnlichen Zielsetzungen verbunden ist. Während der Manifesta versuchen wir zusammen mit den Künstlern, den Quartierszusammenhalt durch die künstlerischen Projekte in den Kirchen wieder fassbar zu machen. Die Kirchen könnten somit zum Motor einer sozialen Veränderung werden, sie sind in der Lage, Nähe und sogar demokratische Teilnahme herzustellen. Die Kirchen wären dann nicht mehr eine religiöse Institution, sondern eine wichtige soziale Infrastruktur, um die verloren gegangenen Aktivitäten in den Stadtvierteln wiederzubeleben. Das Manifesta-Thema lautet „This is not a Church“, es ist verbunden mit der Aufforderung, sich über andere Raumprogramme Gedanken zu machen. Die Kirche ist mehr als ein bloßes Gebäude, sie kann ein Netz sozialer Beziehungen aktivieren.


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