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Späte Distanz

Sebastian Redecke stellt einen Kirchenbaumeister vor, dem ein Entwurf zu groß und pompös geworden ist

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

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Sebastian Redecke stellt einen Kirchenbaumeister vor, dem ein Entwurf zu groß und pompös geworden ist


Späte Distanz

Sebastian Redecke stellt einen Kirchenbaumeister vor, dem ein Entwurf zu groß und pompös geworden ist

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Die neue Kathedrale des Heiligen Herzens Jesu entwarf der Architekt James McCrery und orientierte sich in groben Zügen an klassischen Vorbildern mit wandhohen Pilastern, rhythmisch gegliederten Säulenarkaden, Oculi, Altarbaldachin, aber nur sparsamen Schmal-Seitenschiffen. Die Vierungskuppel erinnert mit ihren Rippen sogar ein ganz klein wenig an Florenz. Kurzum: eine Kirche passend für die sehr auf Tradition bedachte Diözese in Knoxville, Tennessee. McCrery hat früher mal bei Peter Eisenman in Ohio studiert und in New York gearbeitet. Dann ist er mit eigenem Büro in die traditionelle Architektursprache abgebogen und baut vor allem Sakralbauten. Gerade wurde sein Karmeliterkloster in den Bergen von Wyoming mit leichten Bezügen zu den Klosterzellen der Kartause in Pavia fertiggestellt. Warum findet dieser Architekt mit kleiner Fliege, der Entwurf an der katholischen School of Architecture in Washington D.C. lehrt, hier Erwähnung? Im Dezember wurde er mit dem US-Präsidenten auf dem Dach des Weißen Hauses gesichtet. Man unterhielt sich an der Balustrade angelehnt und zeigte dabei in Richtung ehemaligen Rosengarten.
Bis jetzt waren die Veränderungen, die der Herrscher am Haus vorgenommen hat, relativ begrenzt wie die goldenen Applikationen in Rokoko-Formen, die er in seinem Oval Office anbringen ließ, und ein Marmorbad mit goldenen Armaturen. Der nach rabiatem Abriss neue östliche Seitenflügel mit dem Ballsaal, entworfen von James McCrery, soll nun aber alles auf dem Grundstück, auch das Weiße Haus selbst übertrumpfen. Der Saal, komplett im Classical Architectural Design wurde immer riesiger, von 500 auf nun 1350 Plätze mehr als doppelt so groß. Architekt McCrery wurde das, wie im Dezember zu lesen war, offensichtlich zu viel an Größe und Pracht. Er wollte nicht mehr der jede Änderung akzeptierende Hausarchitekt sein und zog sich zurück, bleibt aber wohl beratend tätig. Näheres war von ihm nicht zu erfahren.
Für den aufgeblasenen Ballsaal ist nun die Architekturfirma Shalom Baranes Associates zuständig. Man muss den 60jährigen Katholiken James McCrery und sein Werk besser kennenlernen, um seine Lage zu verstehen. Er ist nach seinem Irrweg hinein in den überbordenden Prunk, der nach der Bibel sich zutragen kann, sicherlich geläutert und kann sich wieder guten Gewissens seinen Kirchen widmen.

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