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Nicht vorgesehen

Jan Friedrich hat an unerwartetem Ort die Widerständigkeit des Alltags beobachtet

Text: Friedrich, Jan, Berlin

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Nicht vorgesehen

Jan Friedrich hat an unerwartetem Ort die Widerständigkeit des Alltags beobachtet

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Kennen Sie Gateway Gardens? Falls nicht: keine Schande. Wer bei dem Namen an eine Gartenstadt denkt, liegt allerdings falsch. Mit Gärten hat dieser Stadtbezirk von Frankfurt am Main so viel zu tun wie ein Gewerbepark mit einem Park. Gateway Gardens ist ein Business-Quartier: Bürohäuser, Hotels, im Erdgeschoss etwas Gastronomie, dazu eine eigene S-Bahn-Station, nur eine Haltestelle vom Flughafen entfernt. Gewohnt wird hier nicht. Das verdankt sich der Lage. Das Viertel ist auf dem Gelände einer ehemaligen US-Militärsiedlung entstanden, auf einem seltsam bohnenförmigen Reststück zwischen A3, A5 und der autobahnartig ausgebauten B 43. Dazu kommen die Flugzeuge, die beim Anflug auf die Nordwestlandebahn im Abstand von nur wenigen Minuten über das Areal donnern. Nein, Wohnen jenseits von Hotels und Boarding Houses war hier beim besten Willen nicht genehmigungsfähig. Die Hotels sind voll von gestrandeten Flugpassagieren, Messebesuchern und Geschäftsreisenden. Eine ziemlich anonyme Sache also. Und, dachte ich jedenfalls, auch eine ziemlich eintönige. Kürzlich verbrachte ich selbst zwei Nächte in einem der Hotels. Am ersten Morgen steigt auf dem Weg zum Frühstück ein älteres Paar mit mir in den Fahrstuhl, das mich sofort neugierig macht: Die grellbunten Hausanzüge der beiden passen so gar nicht zu dem Geschäftsreisenden-Dresscode, der hier dominiert. Die Fahrt über sieben Stockwerke ist gerade lang genug, um die Sache aufzuklären. „Wohnen Sie auch nur eine Nacht hier?“, fragt mich die Dame, kaum dass die Türen geschlossen sind. „Zwei Nächte“, antworte ich. „Wir sind sieben Monate hier“, entgegnet sie. Sieben Monate? Das Paar sei im Hotel einquartiert, erzählt sie, solange der Wohnblock saniert werde, in dem es seit Jahrzehnten lebt. Sie fühlten sich eigentlich sehr wohl, ihr kleines Apartment sei schön – und das Frühstücksbüffet ganz wunderbar. Dann sind wir unten, bevor ich auch nur eine der vielen Fragen stellen kann, die mir in den Kopf kommen. Doch diese kurze Begegnung reicht schon aus. Selbst an einem Ort wie Gateway Gardens, der ganz für Transit, Geschäft und Zwischenaufenthalt gebaut scheint, entsteht plötzlich etwas anderes: Alltag. Urbanität hält sich offenbar nicht immer an Bebauungspläne.

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