Tokio

Was passiert mit dem Olympischen Dorf nach der Verschiebung von „Tokio 2020“?

Text: Meyer, Ulf, Berlin

    Eine Straße des bislang ungenutzten Olympischen Dorfes. Bald sollte hier eigentlich ein neues Luxuswohnquartier entstehen.
    Foto: Carl Court/GettyImages

    Eine Straße des bislang ungenutzten Olympischen Dorfes. Bald sollte hier eigentlich ein neues Luxuswohnquartier entstehen.

    Foto: Carl Court/GettyImages

    Gelb markiert: das neue Quartier „Harumi Flag“, von dem das Olympische Dorf einen Teil einnimmt.
    Abb.: Harumi Flag

    Gelb markiert: das neue Quartier „Harumi Flag“, von dem das Olympische Dorf einen Teil einnimmt.

    Abb.: Harumi Flag

    Die verwaisten Zimmer für die Athleten verdeutlichen die Absurdität der Situation.
    Foto: picture alliance/AP Images

    Die verwaisten Zimmer für die Athleten verdeutlichen die Absurdität der Situation.

    Foto: picture alliance/AP Images

    Das neue Wohnviertel in exponierter Wasserlage: 23 Hochhäuser mit ins­gesamt 5600 Wohnungen.
    Foto: Harumi Flag

    Das neue Wohnviertel in exponierter Wasserlage: 23 Hochhäuser mit ins­gesamt 5600 Wohnungen.

    Foto: Harumi Flag

Tokio

Was passiert mit dem Olympischen Dorf nach der Verschiebung von „Tokio 2020“?

Text: Meyer, Ulf, Berlin

Gleich nach den Spielen in diesem Sommer sollte das Olympische Dorf umgebaut werden, damit die Besitzer in ihre bereits gekauften Wohnungen einziehen können. Daraus wird jetzt nichts. Die Corona-Krise macht aus dem Olympischen Dorf – zumindest zeitweise – eine Geisterstadt. Das Baukonsor­tium der neuen Hochhausstadt, die man nicht als architektonisches Highlight bezeichnen kann, ist jetzt besorgt. Als provisorisches Notfall-Krankenhaus im Falle einer zweiten Infektionswelle soll das neue Quartier in keinem Fall herhalten. Das würde den Wert der Wohnungen abstürzen lassen.
So war das nicht gedacht: Im Tokioter Hafenviertel Harumi im Bezirk Chuo sollte aus dem Olympischen Dorf nach den Spielen ein riesiger Luxuswohnkomplex werden mit Blick auf die Bucht und Skyline von Tokio. Auf dem 18 Hektar großen Gelände wurden 23 Hochhäuser, Schulen, Läden, Parks und Spielplätze, ein Schwimmbad und ein Fitnessstudio gebaut. Doch am 24. März verkündete Premierminister Shinzo Abe den Rückzug: Er bat das Internationale Olympische Komitee die XXXII. Spiele 2020 in Tokio um ein Jahr zu verschieben. Diese Verzögerung bedeutet für das Olympische Dorf einen ökonomischen und organisatorischen Schwebezustand und verun­sichert die Käufer der Wohnungen: Denn nach der Nutzung der Apartments durch die 11.000 Athleten, sollten die Wohngebäude zu einem teuren Neubauquartier werden. Entworfen hat das gesichtslose Viertel als leitender Architekt Jun Mitsui, ein ehemaliger Mitarbeiter von Cesar Pelli. 940 der insgesamt 5600 Wohnungen wurden bisher als Eigentumswohnungen zum Verkauf angeboten zu Preisen von bis zu 170 Millionen Yen (1,4 Millionen Euro). Diese selbst für das notorisch teure Tokio hohen Preise resultieren teilweise aus der Tatsache, dass die Mehrheit der Wohnungen ungewöhnlich groß ist. Der Bauherr des dichten und äußerst urban wirkenden „Olympischen Dorfes“ ist ein Konsortium der Stadt Tokio und elf japanischen Immobilienunternehmen, darunter die Schwergewichte des japanischen Kapitalismus Sumitomo und Nomura.
Konzerngesteuerter Städtebau
Diese keiretsu genannten Konglomerate dominieren die japanische Volkswirtschaft. Die Firma „Mitsui Fudosan“, einer der bekanntesten Bauherren in Japan und Teil des riesigen Mitsui-Konzern-Konglomerats, gab bekannt, dass sich der Verkauf der zweiten Charge von Wohnungen im Olympischen Dorf von März auf den Sommer verzögern wird. Das habe jedoch nicht direkt mit der Verschiebung der Olympischen Spiele zu tun, sondern mit der Unsicherheit bei vielen potentiellen Käufern und Verkäufern angesichts der Corona-Krise. Die Verschiebung der Spiele wurde am Immobilienmarkt sogar mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen, denn die unklare Situation zuvor galt als größere Belastung. Mehr als 2.000 Interessenten hatten sich zuvor um eine der 940 Eigentumswohnungen, die im Juli zum Verkauf angeboten wurden beworben. Die Nachfrage nach Wohnungen im Quartier „Harumi Flag“ – von dem das Olympische Dorf einen Teil einnimmt – und in dem später einmal 12.000 Bewohner leben werden, war bis dato jedenfalls sehr groß. Käufer müssen jetzt das Kleingedruckte ihrer Verträge genau studieren, um zu sehen, ob sie vom Kauf zurücktreten können, ohne ihre Einlage von normalerweise 5 bis 10 Prozent des Kaufpreises zu verlieren. Der genaue Wortlaut in den meisten Verträgen besagt nämlich, dass nur bei Naturkatastrophen oder höherer Gewalt der Kauf ungültig wird. Die Immobilien-Entwickler haben sich durch diese Klausel rechtlich abgesichert, aber angesichts der Prominenz der olympischen Bauten könnten sie dennoch dazu neigen, sich kulant zu zeigen. Denn angesichts des „Doppelschlags“ eines fallenden Immobilien-Marktes und steigender Image-Probleme könnte die Vorfreude auf die Spiele nachlassen und mit ihr die Kauflaune. Die kleinen Einheiten sollen nach den Spielen renoviert und ebenfalls zu größeren Eigentumswohnungen umgebaut werden.
Die Leere bis zu den Spielen aussitzen
Die Käufer sollen sowieso erst ab März 2023 einziehen, aber die Verschiebung der Spiele schafft jetzt Unsicherheit darüber, wann die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein werden. Der Vertrag sieht vor, dass Käufer Verzögerungen der Übergabe „aus unvorhersehbaren Gründen“ akzeptieren müssen, wenn sie „außerhalb der Kontrolle des Verkäufers liegen“. Die Stadt selbst ist auch bei der öffentlichen Infrastruktur involviert. Die Schulbehörde teilte bereits mit, dass die Eröffnung der Schule, die im Hauptspeisesaal des Olympischen Dorfes eingerichtet werden wird, zum geplanten Termin im April 2023 nicht öffnen kann. Die Unsicherheiten mit Corona werden als Grund genannt. Dies ist allerdings nur eines der vielen Probleme, die durch die Verschiebung der Olympischen Spiele auf die Stadt zukommen. Katsuhiro Miyamoto, Experte für Sportökonomie, schätzt, dass der wirtschaftliche Schaden durch die Verschiebung der Spiele um ein Jahr mindestens 640 Milliarden Yen (5,4 Milliarden Euro) betragen wird. Die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, ging im April davon aus, dass die Häuser des Olympischen Dorfes einstweilen leer und unbewohnt bleiben und notfalls – etwa bei einer zweiten Welle der Infektionen – als Corona-Not-Krankenhäuser benutzt werden könnten. Die Developer sind strikt dagegen. Falls es Corona-Tote in den Notlagern gäbe, wären die Wohnungen „stigmatisiert“ und verlören rapide an Wert. Das könnte „Harumi Flag“ dann zur Geisterstadt machen. Der alternative Vorschlag lautet: die Stadtregierung sollte Hotels kaufen, um die Patienten unterzubringen.

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