Für kurz und für lang

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Stumm, Alexander, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin

Für kurz und für lang

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Stumm, Alexander, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin

Einfach mal machen – dann sieht man schon, ob es besser ist. So kann man die Vorgehensweise des taktischen Urbanismus beschreiben. Zum Einsatz kommen vor allem Farbe, ein paar Poller oder gern auch mal Paletten. Die Selbstverständlichkeit der automobilen Vorfahrt wird temporär in Frage gestellt, zugunsten neuer Orte für die Nachbarschaft. Auf diese Taktiken greifen klassische Guerilla-Aktionen derzeit genauso gern wie die offizielle Seite zurück; gerade während der Pandemie ließ sich beobachten, wie breite Fahrspuren von Straßen in vielen Städten temporär für Radfahrer deklariert oder Parkplätze zu kleinen Terrassen umgewandelt wurden. Manchmal hielt die Farbe länger als geplant, und die provisorisch angeeigneten Räume blieben dauerhaft erhalten.
In unserem Sommerheft spielt die taktische Nutzung von Farbe im Stadtraum die Hauptrolle: Bes­-tes Beispiel ist das Mailänder Programm „Offene Plätze“. Dort werden seit einigen Jahren von der Stadt Kreuzungen und Straßenflächen zuerst mit hohem Farbreichtum „gekapert“, bevor diese dann zu dau-erhaften Plätzen und Freiräumen für die Anwohner umgebaut werden. Was alle fünf vorgestellten Projekte eint: Mit dem Einsatz von knalligen Farben im Stadtraum wird Aufmerksamkeit geschaffen. Sie lenken den Blick auf zuvor übersehene Orte, die bei künftigen Planungen berücksichtigt werden soll-ten. Wie etwa in Rotterdam: MVRDV haben hier mit ihrem Rooftop Walk, einem Weg in schwindelder Höhe über die Dächer der Stadt, auf das große Potential hingewiesen, das in den ungenutzten 18,5 Quadratkilometern Flachdach steckt. Oder in Alfortville: Hier hat der unifarbene Anstrich einem kleinen Kulturzentrum zu mehr Sichtbarkeit verholfen. Oder in Aigle: Wo mit kleinen quietschbunten Follies der ehemals autogerecht umgebaute Place de Marché von den Bewohnern wieder zurück erobert werden konnte. Die nächsten Seiten werden farbenfroh und zeigen, wie kleine Eingriffe große Wirkungen entfalten können.
In Oslo und Brüssel
Pandemiebedingt hat sich auch der Kunstmarkt verändert, stärker digitalisiert. Und auch für Museen und Kunsthallen und ihr Publikum ist die Welt 2022 eine andere als vor Corona. Der Neubau des Norwegischen Nationalmuseums in Oslo und der Anbau der Galerie Xavier Hufkens in Brüssel bringen dagegen die physische Präsenz nicht nur der Ausstellungsstücke, sondern auch der Räume zurück ins Bewusstsein, in denen Kunst gezeigt und gesehen wird: zwei Architekturen, die dem Ort der Kunst Bedeutung und Präsenz im Stadtbild geben.
Vorschau: Bauwelt 17.2022 erscheint am 19. August mit den Themen:
50 Jahre Olympia München 1972 | Holz-Hybrid

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