Durchbruch. Aufbruch?

Sanierung oder Abriss und Neubau: Heftig wird in Frankfurt am Main um die Städtischen Bühnen gestritten. Ist mit der Idee einer„Kulturmeile“ der Befreiungsschlag gelungen? Es ginge noch mutiger, meint unser Autor.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

    Blick von Norden auf die seit 1963 bestehende Doppelanlage der Städtischen Bühnen mit Opernhaus (links), Schauspiel­haus (rechts) und dem gemeinsamen gläsernen Foyer am Willy-Brandt-Platz.
    Foto: Uwe Dettmar

    Blick von Norden auf die seit 1963 bestehende Doppelanlage der Städtischen Bühnen mit Opernhaus (links), Schauspiel­haus (rechts) und dem gemeinsamen gläsernen Foyer am Willy-Brandt-Platz.

    Foto: Uwe Dettmar

    Wie wenig der Komplex nachvielen Jahrzehnten des Gebrauchs und durch unzähli­­ge Umbauten noch als durch gängiges Gebäude wirkt, offenbart sich weniger in den Zuschauern ...
    Foto: Uwe Dettmar

    Wie wenig der Komplex nachvielen Jahrzehnten des Gebrauchs und durch unzähli­­ge Umbauten noch als durch gängiges Gebäude wirkt, offenbart sich weniger in den Zuschauern ...

    Foto: Uwe Dettmar

    ... zugänglichen Teilen wie den Sälen von Schauspielhaus und Oper als vielmehr in den Arbeitsräumen der rund 1200 Mitarbeiter wie Werkstätten, Probenräumen oder Orchestergraben.
    Foto: Uwe Dettmar

    ... zugänglichen Teilen wie den Sälen von Schauspielhaus und Oper als vielmehr in den Arbeitsräumen der rund 1200 Mitarbeiter wie Werkstätten, Probenräumen oder Orchestergraben.

    Foto: Uwe Dettmar

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    Das von Otto Apel/ABB zur Doppelanlage erweiterte Haus in der Zeit nach der Eröffnung 1963. Die aktuelle Diskussion um den Denkmalwert des Gebäudes macht sich vor allem am sogenannten Wolkenfoyer mit der Deckenskulptur des ungarischen Künstlers Zoltán Kemény fest.
    Foto: Ulfert Beckert

    Das von Otto Apel/ABB zur Doppelanlage erweiterte Haus in der Zeit nach der Eröffnung 1963. Die aktuelle Diskussion um den Denkmalwert des Gebäudes macht sich vor allem am sogenannten Wolkenfoyer mit der Deckenskulptur des ungarischen Künstlers Zoltán Kemény fest.

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Foto: Ulfert Beckert

    Die Büros gmp und PFP erarbeiteten Standortvarianten für die beiden Häuser. Bei der derzeit favorisierten Lösung wird zusammen mit anderen Institutionen eine „Kulturmeile“ entlang der Neuen Mainzer Straße ausgebildet. Bei der „Spiegellösung“ entstünde ein vis-à-vis am Willy-Brandt-Platz.

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Die Büros gmp und PFP erarbeiteten Standortvarianten für die beiden Häuser. Bei der derzeit favorisierten Lösung wird zusammen mit anderen Institutionen eine „Kulturmeile“ entlang der Neuen Mainzer Straße ausgebildet. Bei der „Spiegellösung“ entstünde ein vis-à-vis am Willy-Brandt-Platz.

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Variante Kulturmeile
    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Variante Kulturmeile

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Variante Spiegellösung
    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Variante Spiegellösung

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

    Abb.: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner

Durchbruch. Aufbruch?

Sanierung oder Abriss und Neubau: Heftig wird in Frankfurt am Main um die Städtischen Bühnen gestritten. Ist mit der Idee einer„Kulturmeile“ der Befreiungsschlag gelungen? Es ginge noch mutiger, meint unser Autor.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Ob sie nun 900 Millionen, eine Milliarde Euro oder vielleicht auch deutlich weniger kosten werden, das wird die Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main zeigen. Ebenso, ob man noch den Plural gebrauchen oder ob man in zehn Jahren von der Oper und dem Schauspiel sprechen muss. Auf alle Fälle könnten diese Wochen im Sommer 2020 folgenschwer für das Schicksal der größten und teuersten Theaterdoppelanlage der Republik sein. Entscheidende Weichenstellungen stehen an, sogar ein Kompromiss der Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen, deren Ende noch vor wenigen Wochen prophezeit wurde, liegt in der Luft. Andererseits kann man diese Tage auch als Lehrstück dafür wahrnehmen, dass es eben in der Politik ganz banal darum geht, Mehrheiten zu finden. Auch und gerade wenn bei einem Thema architektonische, stadtentwicklungs- und kulturpolitische Aspekte ineinandergreifen. Und dass Architekten, oder besser einige Vertreter dieses Berufstands, selbst in einer solchen Frage eine ausgesprochen blöde Rolle spielen können, wenn sie in der Öffentlichkeit verspätet aktiv werden, falsch argumentieren und ihrer eigenen Kompetenz misstrauen.
Am 30. Januar diesen Jahres verabschiedete sich das Stadtparlament von dem bis dahin verfolgten Ansinnen, das Gebäude der Städtischen Bühnen zu sanieren – was einem Abriss gleichkommt. Zur Erinnerung: 2017 wurde das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie veröffentlicht, die unter Leitung des Hamburger Büros PFP eine ganze Heerschar an Fachplanern erarbeitet hatte: Rund 900 Millionen Euro soll es kosten, den Bau, der ein ganzes Straßengeviert am Westrand der Frankfurter Innenstadt einnimmt, zu sanieren oder neuzubauen. Dass in der Riesensumme auchdie Kosten für zwei Interimsspielstätten, eine Risikomarge und die Preissteigerung einberechnet wurden, dass der Preis also annähernd real und eben nicht politisch war, das woll-te keinen beruhigen. Unzählige Stimmen mel­deten sich, dass bei einer Reduzierung der Ansprüche eine Ertüchtigung der Anlage doch bestimmt billiger zu haben sei. Ein „Gutachten“, das der ehemalige Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf an einem Wochenende mit heißer Nadel strickte, befeuerte dieses Ansinnen.
Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) – die erste in einer ganzen Reihe inzwischen zu diesem Thema – kurz nach Veröffentlichung setzte die Frankfurter Bühnen in den Kontext anderer nationaler und internationaler Theater- und Opernneubauten und -sanierungen (Bauwelt 9.2018). Die Schau, die in mehreren Stationen durch halb Deutschland wanderte, machte zusätzlich die erwähnte Studie laienverständlich. Stadtverordnete verschiedenster Parteien ließen sich in Fraktionsstärke im Ungers-Bau sehen und von Museumsmitarbeitern sämtliche Teilaspekte erklären. Schließlich forderte das Parlament den Magistrat auf, eine Stabsstelle einzusetzen, die besagte Machbarkeitsstudie mit Hilfe einer Reihe weiterer Gutachten prüfen und eine Beschlussvorlage erarbeiten sollte.
Blickt man auf die damaligen Artikel der Lokalpresse zurück, so war zum Jahreswechsel 2017/
18 bei aller Ergebnisoffenheit die allgemeine Stimmung eher für den Erhalt des Baus. Trotz aller funktionaler Schwierigkeiten, die dieses immer wieder umgebaute Gebäude mit sich brachte. Dessen Anfänge reichen bis zum damals renommierten Theaterbaumeister Heinrich Seeling zurück, nach dessen Plänen der Bau als Schauspielhaus 1902 eröffnet wurde. Im Krieg zerstört, wurde das Haus unter Leitung von Otto Apel (1906–1966) bis 1951 wiederaufgebaut und von Apels Büro ABB 1963 zu einer Doppelanlage erweitert. Dieser Zuwachs allerdings hatte einen Geburtsfehler mit schwerwiegenden, dysfunktionalen Konsequenzen: Die Höhenniveaus beider Bühnen sind unterschiedlich. Selbst in der 120 Meter langen, gläsernen Klammer, die an der zum Willy-Brandt-Platz gerichteten Schauseite die Häuser vitrinenartig zusammenfasst, ist der Höhenunterschied zu sehen.
Dennoch: Wie viele so hing auch die zuständige Kulturdezernentin Ina Hartwig an dem Bau. Zu stark die Erinnerung an Erstaufführungen von Brecht und anderen wichtigen Autoren in der Nachkriegsära, an bahnbrechende Operninszenierungen, an das in internationale Schlagzeilen geratene Mitbestimmungsmodell, an Skandale, Ausschweifungen und beinharte Auseinandersetzungen. In Form und Inhalt wurde an den Frankfurter Bühnen inmitten des Bankenviertels Wohl und Wehe der Republik verhandelt. Selbst in jüngerer Zeit feiern beiden Bühnen Erfolge: Eine Jury aus 50 führenden europäischen und amerikanischen Musikkritikern verlieh der Frankfurter Oper insgesamt viermal, zuletzt 2018, den Titel „Oper des Jahres“. Das Schauspiel hat bei mehr als 800 Veranstaltungen pro Saison eine Auslastung von rund 95 Prozent.
Das Problem ist aber, dass die knapp 1200 Personen umfassende Bühnen-Maschinerie gleichsam auf glühenden Kohlen sitzt. Jeden Moment kann Schluss sein. Nicht die Bühnen-, sondern die Haustechnik ist marode, ist veraltet. Zwar gilt Bestandsschutz, doch Brandlasten liegen über­-all herum, weil Platz fehlt. Die größte Probebühne des Hauses ist seit einigen Wochen nicht zu benutzen, weil die Lüftungsanlage, für die es keine Ersatzteile mehr gibt, ausgefallen ist. Das Haus heize im Winter den Willy-Brandt-Platz, im Sommer sei es unerträglich heiß, sagte Schauspiel-Intendant Anselm Weber bei einer Veranstaltung im DAM. Er würde sogar im Römer „vorsingen“ und „vortanzen“, wenn er damit die Beschlüsse der Politiker beschleunigen könnte.
So ist die Koalition in einem fast bühnenreifen Dilemma: Einerseits will sie den Bühnen Planungssicherheit geben und erstklassige Bedingungen schaffen, andererseits muss sie die den städtischen Haushalt auf Jahrzehnte belasten­-de Investition wohl überlegen. Einig ist man sich zumindest, dass es keine neue Neue Altstadt in Frankfurt geben wird: Nochmal wollen sich die Kommunalpolitiker der Mainmetropole von gesammelter Bürgerentrüstung und der auf der Empörungsklaviatur virtuos spielenden Lokalpres­se nicht überrumpeln lassen. So sind denn auch die Debatten innerhalb der Fraktionen und den in den Tageszeitungen gespiegelten Diskursen verschiedener Öffentlichkeiten nur seltsam lose verbunden.
Die Parteien diskutierten vor allem mögliche Standorte der beiden Häuser. Trotz heftiger Kri­tik der doch konservativen FAZ beharrte die CDU darauf, eine Doppelanlage im Osthafen zu bau­en – und den Standort am Willy-Brandt-Platz an einen Entwickler zu verkaufen. Die anderen demokratischen Parteien wollten die Bühnen am alten Standort. Den verschiedenen Bürgerinitia­tiven dagegen ging es um die Gestalt. Mit regelmäßigen Veranstaltungen meldete sich früh schon die „Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt“, die das Seeling-Gebäude wiederaufbauen will. Dann schlug eine „Bürgerstiftung“ um den ehemaligen Planungsdezernenten Martin Wentz vor, eine neue Oper als privater Investor zu bauen und damit den städtischen Haushalt um „viele hundert Millionen Euro“ zu entlasten. Selbst einen Entwurf gab’s, der erinnerte aber an einen aufgeblasenen Supermarkt.
Wenige Stunden nach der anfangs erwähnten Abrissentscheidung des Stadtparlaments fand sich im E-Mail-Postfach einschlägiger Redaktionen und Journalisten eine Nachricht des Kass-ler Architekturtheoretikers Philipp Oswalt, der das Vorgehen heftig kritisierte. Binnen weniger Wochen sammelte Oswalt 435 Erstunterzeichner zu einer Petition, in der eine „Initiative zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt“ den Erhalt des ABB-Gebäudes fordert. Auch wenn diese Initiative „Zukunft“ im Namen trägt, so geht es ihr doch um Vergangenheit. Genauso wenig wie der Seeling-Bau ein herausragendes Beispiel deutschen Jungendstils war, wie die Schauspielhaus-Historisten behaupten, so ist der inzwischen völ­lig heruntergekommene 1963er Bau mit seinen drei Rückseiten, seiner chaotischen Materialvielfalt und schlechten Details kein herausragendes Gebäude der Nachkriegsmoderne. Die Bühnen in Münster oder in Gelsenkirchen spielen im Vergleich dazu in einer ganz anderen Liga.
Dass in Frankfurt Theater-, dass am Main Operngeschichte geschrieben wurde, darüber schweigt sich Oswalts Schreiben aus. Selbst­verständlich kritisieren diese Historisten 2.0 „die maximalen Forderungen der Intendanz“. In der ganzen Diskussion werden seit gut drei Jahren immer wieder die Intendanten zu Feudalfürsten stilisiert, die sich ähnlich wie weiland Bischof Tebarz-van Elst in den Privatgemächern neben den Dienstsitz goldene Badewannen aus Steuergeldern bauen lassen wollen. Die Initiative spricht von den „Bedingungen des vorhandenen Bauwerks und des jetzigen Standorts“, die Arbeitsbedingungen der am Ort tätigen Theatermacher sind ihr offensichtlich egal.
Selbst die Stellungnahme des Landesamtes für Denkmalschutz ist nicht so klar und eindeu­-tig, wie Oswalt und seine Mitstreiter für sich beanspruchen. Sie ist freilich auch nicht so „vor­witzig“ wie der Historienschieber Dankwart Guratzsch in der Welt anzeigte. Die Unlust, die Un­tiefen Frankfurter Kommunalpolitik durchwaten zu wollen, ist ja absolut verständlich. Wer wie welche Geländegewinne beansprucht, wieso sich diese und nicht jene Position durchsetzt, wa­rum welche Interessen in den durchaus inhomogenen Fraktionen obsiegen, all das zu entwirren ist mühselig, aufwendig und kostet Zeit. Doch gewinnt diese Unlust die Oberhand, führt das zu falschen Ergebnissen. So war das bei Stefan Trü­by und seiner pauschalen, die Komplexität und Vielfalt der Vorgänge nicht berücksichtigenden These, die Neue Altstadt sei von Rechtsradika­len initiiert worden. So ist das bei Oswalt und den mittlerweile über 6000 Unterzeichnern seiner Petition.
Den Gang der Dinge wird die Petition nicht aufhalten. Das parlamentarische Verfahren ist bereits zu weit gediehen. Und Ina Hartwig ist ein Coup gelungen. Von der Presse umjubelt, sogar von „Geniestreich“ war die Rede: Mitte Juni stellte die Kulturdezernentin im Deutschen Architekturmuseum vier von den Hamburger Büros gmp und PFP erarbeitete Varianten mit Neubauten für Schauspiel und Oper am alten Standort oder ganz in Nähe vor. Eine davon, auch von Hartwig favorisiert, sticht hervor: Sie setzt beide Häuser in einen neuen städtebaulichen Kontext, der entlang der als Bankenklamm bekannten Neuen Mainzer Straße etwas großsprecherisch „Kulturmeile“ heißen soll. Diese reicht von dem derzeit von Volker Staab erweiterten Jüdischen Museum über den Willy-Brandt-Platz mit dem Schauspiel und dem Taunusturm mit einer Dependance des Museums für Moderne Kunst bis zum neuen Bau der Oper und einer Dependan-ce des Museums für Weltkulturen in einem noch zu errichtenden Turm der Helaba am Scheitelpunkt der Straße. Im Osten schließt ein paar Steinwürfe weiter die Veranstaltungsmaschine „Alte Oper“ die neue Meile ab.
Das ist nicht alles: Zusammen mit ihrem sozialdemokratischen Parteifreund und Planungs­dezernenten Mike Josef hat sich Hartwig so geschickt angestellt, dass sie den zwar als Koali­tionspartner verbundenen, in Wahrheit aber in tiefer Abneigung gegenüberstehenden Christ­demokraten ermöglicht, ihr Gesicht zu wahren. Josef ließ den bei Konservativen beliebten Christoph Mäckler eine Variante erarbeiten, bei der ein rund 50 Meter hoher Büroturm neben dem Schauspiel direkt an der neuen Mainzer Straße zu stehen kommen soll. Die CDU könnte ihre Zustimmung zu Hartwigs Plänen von einem entsprechenden, sich für die Stadt bestimmt lohnenden Grundstücksgeschäft abhängig machen. Und ihrem Publikum vermitteln, ihr sei es in Wahrheit nur um die Finanzierung der Bühnen gegangen.
Es könnte der Durchbruch sein. Hartwig bemüht den genius loci, spricht von der Dichte der Hochhäuser, den Grünräumen der Wallanlage und einen weiteren, wichtigen Beitrag da­-zu. Und doch bedeutet dieser zweifelsfrei gute Kompromiss keinen Aufbruch. Denn das große städtebauliche Projekt ist nicht, dass die Lodenmantelträger vom West- oder Nordend in wenigen Minuten zu ihrer neuen Kulturmeile schlendern können. Das Projekt, das eigentlich ansteht, ist urbanes Wachstum Richtung Osten bis zu einer Verschmelzung mit der Nachbarstadt Offenbach zu einer wirklich großen, das heißt polyzentrischen Stadt in wenigen Jahrzehnten. Faktisch, aber, wie es scheint, ungeregelt geschieht das ohnehin schon. Längst haben Investoren und Entwickler ihre Claims abgesteckt. In der Perspektive der Stadtentwicklung könnte man ein Haus am alten Standort belassen und jenes „demokratische Signal der Transparenz“, das der ABB-Bau zweifellos zeigt, fortschreiben und im Sinne der Denkmalpflege transformieren. Mit zusätzlichen Nutzungen beispielsweise sich an andere Milieus wenden, so dass eine rund um die Uhr belebte Kulturmaschine wenn nicht für alle, so doch für viele Bevölkerungsgruppen entsteht. Eine Transparenz für das 21. Jahrhundert.
Und im Osten könnte man das zweite Haus vielleicht mit einer Theaterakademie, der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und ein paar Modeateliers zu einem Kreativquartier zusammenspannen, das als urbaner Katalysator wirkt und mit entsprechender Infrastruktur und Wohn- und Gewerbevierteln ergänzt wird. Keine Einzelmaßnahme, kein Immobiliengeschäft mit einem bevorzugten, großen Developer, wie die CDU es vorhatte, sondern ein vielstimmiges, in sich abgestimmtes Konzept, das Kraft und Dynamik vermittelt und reale Probleme, vor denen die Politik sonst ebenso ängstlich wie kleingeistig zurückschreckt, zu überwinden hilft. Da könnten Architekten ganz vorne sein, und die Millionen wären zukunftsträchtig investiert. Vor 30 Jahren schon hat der ehemalige DAM-Direktor Vittorio M. Lampugnani ähnliches angedacht und einen Workshop mit kommenden internationalen Größen wie Herzog & de Meuron organisiert. Es ging nicht um billiges Spektakel, sondern um verantwortungsvolle Stadtentwicklung. Was damals wie heute aktuell war und ist – und wohl auch morgen noch aktuell sein wird. Doch solche Visionen sind in Frankfurt, das sich gern Metropole nennt, leider nicht mehrheitsfähig.

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